Filmtage

Bruno Ganz: «Euro-Filme sind entsetzliche Finanzkonstrukte»

Silvio Soldini und Bruno Ganz.

Silvio Soldini und Bruno Ganz.

Bruno Ganz beehrte Solothurn und auf dem Podium mit Regisseur Silvio Soldini riss er ein paar Witze. Und er teilte eine Spitze gegen die neuen Euro-Filme aus. Diese seien «entsetzliche Finanzkonstrukte», sagte der Schauspieler.

Da lacht der Saal: Bruno Ganz hat eben «geil» gesagt. Geil war, so der Schauspieler, dass vor allem Frauen die Komödie «Pane e tulipani» etliche Male gesehen haben, als sie vor zwölf Jahren im Kino lief. Ganz parlierte mit dem Regisseur Silvio Soldini am Sonntag in Solothurn, bevor «Pane e tulipani» anlässlich der «Rencontre» mit Soldini vorgeführt wurde.

Ganz lobte das «altmodische und wahnwitzige» Italienisch, das er in seiner Rolle als Kellner in der Komödie spricht. Er bezirzt damit eine Frau, die ihrem grauen Alltag entflohen und in Venedig gelandet ist. Fremdsprachen würden ihn unsicher machen, gestand Ganz, aber sie böten auch Freiheiten im Ausdruck. So trat er jüngst am Schauspielhaus Zürich in Luc Bondys französischsprachigem Stück «Le retour» auf.

Im Unterschied zum autistischen Soldini wirkte Ganz witzig und eloquent. Er teilte sogar eine Spitze gegen die kommende Literaturverfilmung «Nachtzug nach Lissabon» aus, in der Ganz einen Apotheker mimt: Dass darin alle englisch reden würden, habe mit den Zwängen europäischer Koproduktionen zu tun, stichelte Ganz. Diese Euro-Filme seien «entsetzliche Finanzkonstrukte».

Nicht dabei ist Ganz in Soldinis neuer Komödie «Il comandante e la cicogna», die in Solothurn als Premiere vorgeführt wurde. Soldini ringt darin dem betrügerischen Berlusconi-Italien eine bemüht kauzige Liebeskomödie ab. Das Ganze ist furchtbar zäh und derart mit Zufällen verkleistert, dass es ständig auseinanderfällt.

Il Comandante e la Cicogna (Trailer)

Il Comandante e la cigogna

Eindringliche Studien

Weitaus konzentrierter wirkte der für den «Prix de Soleure» nominierte Dokumentarfilm «Thorberg» über das gleichnamige Gefängnis. Der Berner Dieter Fahrer misst darin die Widersprüche des Strafvollzugs aus: Häftlinge aus 40 Nationen sollen zu sozialem Verhalten erzogen werden und werden gleichzeitig mit Isolationshaft bestraft, sobald sie Probleme machen. Aus Gesprächen mit Insassen komponiert Fahrer einen konzisen Einblick in den vergitterten Alltag zwischen Langeweile und Vereinzelung.

Thorberg (Trailer)

Thorberg

Bis zum Äussersten isoliert war der Genfer, der über zwei Jahre unentdeckt in seiner Wohnung verweste. Dokumentarisch rekonstruiert Pierre Morath in «Chronique d’une mort oubliée» das schockierende Ende eines Trinkers, der von allen vergessen wegstarb, und das in einer Wohnung, in der sozusagen der Tod wohnte. Unglaublich, wie Morath bei Verwandten und Kumpels in der Bar auf ein hilfloses Reden in Fragezeichen stösst. Bebildert ist das ziemlich einfältig, mit verwackelten Aufnahmen von Krankenhausgängen, aber dafür ist der Film angetrieben von der Kraft der Empörung: über Nachbarn, die den Tod noch als permanenten Gestank ignorieren, und über die schwer verdauliche Tatsache, dass ein Mensch durch alle Löcher des sozialen Gewebes fallen kann.

Chronique d'une mort oubliée (Trailer)

Chronique d'une mort oubliée

Zur Halbzeit wartete die Werkschau in Solothurn also mit eindringlichen Studien auf.

Solothurner Filmtage bis 31. 1.

«Chronique d’une mort oubliée», Do, 31. 1., 17.15 Uhr, Kino im Uferbau. «Thorberg», Mi, 30. 1., 9.30 Uhr, Landhaus.

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