Bereits die Anfangssequenz gibt Rätsel auf: Wir sehen einen Mann in einem Bett in surrealistischem Setting und hören im Off die Geschichte von Io aus der griechischen Mythologie. Von Io, die eine Geliebte des Zeus war und dafür von seiner Gattin Hera bestraft wurde: mit einem Insekt, das ihr um die Welt folgte und sie beinahe in den Wahnsinn trieb. So oder ähnlich fühlt sich auch der Mann, den wir im Bett liegen sehen: Er heisst Jacobo (Francisco Nortes/Emilio Gutiérrez Caba), ist Klavierreparateur und Protagonist des Films «Lo mas importante de la vida es no haber muerto».

Jacobo wird nicht von einem Insekt, dafür von einem sprechenden Schaf in seinen Träumen heimgesucht und von einem fremden Mann, der nachts durchs Wohnzimmer schleicht. Die Begegnung mit dem Eindringling verdankt er überhaupt erst seiner akuten Schlaflosigkeit, und diese wiederum bedeutet für Jacobo das Ende seines beruflichen Erfolgs. Wenn er nämlich ein Klavier zu stimmen hatte, geschah dies jeweils wie durch Zauberhand über Nacht.

Trailer von «Lo mas importante de la vida es no haber muerto»

Trailer von «Lo mas importante de la vida es no haber muerto»

In Jacobos Leben war also schon immer etwas faul. Der Mann im Wohnzimmer, doch das erfahren wir erst mit der Zeit, entwächst nicht Jacobs Fantasie, sondern der harten Realität. Gerald (Carles Arquimbau/Albert Ausellé), so sein Name, flüchtete vor dem faschistischen Regime Francos in den Keller von Jacobo und seiner Frau Helena (Mercé Montalà/Marián Aguilera), deren früherer Liebhaber er war. Nun wartet er und stimmt ab und zu ein Klavier. Doch der Film ist weniger politische Aufarbeitung als vielmehr eine Allegorie auf die Zerbrechlichkeit der menschlichen Vernunft. Sicher, so sagt es Jacobos atheistischer Arzt, ist nur noch der Tod.

Schweizer Co-Regisseur

Sicher scheint auch in diesen Film nur das Ende zu sein. Der Plot ist schwer zugänglich und oft ohne erzählerische Logik. Es bleibt etwa rätselhaft, wie und wieso Gerald in seinem Verliess einen Experimentalfilm gedreht hat, in dem es um einen Frosch geht, der ihn in seiner Nasszelle aufsucht und beobachtet. Dazu sehen wir Bilder einer Badewanne, über die bunte Muster wandern oder die moosbewachsen in einem Märchenwald steht. Der Film im Film thematisiert die Überwachung in der Diktatur.

Der Schweizer Olivier Pictet und die beiden Spanier Pablo Martín Torrado und Marc Recuenco treffen mit ihrem Film nicht das Herz, dazu fehlt es der Geschichte an Zug und den Figuren an Tiefe. Dafür treffen sie umso sicherer den Verstand. «Lo mas importante de la vida es no haber muerto» ist Kunstkino auf höchstem Niveau. Ein wenig Verwirrung durch den Inhalt schadet kaum, wenn dafür auch die eine oder andere Sehgewohnheit des Kinobesuchers effektvoll über den Haufen geworfen wird.

Lo mas importante de la vida es no haber muerto (CH/E 2010), 82 Min. Regie: Olivier Pictet, Pablo Martín Torrado, Marc Recuenco