Filmtage

Der Berner Autodidakt, der den etablierten Filmern die Show stiehlt

Der Berner Jungfilmer Jeshua Dreyfus sorgt an den Solothurner Filmtagen für einen Höhenflug. Sein Erstlingswerk «Halb so wild» überzeugt alle. Das Überraschendste: Der junge Filmemacher hat sich alles selbst beigebracht.

Wen man in Solothurn auch fragt: Der Film «Halb so wild» bekommt Lob, viel Lob. Auch für die Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer gehört das kleine Werk zu den grossen Überraschungen. 

Den Mann dahinter kennt dagegen kaum einer. Mit gutem Grund: Er hält sich von der Szene fern. «Ich kenne im Filmzirkus praktisch niemanden», sagt Dreyfus im Gespräch mit «Der Nordwestschweiz».    

Das hindert ihn nicht daran, Filme zu machen. Dass er das will, das weiss der heute 27-Jährige schon lange. Als er 15 war, begann er sich dafür zu interessieren. Ein Jahr später kaufte ihm der Vater eine richtig gute Kamera, «für damalige Verhältnisse». Damit nahm der Teenager, der in einer Hippie-Komune im Berner Oberland aufgewachsen ist, seine Abschluss-Arbeit an der Rudolf Steiner Schule in Angriff.    

Theatermann hilft beim Einstieg

Der Film handelt über Indien. Zweimal reist er ins Land, dokumentiert mit der Kamera das Leben. Der Film öffnet ihm die Türen, wie sich zeigen sollte. An der Aufführung an der Schule ist Stephan Müller dabei,  der Theatermann, der in Zürich das Theater am Neumarkt gross gemacht hatte. Ihm gefällt der Film so gut, dass der den jungen Dreyfus einlud, bei ihm eine Regie-Hospitanz zu machen. 

Dreyfus lässt sich nicht bitten und assistiert Müller bei einem Theaterstück in Basel. Es folgten weitere ein- bis zweimonatige Stages in Berlin und London, wo er das Handling mit der Kamera und den Schnitt  einübt – so gut das als Assistent eben geht. «Ich gab mir ein Jahr, um mir das beizubringen», sagt er.    

Eine Erkenntnis daraus: 70 bis 80 Prozent dreht sich beim Film ums Organisieren und Finanzieren.    

An die Uni statt an die Filmhochschule

Dreyfus schreibt sich an der Uni Basel ein und studiert Philosophie und Wirtschaft. Eine Filmschule kam noch aus einem weiteren Grund nicht in Frage: Dreyfus missfällt der Gedanke, unter Wettbewerbskonditionen Einlass zu einer Schule zu bekommen.    

Während des Studiums realisiert er für drei Organisationen kleinere Auftragsfilme. «Ich konnte sie dank Beziehungen machen», erklärt er. Dann am Ende des Studiums, 2009, der erste Kurzfilm, «Die Terassentüre». Er gewinnt damit den Basler Filmpreis. Die 8000 Franken Preissumme sind das Startkapital für «Halb so wild». Er hat die Kosten für den Lowbudgetfilm mit 30000 Franken veranschlagt.     

Im Keller Schauspieler gecastet

Der Autodidakt geht auf seine Weise ans Projekt heran. Die Schauspieler sucht er in Deutschland, weil es in seinen Augen in der Schweiz zu wenige davon gibt. Er sucht sie übers Internet. 300 melden sich, 150 castet er im Keller zusammen mit der Schwester.  So kommt er zu den drei Hauptdarstellerinnen. Die beiden männlichen Hauptrollen laufen ihm später im wahrsten Sinne über den Weg.    

Die Schauspieler bekommen das Drehbuch weit vorab, dürfen, ja sollen die Dialoge bearbeiten. «Bis zu einem Viertel haben sie umgeschrieben», gesteht Dreyfus. 2010 wird im Tessin, im Val d’Onsernone, gedreht. 33 Tage hat er gefilmt, 52 Stunden Material kommen zusammen.    

Beim Schnitt wählt Dreyfus wiederum unkonventionelle Wege. Er schneidet zusammen mit seiner Freundin in den Bergen eine eigene Fassung. Sie überzeugt nicht. Er heuert zwei junge Cutter an, die je eine Fassung erzeugen. Auch die stimmen noch nicht. Erst jetzt geht Dreyfus zu Daniel Gibel, einem erfahrenen Cutter, der nun die Endfassung herstellt. «Ich habe auf diese Art und Weise sehr viel gelernt», blickt der Jungfilmer zurück.    

Nächstes Projekt im Köcher

Mit der ersten Rohfassung konnte er auch einen neuen Geldgeber an Land ziehen. Die Migros. Sie steuerte 35000 Franken zur Fertigstellung bei.    

2012 wird der Film fertig. In Solothurn feiert er seine Premiere und wird laut beklatscht. 

Und nun? Vielleicht bekommt er ja am Donnerstagabend einen Preis vom Publikum und damit einen Beitrag fürs Budget des nächsten Films. Einen solchen wird es nämlich gehen, soviel steht bereits fest. Es werde um einen Psychiatersohn gehen, der seinen ferienabwesenden Vater «vertritt», sagt Dreyfus. Im März 2014 will er das Drehbuch dazu vorlegen.

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