Einst zog sie allein durch die Lichtspielhäuser. Ein GA, etwas Geld und den Programmteil der Zeitung in der Hand: Mehr brauchte Claudia Lorenz nicht, um als Winterthurer Maturandin durch die Filmwelt zu reisen. Im Xenix, auf der Piazza Grande oder in Solothurn liess sie sich von Tarkowski, Godard und Tanner an der Hand nehmen, gönnte sich Lebenswerke vorzugsweise en bloc – zwangsweise allein. «Mich interessierten als Jugendliche die Filme, die alle anderen nicht zu interessieren schienen», erzählt Claudia Lorenz bei Tee und Schokolade. In der Stimme der heute 39-Jährigen schwingt keinerlei Verdruss mit. Fing der Projektor an zu rattern, wurde eben der Film ihr Begleiter, die Bilder das Gegenüber.

Diese Bilder brachten sie dazu, an der Zürcher Hochschule der Künste ein Studium zu absolvieren – vorerst im Bereich Fotografie. Durch die Jugend begleitet wurde Lorenz nämlich von der analogen Fotokamera, die sie mit 12 Jahren von ihrem Grossvater geschenkt bekommen hatte. «Sie schärfte meine Wahrnehmung und schulte mein Auge», erinnert sich Lorenz, die, wenn nicht im Kinosaal sitzend, in der Dunkelkammer Fotos entwickelte.

Doch so sehr Lorenz die Fotografie faszinierte, so sehr fing sie während des Studiums an zu spüren, dass sie in dieser Tätigkeit zu wenige ihrer Fähigkeiten einbringen konnte. Angemessener schien der Film: «Ein Medium, das mich auf zahlreichen Ebenen fordert, herausfordert: intellektuell, emotional, menschlich.» Im Jahre 2000 wechselte Lorenz in den Studienbereich Film. In ihrer ersten Doku «Paso inverso» porträtierte sie argentinische Bürger mit Schweizer Wurzeln, deren Existenz aufgrund des Staatsbankrotts im Jahre 2001 bedroht ist. Lorenz hätte selber eine dieser Personen sein können; ihre Familie zog kurz nach ihrer Geburt nach Buenos Aires, kehrte nach neun Jahren aber in die Schweiz zurück. Eine tiefe Verbundenheit mit Argentinien blieb. «Als Filmstudentin war mir damals klar: Ich muss einen Film über die Zustände im Land machen.»

Es sind grundsätzlich Stoffe nahe am Leben, die Claudia Lorenz als Filmemacherin interessieren. Mehrmals schon hat sie sich etwa mit der gleichgeschlechtlichen Liebe auseinandergesetzt, denn «es schadet nicht, wenn sie im Film mit der gleichen Selbstverständlichkeit auftaucht wie heterosexuelle». In ihrem mehrfach ausgezeichneten Abschlussfilm «Hoi Maya» tat sie es mit Witz und Feingefühl: Zwei ältere Damen treffen sich darin nach Jahrzehnten zufällig wieder; ihre einst unerfüllte Liebe blüht erneut auf.

Für ihr Spielfilmdebüt «Unter der Haut» wählte Lorenz einen anderen Blickwinkel. «Ich wollte eine Geschichte erzählen über eine Frau, die erkennen und akzeptieren muss, dass ihr Mann seine innersten Gefühle vor ihr verborgen hält», schildert sie die Grundidee. Lorenz platziert in «Unter der Haut» ein Ehepaar mitsamt drei Kindern in eine schmucke Wohnung. Die perfekte Schweizer Familienidylle, die bald wie mit einer scharfen Schere Schnitt für Schnitt zertrennt wird. Erst hegt die Frau nur einen Verdacht, bald aber wird ihr gewiss: Ihr Mann betrügt sie. Mit einem Mann.

Der Film erzählt die langsame Entfremdung des Ehepaars und fokussiert nach der Offenbarung des Mannes auf die Reaktionen der Frau und der Kinder. «Die Gefühle der Angehörigen, die indirekt von solch einem Outing betroffen sind, werden in Filmen kaum thematisiert», führt Lorenz aus. Während ihrer intensiven Recherchen führte sie Gespräche mit Frauen, deren Ehen scheiterten, weil sich ihre Partner in einen Mann verliebten. Viele brauchten lange, um den als tiefe Kränkung empfundenen Betrug zu verarbeiten und sich mit ihrer Weiblichkeit zu versöhnen.

Fünf Jahre arbeitete Claudia Lorenz an «Unter der Haut». Nun fällt dem Film die Ehre zu, die Jubiläumsausgabe der Filmtage zu eröffnen. Gebührend scheint das schon deshalb, weil er seine Geburtsstunde in Solothurn sah. Dort hatte Lorenz vor ein paar Jahren Elena Pedrazzoli von Peacock Film kennen gelernt. Sie wurde bald darauf die Produzentin von Lorenz’ Projekt und stellte der Filmemacherin Rolando Colla vor, der Co-Autor wurde. Claudia Lorenz sagt: «Ich hatte zwar eine Grundidee für den Film, allein aber wollte ich nicht schreiben. Mit Rolando war ein intensiver wie produktiver Austausch möglich, eine Art Pingpong im Schreibprozess.» Einst solo durch die Lichtspielhäuser streifend, versteht Claudia Lorenz heute das Filmemachen als Teamsport. An den Eröffnungsabend wird sie sicher nicht allein reisen müssen.

«Unter der Haut», von Claudia Lorenz. (Prix de Soleure), Do 22. 1., 18.30 Uhr, Landhaus;Mo 26. 1., 17.30 Uhr, Konzertsaal.