Kult

«Der Bestatter» tritt ab: Mike Müller weiss, was er tut

Mike Müller Im Unterschied zu manchen Mundart-Schauspielern klingt bei ihm der Dialekt glaubwürdig

Mike Müller Im Unterschied zu manchen Mundart-Schauspielern klingt bei ihm der Dialekt glaubwürdig

«Der Bestatter» ist abgedreht. Zum Finale eine Begegnung mit Hauptdarsteller Mike Müller. Nächstes Jahr werde er «an den zu grossen Schuhen von Dimitri gemessen und für zu leicht befunden». Ein Gespräch über Zürich, Satire und Mundart-Schauspieler.

Ein Tanker auf dem Ozean hat – man kann das nachfühlen, auch wenn man kein Tanker ist – einen langen Bremsweg, bis er zum Stillstand kommt. Und aus dem Stillstand kommt ein Tanker wohl auch nicht allzu rasch in Fahrt – man kann das nachfühlen, auch wenn man nicht Mike Müller heisst. Weil man sieht, wie er an diesem frühen Nachmittag erscheint: Etwas zerzaust, bartstopplig, grauer, als die TV-Maske erlauben würde. So sieht man vielleicht aus, wenn man gerade nichts zu tun hat – oder nicht mehr viel. Der «Bestatter» jedenfalls ist abgedreht.

Es hilft indes dem Inkognito. Während des knapp zweistündigen Gesprächs dreht sich niemand nach dem «Bestatter» um. Kein Wunder, wir sind in Zürich. Da mimt man Grossstadt mit aufgesetzter Gleichgültigkeit. Mike Müller aber hat ein gutes Verhältnis zu Zürich; hier lebt er seit Jahren (Kreis 5). Als zugewanderter Oltner (eher Trimbacher oder Wisner) weiss er inzwischen besser als jeder Zürcher, wo es den besten Käse gibt (in den Markthallen unter dem Letten-Viadukt). Basel oder Bern, sagt er, nähmen nicht annähernd so gelassen Neulinge auf. Anderseits sei man zu Hause, wo immer man den Hut ablege, wie es in einem alten Blues heisst – «ausser vielleicht als Flüchtling». 

An diesem Punkt könnten wir natürlich – um zu schauen, wie sich der Komiker im ernsten Fach schlägt – mit Müller eine Debatte anleiern wie die «NZZ am Sonntag». Sie befragte ihn über Islam, IS-Kämpfer und die Soll-Agenda der Schweizer Politik. Klaglos machte Müller das Geseire mit, obwohl er sofort die Echtzeit-Parodie darin erkannt haben musste. So hatte er die eierverkopfte Sendung «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen wiederholt parodiert, mit beeindruckend präzisem Jargon – kein Wunder, nach 27 Semestern Philosophie.

«Sie stimmen – leider», sagt Müller und führt Gründe an, die man sich aufgrund seiner Jugendbiografie ausmalen kann: Nebenjobs, das Theaterspiel, der damals noch fehlende Druck zum Studium im Windkanal. War es insgeheim Furcht, sich in eine bürgerliche Existenz drängen zu lassen mit präsentablem, aber traurigem Beruf, worin alle Möglichkeiten der Jugend schrumpfen? Müller sagt, dafür sei damals einfach die Luft zu frei gewesen und die Wirtschaftslage zu entspannt, um sich mit solchen Sorgen zu belasten. Gleichwohl schloss Müller, Sohn eines Berufsschul-Rektors, am Ende mit Lizenziat ab: «Von heute gesehen, würde ich das anders angehen.»

Der Ernst des Lebens ist eben komisch. Es gab in den USA das Experiment, in dem man Psychiatrie-Insassen ein Video abspielte mit einer Rede von Ronald Reagan. Die Narren warfen sich unter den Tisch vor lachen. Nichts anderes tat Mike Müller (nach einer Idee von Charles Lewinsky), als er und Mitstreiter eine Sendung der «Arena» transkribierten und Wort für Wort laut lasen. Oder den Originaltext eines «Literatur-Clubs». Die Leute bekamen kaum noch Luft, so grotesk erschien alles. Man fragt sich, weshalb eigentlich nur Komiker den Satirepfeffer im Todernst erkennen.

Was ist gute Satire?

Eine Parodie von Mike Müller überholte sogar das Original: «Da’sch nümme mini …» Weitersprechen müssen wir nicht. Peter Bichsel wurde wahrhaftiger fast bei «Giacobbo/Müller» als im Solothurner «Kreuz». Doch Mike Müller hebt die Hand: «Ich habe Bichsel getroffen zu einem langen Interview. Wir plauderten, dann gab Bichsel das Interview. Auf Anhieb absolut druck- und sendereif. Und dann wieder Plausch. Also Achtung: Bichsel ist – wie man im Schwingen sagt – ein ganz Böser.»

Ein ausgezeichneter Ausdruck. Den muss man sich vor Augen halten, eben jetzt, da Bichsel als nationaler Literatur-Plüschonkel im Land herumgefahren wird. Wie sagt Leonard Cohen? «Im Alter wird man durchsichtig. Aber das ist noch nicht das Ende der Story. Das Ende ist: Ganz zuletzt wird man herzig.» Merken wir uns darum Müllers Einschätzung über Bichsel. Und merken gleich an: Gute Parodie verniedlicht einen Menschen nicht. Geschweige denn, dass sie ihn vorführt oder verhöhnt.

Frei davon war «Giacobbo/Müller» nicht. Übel treibt es häufig die «Heute-Show» des ZDF. Schadenfreude ist am billigsten. Auch wenn die Komiker-Crew beim ZDF, wie eine Grundregel der Satire besagt, Mächtigen auf die Füsse tritt, tut sie das meist mit der Attitüde (hysterisch genug): «Die Clowns dort, wir hier.» Anders der grosse Josef Hader in Österreich: Der jämmerlichste Trottel unter lauter Trotteln ist immer er.

Immerhin, jetzt ist Müller in Fahrt. Sofort erkennt man ihn besser: Das Auge nimmt intensiv Schwarz an, die Wangen einen rosa Ton. Auch zu diesem Phänomen – Spannkraft und Gesicht – hat Müller Interessantes zu sagen, fast magisch Anmutendes.

«Ich finde meinen Job eh super»

«Ich finde meinen Job eh super» (3. Januar 2017)

Mike Müller über die Herausforderungen der Figur Luc Conrad, sein Mitspracherecht bei der Serie und das Anschnallen im Bestattungswagen.

Doch meint er es ernst, im Gegensatz zur Schlusspointe … nein, nicht hinunterhüpfen jetzt, die Schlusspointe versteht man nicht (ätsch!) ohne das: Müllers Bugwelle gegen die «ewigen Vergleiche» mit deutscher oder gar britischer Satire schäumte hie und da in den Blättern auf. Tatsächlich macht jede Leier grundsätzlich muff. Und zum Inhaltlichen müsste man aufwendige Recherchen treiben, was selten geschieht. Monty Pythons berühmte Sketches sind lange her. Und zur Debatte in der Schweiz – alle Satire hier sei mittelmässig – sagt Müller, die genau gleiche gebe es in Deutschland. Natürlich kommt auch wieder der Vorwurf, Kritiker würden die Genres verwechseln: Satire, Comedy, Late-Night-Show.

Mit Verlaub: Da spricht wohl eine Parodie real, Müllers Hanspeter Burri (oder Giacobbos Buchhalter Bischofberger). Ob auf der Bühne der Funke springt, ob ein Dialog, eine Pointe, ein Witz «funktioniert», nimmt man als Zuschauer im Rückenmark wahr; wenn etwas knapp daneben liegt, ungut im Bauch. Weder Rückenmark noch Bauch kümmern saubere Genre-Mäppli. Genau das – unter anderem – warfen Müller und Giacobbo auf Twitter jüngst dem Kritikus von der NZZ vor, ein Schattenboxen mit viel Satirepotenzial. Der Mann von der NZZ (Peer Teuwsen), sagen wir, sei ein intelligenter Kulturgeist. «Ah, ist er das?» – Mikes Ton können wir leider nicht wiedergeben; ganz der Profi, ausgebufft, ein wirklich Böser.

Müller weiss, was er tut

Verlassen wir hier das fruchtlose Kreisen im Tretrad! Es drehte sich ohnehin um Michael Elseners «Late Update» (dazu habe er seine Meinung abgegeben, sagt Müller; natürlich nicht öffentlich, sondern intern). Müller kann Punkt für Punkt Kritik üben, aber auch Kritik sezieren, immer mit der Beteuerung, eine schlechte Kritik per se sei ihm «sch…egal». Was er hasse, seien falsche Zuordnungen und Schlendrian. Dieses Stichwort – Schlendrian – ist jetzt der Einstieg zu einer wirklich interessanten, handwerklichen Diskussion.

Müller spricht vom Set beim «Bestatter», von seiner Hartnäckigkeit beim «Durchbuchen», wo es manchmal heftigen Streit absetzte, anders als nachher, auf dem Set. Er erzählt vom jüngsten Auftritt in Ausserberg VS mit seinem Stück «Die Gemeindeversammlung». Nach fünf Minuten hätten die Leute vergessen, dass sie den Zampano aus der Glotze kennen: «Dann müssen Sie liefern, gehauen oder gestochen.» Er sagt, wie Pointen, Sketches entstehen, wer da alles «inputtet», aber am Schluss nur zwei (oder einer) das Sagen hat. Und warum das nur klappt über das Monomanische. 

Es ist faszinierend, wie viel Müller von dem weiss, was bei den meisten «unbewusst» vonstattengeht. Mal sagt er nebenbei, viele Dinge beim «Bestatter» hätten während «Spaziersitzungen» stattgefunden. Auch «Faulenzen» befördert die Klarheit über kreative Prozesse. Festhalten lässt sich zweifellos: Der Mann weiss, was er tut. Wer etwa hat ihm gesagt, dass er im «Bestatter» fast nichts machen solle mimisch; nur die dunklen Augen bewegen wie Lino Ventura einst?

Warum, im Unterschied zu manchen Mundart-Schauspielern, klingt bei ihm der Dialekt glaubwürdig? «Weil wir eine künstliche Sprache dafür entwickelten», sagt Müller. Und zum Gesicht: «Man muss es zu einem Spiegel machen, fast ohne eigenen Ausdruck, damit ein Gesicht für andere spricht. Ist das Gesicht freilich leer, ergibt sich keine Wirkung. Die Spannkraft dahinter müssen Sie aufbringen, das Gefühl, es mimisch aber nicht betonen.» Bester Ausdruck ohne Ausdruck – das klingt nach Magie, Alchemie. Aber liegt nicht in solchen Paradoxen viel vom Geheimnis des Kreativen? 

Schwenken wir zurück zur Mediokratie der Schweiz: Um die Mittelmässigkeit zu überwinden, braucht es ja nicht sechzig Prozent. Auch achtzig, neunzig Prozent genügen nicht. Die letzten paar Prozent machen den ganzen Unterschied aus zwischen «naja» und «wirklich vertammi gut».

Kein anspruchsvolles Publikum

Diese letzten zehn Prozent bilden nur extrem scharfsinnige Kunstrichter und Kunstkenner heraus. Lehrmeister und Tutoren, die künstlerische Vorhaben ungnädig, aber mit Verstand begleiten. Von dieser Sorte hat die Schweiz zu wenige. Letzten Endes lebt hier – schon gar nicht in Zürich, der Nachahmer-City – kein unerbittlich anspruchsvolles Publikum, das auch 97 von 99 Prozent unterscheiden könnte. Melanie Winiger ist ein Hollywood-Star, Baschi in der Rockhalle of Fame vom Birrfeld, einen Bestseller wie Martin Suter verwechseln Publikum und Zeitungen mit einem Schriftsteller. Das Land ist selber schuld an seiner realen Satire.

Solche Dinge kristallisierten sich heraus mit Mike Müller, als der Tanker bei ihm volle Kraft voraus fuhr. Die Publikumsbeschimpfung im obigen Abschnitt nehmen wir auf unsere Kappe. Müller wünscht sich aber, so wie wir ihn verstanden, eine dichtere Schar handwerklicher Kenner.

Im Ernst versanden muss jetzt aber das mitnichten. Nächstes Jahr geht Mike Müller mit dem Circus Knie auf Tournee (plus Viktor Giacobbo). «Eines prophezeien wir Ihnen», sagen wir, «nächstes Jahr werden Sie an den zu grossen Schuhen von Dimitri gemessen und für zu leicht befunden.» «Geht nicht», sagt Mike Müller, «schon meines Gewichts wegen.» Also der bewährte Gummihammer und die Sahnetorte? «Unsere Requisiten liegen bereit», sagt Müller, «aber die sind es nicht.»

Figuren aus «Giacobbo/Müller» in Bildern:

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