Das ist mal eine Pointe: Das Licht am Ende des Tunnels ist – die Schweiz! Als Viktoria Budapest verlässt, folgt eine lange Schwarzblende. Schnitt. Jetzt fährt sie mit dem Zug ein in Zürich, im Gepäck die Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie hat ihre Kolleginnen gesehen in Ungarn, sie sind mit neuen Klamotten zurückgekehrt.

«Das Leben ist anders dort, reich und so», sagt eine. «Und ist es gut?», fragt Viktoria. Keine Antwort. Es ist nicht gut. Viktoria beginnt als Strassenprostituierte zu arbeiten und lernt ihren ersten deutschen Satz: «Blasen 50, Ficken 80, komplett 100.»

Der Churer Men Lareida («Jo Siffert») hat für sein Drama «Viktoria: A Tale of Grace and Greed» im Milieu recherchiert. Sein Spielfilm, in dem mehrheitlich Ungarisch gesprochen wird, ist für den «Prix de Soleure» nominiert und sucht stimmungssüchtig nach den Lichtblicken im kaputten Leben. Da ist Viktorias Freundschaft mit einer anderen Prostituierten, da sind die flirrenden Lichter der Langstrasse, da sind die geisterhaften Drones auf der Tonspur. Wie einen Videoclip stilisiert Lareida seinen Trip ins Zürcher Elend.

Er schafft entrückte Bilder, wie ein Pop-Video zu einem Lied, das man irgendwie kennt und doch nie hört. All das wirkt aufgesetzt und synthetisch: Das Inszenierte kommt dem Gelebten in die Quere, ein mögliches Schicksal wird zur Folie für kunstgewerbliche Stilisierung.

Dabei steckt in «Viktoria» eine provokative Idee: Es gibt Schönheit in der miserablen Existenz. Manchmal schimmert sie und glimmt. Dann ist es schön, also wahr. Aber wenn es wahr ist, ist es auch gut, und das kann ja nicht sein und darin läge die Sprengkraft von «Viktoria». Aber Lareida gerät der Film unter der Hand (beziehungsweise im Schneideraum) zum künstlichen Versuch. Er verrät mehr über westeuropäische Pop-Sensibilität und ein von Massenmedien kolonialisiertes Künstlerhirn als über die tristen Zustände im Rotlichtmilieu.

Neuland Schweiz

Dagegen inszeniert der Dokumentarfilm «Neuland» der Baselbieterin Anna Thommen das wahre Leben, ohne es zu verfälschen: Anfangs filmte die 1980 geborene Regisseurin mehr oder weniger planlos die Schüler einer Basler Integrationsklasse. Bald wies sie sie an, so zu tun, als «spielten» sie sich selbst. In der Montage konzentrierte sie sich dann auf wenige Schüler aus Serbien und Afghanistan.

Daraus entstand die höchst sorgfältige Beobachtung von jungen Migranten in der Schweiz. Sie seien hier, erklärt ihr Lehrer Christian Zingg, weil sie «noch nicht verstehen». Sie verstehen bald einiges: Dass sie arbeiten müssen, um die Schulden abzubezahlen, die ihre Schlepper einfordern; dass Träume platzen können und die Schweiz nicht alle haben will; und auch, wie schwierig es ist, sich auf Schweizerdeutsch für eine Schnupperlehre zu bewerben.

Anna Thommen gelingt das empathische Porträt von jugendlichen Migranten, von ihren gebrochenen Biografien und heissen Erwartungen. «Neuland» zeigt: Der Dokumentarfilm lebt nicht von der objektiven Wahrheit. Sondern von der einfühlsamen Auswahl von Wirklichkeitsausschnitten.

Oder eher: von der subjektiven Inszenierung der Realität, die dramaturgisch nachhilft und dem Geschehen dennoch treu bleibt. Die Handschrift bleibt erkennbar eigenwillig, aber die gefilmten Leben werden so scharf umrissen, dass sie uns entgegentreten in ihrer ganzen Deutlichkeit und Dichte.

Neuland (CH 2013) 95 Min. Regie: Anna Thommen. Mittwoch, 20.30 Uhr, Landhaus. Ab 27. März in den Kinos.

Viktoria: A Tale of Grace and Greed (CH 2014) 88 Min. Regie: Men Lareida.