Wissen Sie noch, wie die letzte «Music Star»-Siegerin hiess? Nein? Und wer hat eigentlich die Castingshow «Alpenrose» gewonnen? Keine Ahnung? Macht nichts. Denn weder die letzte «Music Star»-Siegerin Katharina Michel noch die heute 12-jährige Alpenrose-Siegerin Carina Walker haben in der Schweizer Musikszene grosse Spuren hinterlassen. Das gilt auch für die beiden Siegerinnen der Casting-Sendung «Die grössten Schweizer Talente». Die singende Busfahrerin Maya Wirz ist zwar ehrgeizig, aber weit davon entfernt, von ihrem Gesang leben zu können. Und die aktuelle Siegerin Eliane Müller will erst gar nicht voll auf die Karte Gesang setzen. Baschi und mit Abstrichen Fabienne Louves sind die Einzigen aus der Schweizer Casting-Familie, die den Sprung vom Casting-Idol ins Showbusiness geschafft haben.

Nur leicht besser fällt die künstlerische Bilanz in Deutschland aus. Fünf von sieben Siegern der erfolgreichsten Casting-Show «Deutschland sucht den Superstar» («DSDS») haben mit ihren ersten Alben Platz 1 der deutschen Hitparaden erreicht. Aber keiner konnte den Anfangserfolg bestätigen und eine grosse Mehrheit der Teilnehmer ist heute von der Bildfläche verschwunden. Die Walliserin Stefanie Heinzmann, die 2007 in Stefan Raabs Castingshow gewann, ist die Einzige unter den ehemaligen deutschen Casting-Siegern, die heute noch die Top 10 erreicht.

«Dank der enormen Fernseh-Präsenz können die Casting-Gewinner zuerst auftrumpfen. Doch der Erfolg ist in den wenigsten Fällen nachhaltig», erklärt Reto Lazzarotto von der Schweizer Konzert-, Management-, Booking-Agentur Gadget Music. Lazzarotto hat sich in den Nachwuchsprogrammen «The Island Job» und «MyCokeMusic« intensiv mit Nachwuchsförderung befasst.

Castings sind ein Teenie-Format

Wie sind die Chancen von Luca Hänni? Wie ist sein Potenzial einzuschätzen? «Das Deutsche CastingFormat ist ein Teenie-Format», sagt Roman Camenzind von der Musikproduktionsfirma HitMill. Gemäss «Kress Report» machen allein die 3- bis 13-Jährigen ein knappes Drittel der TV-Zuschauer von «DSDS» aus und Teenager geben auch den Ausschlag beim Voting. Insofern ist der Teenie-Schwarm Luca bei «Deutschland sucht den Superstar» gut aufgehoben. Vor allem auch deshalb, weil es in Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, einen Markt für Teenie-Idole gibt. Bei «DSDS» erreicht er in einer Sendung 4,5 Millionen Zuschauer (Marktanteil von rund 15 Prozent), dazu ist er in den Teenie-Formaten und Zeitschriften wie «Bravo» Stammgast. All das wäre in der Schweiz gar nicht möglich.

Doch kann sich Luca ausserhalb dieses Markt-Segmentes etablieren? «Das wird schwierig», meint Lazzarotto, «guter Gesang und gute Ausstrahlung reichen nicht. Das ist nur Voraussetzung. Für den nachhaltigen, längerfristigen Erfolg braucht es aber viel mehr: Wille, Bereitschaft und Durchsetzungsvermögen, Kreativität, Bühnen- und Livetauglichkeit, Authentizität, eine Strategie, um sich im Markt zu positionieren, die Fähigkeit, eine Community und Fan-Gemeinschaft zu bilden und zu pflegen sowie funktionierende Strukturen, das heisst ein Label und Management, das dich unterstützt.»

Noch vor einigen Jahren galten Castings in der Musikbranche als das wirksamste Modell der Nachwuchsförderung. Zuerst Universal, dann Sony hatten nur noch Newcomer aus den Castings unter Vertrag genommen und gefördert. Das hat sich inzwischen radikal geändert. In der Schweiz ist man nach den Misserfolgen völlig davon abgekommen. Selbst Produzent Roman Camenzind, der Baschis Erfolgsalben produzierte, erklärt heute das Förderungsmodell Casting als gescheitert. «Wer sich seines Talents bewusst ist, bewirbt sich heute nicht mehr in einer Castingshow», sagt er. Casting-Sieger können noch so gut sein. Als Casting-Sänger hätten sie «ein Glaubwürdigkeitsproblem». Das Fernsehen biete ihnen eine Starthilfe, sie werden bekannt. «Aber kommt die nächste Staffel, werden sie nicht mehr unterstützt oder gefördert», sagt Camenzind, «keiner der vielen Schweizer Newcomer der letzten Jahre war je in einem Casting.»

Das grösste Manko der Casting-Sänger ortet Lazzarotto in den Punkten Kreativität und Authentizität. «Die Teilnehmer singen nicht ihre eigene Musik, sondern Songs, die ihnen vorgegeben werden. Sie gehen nicht ihren eigenen Weg, sondern denjenigen, der ihnen die Fernsehmacher vorgeben.» Auch bei «DSDS» muss der Sieger wiedergeben, was ihnen Dieter Bohlen vorsetzt. Kein Wunder, leidet da die Authentizität. Und wenn der Übervater Bohlen nicht mehr da ist, sind sie erst recht überfordert. Weil sie nie gelernt haben, auf den eigenen Füssen zu stehen.

«Unser Fördermodell funktioniert ganz anders», erklärt Lazzarotto, «wir holen die talentiertesten Bands aus dem Übungsraum und bauen sie behutsam auf. Sie brauchen ihre Zeit, in der Regel vier bis fünf Jahre, bis sie es schaffen. Sie müssen sich in dieser Zeit durchbeissen, müssen Gras fressen und bereit sein, unter dem Existenzminimum zu leben. Wir unterstützen sie, aber sie müssen ihren Weg selber finden.» Dass dieser Weg zum Erfolg führen kann, haben unlängst 77 Bombay Street (Gadget), aber auch Pegasus und Bastian Baker bewiesen.

Für Camenzind würden Castings als Fördermodell nur dann langfristig funktionieren, wenn die Kandidaten ihre eigene Musik interpretieren würden. Doch dann, so vermutet er, würde die TV-Quote zusammenbrechen. Die Zuschauer wollen Hits. «Castingshows machen keine Talentförderung», sagt er und klärt damit ein Missverständnis, «Castings sind TV-Shows, die eine möglichst hohe Zuschauerquote anstreben. Und fürs TV funktioniert das nach wie vor sehr gut.»

Castings sind Quoten-Knüller

Vor allem in der Schweiz sind Castingshows sehr erfolgreich: Im Schweizer Fernsehens sind sie sogar veritable Quotenknüller. Mit einem Marktanteil von 46,8 Prozent waren «Die grössten Schweizer Talente» 2011 die erfolgreichste Unterhaltungssendung. Und auch «Alpenrose», die heute Abend zum zweiten Mal ausgestrahlt wird, erreichte vor einem Jahr respektable 36,4 Prozent Marktanteil. Beide liegen also deutlich über dem durchschnittlichen Marktanteil für das letzte Jahr von 29,8 Prozent. «Das Casting-Format funktioniert im Fernsehen besser als in den Charts», sagt Camenzind.

Und Luca? Sollen wir uns mit ihm freuen oder eher Mitleid haben? Sollen wir sogar hoffen, dass er nicht gewinnt? Freuen wir uns doch einfach, dass er es als erster Schweizer bei «DSDS» so weit gebracht hat. Luca sollte den Moment geniessen, denn schon morgen kann alles vorbei sein.

Deutschland sucht den Superstar Das grosse «DSDS»-Finale, Sa, 28.April, 20.15 Uhr, RTL.

Alpenrose 2012 – Die Schweizer Volksmusik-Show Sa, 28.April, 20.05 Uhr, SF1.