Kino

Bruno Ganz: «Ich hatte Herzklopfen»

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Bruno Ganz spielt in «Satte Farben vor Schwarz» von der Jungregisseurin Sophie Heldman. Im Interview erklärt der Schauspieler, warum seine Filmfigur auch etwas mit ihm zu tun hat.

Sie spielen in «Satte Farben vor Schwarz» die Figur des zum Tode verurteilten Fred, und Sie tun dies mit grosser Intensität und einer selbstverständlichen Leichtigkeit. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Bruno Ganz: Zuerst möchte ich präzisieren, dass Fred nicht zum Tod verurteilt, sondern todkrank ist – das ist doch ein gewisser Unterschied. Was Vorbereitungen auf diese Rolle betrifft, so kann ich davon nicht viel erzählen, ich habe einfach versucht, mich möglichst gut in die Situation von Fred einzufühlen. Dabei gab es meinerseits keine handwerklichen Vorbereitungen in dem Sinn, dass ich etwa in Kliniken gegangen wäre, um Menschen beim Sterben zu beobachten. Das war beispielsweise bei dieser Hitler-Geschichte ganz anders, damals bin ich während einiger Wochen in eine auf Parkinson spezialisierte Klinik in Luzern gegangen, um Patienten mit dieser Krankheit zu beobachten.

Satte Farben vor schwarz: Der Trailer zum neusten Film von Bruno Ganz.

Satte Farben vor schwarz: Der Trailer zum neusten Film von Bruno Ganz.

Sie haben in «Satte Farben vor Schwarz» also ganz aus dem Bauch heraus agiert?

Ja, wenn Sie so wollen, könnte man das so nennen.

Routine?

Nein, so würde ich das nicht bezeichnen. Sicher habe ich schon öfter Rollen gespielt, die einen grossen Teil von mir selber enthalten – ohne dass ich deshalb Selbstdarstellung machen würde. Aber ich nutze Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen und ich taste Material dahin gehend ab, ob ich etwas davon in mir selber habe. So gesehen, hat die Figur des Fred schon etwas mit mir selber zu tun.

Das Drehbuch habe Sie sofort überzeugt – das sagte mir Sophie Heldman auf die Frage, wie sie es als Newcomerin denn geschafft habe, den berühmten Bruno Ganz für die Hauptrolle zu gewinnen. Was war es genau, was Sie an diesem Drehbuch so überzeugte?

Ich kann es wohl am besten unter dem Stichwort Lakonie zusammenfassen: Es ist wenig konstruiert, und es ist alles so simpel erzählt, nichts ist aufgemotzt, es gibt nicht Falsches, und es ist überhaupt nicht Theatralisches an dieser Geschichte. Allerdings muss ich betonen, dass dies das Drehbuch betrifft – denn jetzt, da ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, ist die Lakonie stark relativiert worden. Denn da ist nun viel mehr als Lakonie, da ist sehr viel Erfülltes, aber es wird trotzdem nichts erklärt und nichts beurteilt, sondern man schaut zwei Menschen einfach nur zu, die sich in einem ganz speziellen Abschnitt ihres Lebens befinden.

Und wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Film erstmals zusammen mit Publikum gesehen haben?

Ich hatte Herzklopfen, schliesslich waren am Filmfestival in San Sebastian fast 2000 Leute im Saal – und ich war mir überhaupt nicht sicher, ob der Film funktionieren würde.

Sie haben aber doch bereits in rund 80 Filmen mitgespielt...

Ich habe sie nie gezählt, aber wenn das wirklich schon so viele waren, dann können Sie ruhig die Hälfte davon vergessen, die müssen Sie nicht ernst nehmen. Bei einem Film wie diesem, da hatte ich vor der Premiere schon Herzklopfen, da bin ich überhaupt nicht abgebrüht. «Satte Farben vor Schwarz» ist ja überhaupt kein «einfacher» Film, da hätte so vieles schiefgehen können – schliesslich habe ich es im Laufe meiner Karriere auch schon erlebt, dass die Leute scharenweise das Kino verliessen, und das sind dann sehr schmerzhafte Erfahrungen. Für mich war diese Premiere deshalb so etwas wie eine Nagelprobe, und da fühlte ich mich schon erleichtert.

Kommt es eigentlich häufig vor, dass Sie ein Drehbuch von einer völlig unbekannten Person erhalten?

Das gibt es, aber es spielt für mich keine grosse Rolle, wenn das Projekt gut ist, nehme ich es einfach zur Kenntnis, dass ich es hier mit einer Person zu tun habe, die ganz am Anfang steht. Im vorliegenden Fall habe ich mit Frau Heldman gesprochen und gleich gemerkt, dass sie es wirklich ernst meint, und ich war überzeugt, dass sie fähig sein würde, diesen schwierigen Stoff umzusetzen.

In «Satte Farben vor Schwarz» geht es um das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Was ist Ihre persönliche Meinung zu dem kontroversen Thema der Sterbehilfe, so wie sie in der Schweiz gehandhabt wird?

Für mich ist das eine relativ komplizierte Geschichte. Einerseits neige ich zur Meinung, dass in unserer heutigen Gesellschaft – anders als noch vor hundert Jahren – der Tod selbstbestimmt sein soll. Sei dies, dass jemand sein Leben generell als unerträglich empfindet, oder sei dies, dass jemand so krank ist, dann muss man einen allfälligen Willen nach einem Ende dieser Situation respektieren. Wenn es aber andererseits Organisationen gibt, die dabei behilflich sind mit den ganzen Begleiterscheinungen, dann hat das Ganze für mich auch eine sehr unangenehme Seite. Wenn es also Einwände gibt gegen diese Begleiterscheinungen, ich denke da an das Stichwort Sterbetourismus, dann muss ich diese Skepsis ernst nehmen. Das ändert aber nichts daran, dass ich jedem Menschen das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben zugestehe.

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