Als Star hält man sich typischerweise einen Anstandswauwau, einen sogenannten Publicist, der im Interview die unbequemen Fragen abklemmt. Der französische Starregisseur Luc Besson verbietet sich einen solchen Beisitzer, ihm funkt besser niemand dazwischen. Besson hat in sein Filmstudio Cité du Cinéma in Saint-Denis bei Paris geladen, um über «Valerian and The City of A Thousand Planets» zu sprechen, und als eine Person von der Presseabteilung den Raum betritt, wird sie sofort weggewinkt: «Ja, ja, ich komme dann, bye.» Der Störenfried spitzt aber noch immer zur Tür rein. Besson, ungehalten: «Möchten Sie jetzt endlich gehen?»

Nein, pflegeleicht ist dieser Luc Besson bestimmt nicht. Aber der jungenhafte 58-Jährige, der im «Valérian»-T-Shirt zum Interview erscheint, hat Ecken und Kanten, dafür ist man dankbar in Zeiten stromlinienförmiger Stars, die nichts als auswendig gelernte Marketingsätze aufsagen.

Besson lässt sich seine Agenda nicht aus der PR-Abteilung diktieren. Er hat Klassiker auf dem Konto wie «Léon», «Le Grand Bleu» und «The Fifth Element», und er tut sich in einer risikoaversen, aufs Recycling bedachten Blockbusterwelt hervor als einer, der Dinge wagt – auch wenn er das Wagnis «Valerian» herunterzuspielen versucht: «Risiko? Wo, bitte, ist hier das Risiko?», fragt er, als man ihn auf den Produktionsaufwand seines Science-Fiction-Spektakels anspricht: Die Adaption der «Valérian et Laureline»-Comicbücher von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières kostete rund 200 Millionen Euro und ist damit der teuerste Film, der ausserhalb Hollywoods bis anhin gedreht wurde. Aber Besson, der sich als Künstler versteht, will nicht über dem Budget brüten: «Wenn der Film so viel gekostet hat, ist das halt so. Was ist Ihre Frage?»

«Gefallsucht ist gefährlich»

Besson betont, dass die Herausforderung für ihn einzig im Tagespensum bestünde: «Ich stehe auf dem Set mit den Schauspielern und Technikern, und am Ende des Tages muss ich etwas Brauchbares beisammenhaben, das allein ist die Challenge.» Auf die Erwartungshaltung des Publikums oder der Geldgeber gibt er herzlich wenig. «Gauguin, van Gogh, Modigliani, die grossen Künstler versuchten nie, jemandem zu gefallen.» Es gebe zu viele Filme, die darauf abzielten, verschiedene Märkte zu bedienen oder alle Altersgruppen abzuholen. Am Schluss hätten die Zuschauer nichts davon, der Film verzettele sich. «Gefallsucht ist gefährlich. Ich stecke einfach alles in meine Filme, was ich habe – vor allem ganz viel Liebe.»

Besson sagt, er würde sich nie Inspiration bei anderen Filmen holen, das sei, wie wenn reiche Leute sich einzig unter ihresgleichen bewegten: «Die Unterhaltungen sind sterbenslangweilig. Lieber geht man hinaus und schaut Bäume an.» Aber wie stemmt man so ein Grossprojekt? «Am Fuss des Himalaja zum Gipfel hochschauen und fragen: Wie komme ich da bloss hoch? Auf die Weise verliert man. Man muss vielmehr Schritt für Schritt gehen. Was steht heute an? Zwölf Einstellungen. Schaffe ich das? Ja.» Tausendmal sein Tagespensum durchziehen, auf die Art habe man am Ende seinen Film.

«Valerian» war Luc Besson eine Herzensangelegenheit, er hat den Film seinem Vater gewidmet, der ihn, den damals Zehnjährigen, mit den Comics vertraut machte. Die Eltern waren beide Tauchlehrer im Club Med, sie lebten mit Luc in Italien, Jugoslawien und Griechenland, bevor sie nach Paris zurückkehrten, wo in der Zeitschrift «Pilote» Folgen von «Valerian» abgedruckt wurden: «Man musste jeweils sieben Tage warten auf die nächsten zwei Seiten», erinnert sich Besson. «Ich war angefixt von den Abenteuern der zwei Agenten im All, und ich war verknallt in die Heldin, Laureline.»

Als Besson vor 20 Jahren «The Fifth Element» drehte, engagierte er «Valerian»-Zeichner Mézières für das Art-Department des Films. «Ich rief ihn einfach an, weil ich die besten Designer wollte.» Mézières habe Besson mit Sprüchen aufgezogen: «Wieso drehst du dieses blöde ‹Fifth Element›? Ich dachte, du liebst ‹Valerian›? Wieso machst du nicht daraus einen Film?» Tricktechnisch sei man damals noch nicht so weit gewesen, erklärt Besson: «Ein Film mit ein paar menschlichen Figuren und zweitausend Aliens, das war nicht zu schaffen. Aber Mézières und ich haben uns immer wieder über eine Adaption unterhalten, und vor zehn Jahren habe ich schliesslich die Rechte gekauft.»

Besson schrieb ein Drehbuch, das er aber in den Müll warf, als James Cameron mit «Avatar» rauskam. «James, den ich schon auf dem ‹Avatar›-Set besucht hatte, legte die Messlatte enorm hoch. Ich musste von vorn anfangen.»

Auf Augenhöhe mit «Avatar»

Handwerklich hat sich die Extrarunde gelohnt: «Valerian» ist eine bildgewaltige Weltraum-Extravaganza, die sich als farbenprächtiges Knallbonbon messen kann mit «Avatar». Ein visuell überwältigendes Kino der Attraktionen, in dem die Story aber bestenfalls egal ist: Da jagen die Spezialagenten Laureline (Cara Delevingne) und Valerian (fehlbesetzt: der unlockere Dane DeHaan) im 28. Jahrhundert einer Art Gürteltier nach, das wie ein grimmscher Esel hinten und vorn Perlen auswirft, die ein fernes Planetenvolk zum Leben braucht.

Seinen kosmischen Klamauk will Besson als Antwort auf die um sich greifende Düsternis im Comic-Kino verstanden wissen. «All die Filme heutzutage sind so fahl», klagt er, «es regnet zwei Stunden, und der Held weiss weder ein noch aus.»

Die ersten «Batman»-Filme von Christopher Nolan hätten ihm gefallen, aber jetzt würden dieselben Stoffe einfach aufgewärmt, und alle Superhelden lägen zusammen auf einem Haufen, da klinke er sich aus. «Und ich glaube, ich bin nicht der Einzige.»

Was aber, wenn niemand auf seine Smarties-bunte Space-Opera anspringt? «Nach meinem Dafürhalten ist der Film gelungen, das ist mir die Hauptsache. Stellen Sie sich vor, Sie inszenieren einen Film, der zwar erfolgreich ist, aber Müll. Schlafen Sie dann gut? Ich nicht. Was mich stolz macht, ist die Arbeit, die zweitausend Leute über die letzten sieben Jahre in den Film gesteckt haben.»

Es gebe einen kleinen Jungen, sagt Besson noch: «Er heisst Luc, und ich kenne ihn sehr gut. Für ihn habe ich diesen Film gemacht.» Und plötzlich sitzt da ein entrückt lächelnder Luc Besson: «O wie sehr ich mir wünschte, ich wäre noch einmal zehn und könnte ‹Valerian› schauen.»