Lee Unkrich heuerte 1994 bei Pixar als Bildeditor an und ist heute Teil des Braintrusts: die fünfköpfige Führungsriege, die über sämtliche Pixar-Filme waltet. Der 50-jährige US-Amerikaner gewann 2011 für «Toy Story 3» den Oscar. «Coco» ist seine vierte Regiearbeit für Pixar.

Lee Unkrich, was sind die Zutaten, die jeder Pixar-Film braucht?

Lee Unkrich: Wir haben keine Liste. Unser Grundsatz lautet: Wir machen das, was wir selber gern sehen würden. Das sind universelle Geschichten. Egal, ob sie lustig, furchteinflössend oder emotional sind, Menschen jedes Alters und jeder Herkunft sollen sich mit ihnen identifizieren können.

«Coco» handelt von einem mexikanischen Jungen, der Musiker werden will. Was ist das Universelle an dieser Geschichte?

Miguel will Gitarre spielen, doch seine Familie verbietet es ihm. Viele Menschen, nicht nur Kinder, haben eine grosse Leidenschaft, bei der sie sich wenig unterstützt fühlen. Es geht darum, seinen Traum zu verfolgen, und darum, was man bereit ist dafür zu opfern.

Im neuen Pixar-Film «Coco» besucht der junge Miguel das Reich der Toten.

Im neuen Pixar-Film «Coco» besucht der junge Miguel das Reich der Toten.

Sie sind US-Amerikaner. Warum wollten Sie mit «Coco» eine Geschichte über einen mexikanischen Feiertag erzählen?

Ich war schon immer vom Día de los Muertos fasziniert. An dem Feiertag zelebrieren Mexikaner ihre Herkunft, indem sie Opfergaben für ihre Vorfahren hinterlassen. Die Ikonografie des Día de los Muertos ist sehr filmisch, von den Skeletten bis zu den leuchtenden Farben. Ein sehr spannender Gegensatz.

«Coco» ist der erste Pixar-Film, der sich dermassen stark mit einer anderen Kultur auseinandersetzt.

Ich war deswegen gleichermassen aufgeregt wie besorgt. Auf unseren Schultern lastete eine grosse Verantwortung, dass wir diese Geschichte auf authentische und respektvolle Art erzählen. Viele Pixar-Mitarbeiter haben mexikanische Wurzeln, ihre Einsichten kamen «Coco» zugute. Wir wollten, dass lateinamerikanische Zuschauer stolz sind auf diesen Film.

«Coco» ist ein Kinderfilm mit vielen toten Figuren. War das eine besondere Herausforderung?

Der Film ist zu Beginn zwar etwas furchteinflössend, aber ich glaube, der Humor macht das wett. «Coco» ist ja auch kein Film über den Tod, sondern über die Frage, woher wir kommen. Und wenn ein Film vom Jenseits erzählt, ist das doch immer eine hoffnungsvolle Botschaft.

Ist «Coco» mit seiner mexikanischen Story eine Reaktion auf die Politik von US-Präsident Donald Trump?

Dass «Coco» während Trumps Präsidentschaft ins Kino kommt, ist reiner Zufall. Wir arbeiten schon seit sechs Jahren an dem Film. Es war aber von Anfang an unser Ziel, eine Geschichte zu erzählen, die eine andere Kultur feiert. Das ist jetzt umso wichtiger geworden. Ich bin überzeugt: Filme haben die Kraft, ausserhalb des Kinos Veränderungen zu bewirken.

Pixar ist in die Kritik geraten, weil das Studio heute mehrheitlich Fortsetzungen produziert. Originelle Stoffe wie «Coco» sind zur Ausnahme geworden. Weshalb?

Als uns die Idee zu «Coco» kam, hat uns Pixar voll unterstützt. Aber Originalität ist eine riesige Herausforderung. Ich sehe das so: Jede Fortsetzung, die wir produzieren, geht auf einen originellen Film zurück. Vor «Toy Story 2», «3» und «4» war ja einmal Teil 1, war einmal eine originelle Idee.