«Wetten

Das Gewissen der deutschen Fernsehunterhaltung

Der Showmaster Thomas Gottschalk moderiert heute Abend um 20.15 Uhr seine letzte reguläre «Wetten, dass...?» -Sendung – eine kritische Würdigung der Arbeit des 61-Jährigen Bayers.

Als Samuel Koch am 4. Dezember 2010 kurz vor 21 Uhr zu einem Salto über ein fahrendes Auto ansetzte und sich bei dem waghalsigen Stunt zwei Halswirbel brach, da besiegelte der 23-jährige Student nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern beendete auch die langjährige Karriere von Thomas Gottschalk als «Wetten, dass...?»-Moderator. Zwei Monate später gab Gottschalk seinen Rücktritt bekannt. Er könne nicht so weitermachen, als sei nichts passiert, sagte er. «Jetzt ist Schluss mit lustig.» Immerhin: Diesmal hielt der mittlerweile 61-jährige Bayer Wort.

Am 1. April 2006 hatte Gottschalk die Medien mit der Ankündigung, er werde die Show verlassen, schon einmal in Aufruhr versetzt. Und obwohl sein Sender noch am selben Abend Entwarnung gab («ein Aprilscherz»), hatten viele Online-Portale ihre offenbar pfannenfertig in den Schubladen gelegenen Würdigungen des Showmasters bereits publiziert.

Den voreiligen Journalisten muss zugutegehalten werden, dass ein Rücktritt zu dem Zeitpunkt durchaus im Bereich des Möglichen gelegen hatte; seine besten Zeiten hatte der Entertainer da längst hinter sich.

Unkonventionell, locker, auffällig

Gottschalk übernahm die Sendung «Wetten, dass...?» 1987 von ihrem Erfinder, dem als Moderator immer etwas angestrengt wirkenden Frank Elstner. Die Zuschauer beeindruckte er sogleich durch seine unkonventionelle Art, seine lockere Gesprächsführung und seinen auffälligen Modestil: Mit einem einzigen Griff in den Kleiderschrank sorgte er oft für mehr Schlagzeilen als alle anderen Berufskollegen zusammen.

Aus dem biederen «Wetten, dass...?» machte er, dank prominenten Gästen aus dem In- und Ausland, eine glamouröse Unterhaltungsshow, die den beteiligten TV-Sendern jahrelang Rekordquoten bescherte.

Doch irgendwann nach der Jahrtausendwende hatte sich das einstige Erfolgs-Konzept überlebt, die Zuschauerzahlen sanken. Wohl auch, weil die privaten TV-Sender begannen, den öffentlich-rechtlichen Sendern den Samstagabend mit jungen Formaten streitig zu machen.

Grosse Begeisterung?

Das ZDF leugnete diesen Umstand lange Zeit. Anstatt dringend nötige Anpassung am Konzept vorzunehmen, betonten die Verantwortlichen lieber, dass «Wetten, dass...?» nach wie vor die «erfolgreichste Samstagabendshow Europas» sei. Doch an Thomas Gottschalk ging die Entwicklung nicht spurlos vorüber. Zwar sagte er in dieser Zeit oft, dass er seinen Job immer noch mit grosser Begeisterung verrichte. Für den Zuschauer war es aber klar, dass sich Gottschalk damit selbst belog.

Immer häufiger wirkte er bei der Moderation von «Wetten, dass...?» gelangweilt, uninspiriert, sogar genervt. Wenn immer ihm die Redaktion einen aktuellen Star in die Sendung stellte, betonte er, wie wenig er eigentlich mit diesem modernen Zeug anfangen kann. Die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» schrieb einmal, auch in Anspielung auf seinen Zweitwohnsitz in den USA: «Längst wird Gottschalk nicht mehr nur von einem anderen Kontinent in unser Fernsehen eingeflogen, sondern von einer anderen Epoche.»

Desinteresse statt Spontaneität

Seine frühere Spontaneität, welche die dreistündigen Gastspiele im deutschen Fernsehen zwar nicht unbedingt sehr vergnüglich, doch immerhin erträglich machten, wich urplötzlich einem offensichtlichen Desinteresse allem gegenüber, was in der Sendung um ihn herum passierte: Den Comedian Hugo-Egon Balder nannte er einmal einen ganzen Abend lang «Ego-Hugon». Und den Sänger der Band Sunrise Avenue fragte er, wer denn dieser ominöse «Samu» sei, nach dem die Mädchen im Publikum die ganze Zeit rufen. Der Sänger sagte: «Das bin ich.»

Doch Kritik an seiner Person und seiner Arbeit lässt Gottschalk bis heute praktisch keine zu. «Je unvorbereiteter ich bin, desto mehr ha-
ben die Zuschauer davon», glaubt er. Er sagt: «Journalistische Ansprüche werde ich bei den Gesprächen mit meinen Gästen auch diesmal nicht erfüllen.» Und überhaupt: Nach all den Jahren brauche ihm doch keiner mehr zu sagen, wie er «Wetten, dass...?» zu moderieren habe.

«Sie haben, wie immer, völlig recht»

Komischerweise gilt Gottschalk trotz dieser Einstellung in weiten Kreisen noch immer als so etwas wie das gute Gewissen der deutschen TV-Unterhaltung. Als der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor zwei Jahren bei der Verleihung des deutschen Fernsehpreises zu einer wahren Brandrede gegen das TV-Programm ansetzte («alles Blödsinn»; «erbärmliche Darbietungen»; «überall diese TV-Köche!»), war es ausgerechnet Gottschalk, der den zeternden alten Mann besänftigen musste: «Sie haben, wie immer, völlig recht!»

Ein Anflug von Selbsterkenntnis? Thomas Gottschalk kann es jeden-falls nicht entgangen sein, dass sich das Niveau von «Wetten, dass ...?» schleichend demjenigen von Sendungen des Privatfernsehens angepasst hat: Heute kann es schon mal vorkommen, dass prominente Wettpatinnen wie im RTL-Dschungelcamp Stierhoden verspeisen müssen – wenn Gottschalk sie nicht gerade wie ein grenzseniler Lustgreis mit Altherren-Witzen belästigt.

Der schleichende Bedeutungsverlust der Show konnte dennoch nicht gestoppt werden. Den Zuschauern ist die Sendung inzwischen so egal wie dem Moderator selbst.

Er will nochmals Gas geben

Gottschalk hat nun verlauten lassen, dass er zum Abschied noch einmal richtig Gas zu geben gedenkt. Die drei Folgen im Herbst, die das ZDF nach dem letzten regulären «Wetten, dass ...?» von heute Abend noch senden will, sollen entgegen der ursprünglichen Ankündigung keine «Retroshows» werden, sagte er. «Es wird sich in jeder Hinsicht um vollwertige Sendungen handeln.»

Man kann das durchaus als Drohung verstehen.

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