Die letzten Worte im Film «Black Swan» lauten: «Es war perfekt». Dann wird die Leinwand weiss. Frenetischer, nicht enden wollender Applaus erschallt. Kein Zweifel: Wer ein Drama so beendet, ist entweder ein unverfrorener Hasardeur mit Hang zur Überheblichkeit. Oder aber er ist ein Genie. Auf US-Regisseur Darren Aronofsky trifft – gemessen an den polarisierenden Reaktionen auf «Black Swan» – vor allem Letzteres zu. Doch der Reihe nach.

«Black Swan», ein Schauermärchen über die Welt des Balletts, führt einem mit aller Gewalt die physische und psychische Marter einer Tänzerin vor Augen. Es ist ein Werk, das in erster Linie aus knackenden Sehnen, zersplitterten Zehennägeln und riesigen Spiegeln besteht.

Die mädchenhafte Nina (Natalie Portman) ist entschlossen, in einer Neuinszenierung von Tschaikowskys «Schwanensee» die Hauptrolle zu ergattern. Doch mit den Proben beginnen erst die Probleme. Während Nina den unschuldigen «weissen Schwan» perfekt trifft, kommt sie laut Choreograf Thomas (Vincent Cassel) mit dem verführerisch-abgründigen «schwarzen Schwan» nicht zurecht.

Zudem tritt mit Lily (Mila Kunis) eine Rivalin auf den Plan, die sich als Freundin anbiedert, jede Schwäche der Hauptfigur jedoch eiskalt ausnützt.

Was folgt, ist eine psychologische Tour de force, ein mit Illusionen und Zerrbildern gespicktes Drama über die Sexualität einer noch nicht erwachsenen Frau. Tatsächlich wohnt Nina noch im pinkfarbenen Kinderzimmer bei ihrer Mutter. Höhepunkt des Films ist eine Bettszene, in der Nina ihre Konkurrentin küsst, aber im Grunde Sex mit sich selbst hat. Und das ist nicht alles: «Black Swan» besticht auch als intelligente Reflexion über das Leben als Kunst.

Selten hat man einen Film gesehen, der Schmerz, Hoffnungen und Rückschläge einer Artistin so exzessiv durchspielt, der Selbstzweifel mit einem Höchstmass an formaler Unruhe bis zum Realitätsverlust steigert.

Natalie Portman, kürzlich mit einem Golden Globe ausgezeichnet, spielt in «Black Swan» die Rolle ihres Lebens. Und Regisseur Aronofsky, einst als Wunderkind gepriesen («Pi», 1998), später als Versager gestempelt («The Fountain», 2006), liefert mit diesem Film die Bestätigung: Er ist das Nonplusultra des amerikanischen Gegenwartskinos.

Wir erinnern uns: Wie Aronofsky in «The Wrestler» (2008) aus dem abgehalfterten Mickey Rourke eine bodenlos rohe Körperlichkeit herausprügelte, war schon gewaltig. «Black Swan» ist nun die mit Horrorelementen bestückte Steigerung davon: Hier bangen wir um die Knochen einer sehnig-drahtigen Artistin, die jeden Moment am eigenen Perfektionismus zu zerbrechen droht. Ein perfektes Kunstwerk. Wir verneigen uns und spenden Applaus!

Black Swan (USA 2010) 108 Min. Regie: Darren Aronofsky. Mit: Natalie Portman, Mila Kunis u.a.