Kino

Bitterböser Abgesang auf den amerikanischen Traum

Ein Mann ohne Gewissen: Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) sucht blutige Unfallorte auf, um mit seinen Bildern des Schreckens bei Nachrichtensendern abzusahnenAscot Elite

Ein Mann ohne Gewissen: Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) sucht blutige Unfallorte auf, um mit seinen Bildern des Schreckens bei Nachrichtensendern abzusahnenAscot Elite

«Willst du im Lotto gewinnen, musst du zuerst das Geld verdienen, um dir einen Schein zu kaufen», lautet das Mantra von Lou Bloom. Der Protagonist in «Nightcrawler» ist einer der faszinierendsten Antihelden der jüngeren Kinogeschichte.

Lou Bloom lebt in Los Angeles und ist ein Self-made-Man. Keine Freunde, keine Bildung, dafür ein starker Drang zur Selbstverwirklichung. Jede Nacht hört er den Polizeifunk ab, um mit seiner Videokamera an Unfallorte zu rasen und das Unglück filmisch festzuhalten. Je blutiger, desto besser – denn Lou verkauft seine Bilder an Nachrichtenstationen und kann für Aufnahmen von Einschusswunden oder abgetrennten Gliedmassen ein höheres Honorar verlangen.

Wie legitim ist es, derart schlimme Bilder im Fernsehen auszustrahlen? Wo liegt die Grenze bei der Darstellung von Gewalt? «Nightcrawler» stellt Fragen, mit denen sich jeden Tag auch echte Medienanstalten beschäftigen. «Nachrichtensendungen müssen Profit machen», sagt uns «Nightcrawler»-Autor und Regisseur Dan Gilroy im Interview. «Und mit Gewalt erzielen sie höhere Einschaltquoten.» Denn nur derart verrohte Bilder schaffen es noch, Menschen vor den Fernseher zu locken.

Ein Gedanke, der im Zusammenhang mit den IS-Enthauptungsvideos brisant ist. «Mir sind diese Videos zu brutal, ich habe sie nicht geschaut. Aber der Chef eines Nachrichtensenders würde sie vielleicht ausstrahlen – mit der Begründung, dass sie einen Nachrichtenwert haben. Aber in Wirklichkeit macht ers für die Einschaltquote», so Gilroy.

Ein Film am Puls der Zeit

Lou lernt schnell. Mit jedem Auftrag weiss er besser, aus welchem Winkel die richtig guten Aufnahmen entstehen. Und entspricht ein Unfallort mal nicht seinen Wünschen, scheut sich Lou nicht davor, nachzuhelfen. «Lou tut abscheuliche Dinge, aber er tut sie für uns», erklärt Gilroy. «Wir Zuschauer wollen diese Bilder ja sehen. Also fördern wir Verhalten wie seines. Das sollte uns zu denken geben.»

Wenn Lou mit seiner Kamera immer näher an die Unfallopfer herangeht, überschreitet er auch zunehmend ihre Privatsphäre. Auch hier ist «Nightcrawler» nahe am Puls der Zeit. Man denke nur an den NSA-Abhörskandal oder die gestohlenen Nacktaufnahmen der Hollywoodpromis zurück. «Heute haben alle das Gefühl, dass man im Internet alles ansehen und alles zeigen darf. Das ist eine gefährliche Entwicklung.»

Gilroy erzählt uns von einem Amerikaner, der mit seiner Schrotflinte eine Drohne abgeschossen hat, weil er sich beobachtet fühlte; und darauf verhaftet wurde. «Offenbar gibt es kein Gesetz, das verhindert, dass eine Drohne durch dein Fenster schaut. Aber wehe, du willst dich wehren!»

Gilroy hat zu jedem Thema eine ausgeprägte Meinung. Er sprüht vor Energie in unserem Gespräch. Eine Energie, die auch in seinem Film zu spüren ist. Der pulsierende Soundtrack. Die fiebrigen Nachtaufnahmen von LA. Lous ungebremster Aufstieg zum soziopathischen Geschäftsmann.

Die ultimative Erfolgsgeschichte

Die Geschichte des rücksichtslosen Lou Bloom ist die ultimative Erfolgsgeschichte. Jeder kann es bis nach oben schaffen, wenn er hart genug dafür arbeitet, besagt der Amerikanische Traum. «Nightcrawler» rechnet zynisch mit dieser Illusion ab. «Je stärker du Lou ähnelst, desto erfolgreicher wirst du sein», findet Gilroy. «Die erfolgreichsten Geschäftsleute haben auf dem Weg nach oben entschieden, dass ihnen andere Menschen weniger wichtig sind als sie selbst. Sie haben kein Gewissen, genau wie Lou. Zehn Jahre nach den Filmereignissen wäre Lou wohl der Chef eines multinationalen Unternehmens.»

Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal, dessen Filmauftritte nicht immer über alle Zweifel erhaben sind, legt in «Nightcrawler» die mit Abstand beste Leistung seiner Karriere vor. Ähnlich wie Bryan Cranston in «Breaking Bad» schafft er es, seine moralisch bankrotte Figur gefährlich sympathisch zu machen. Dass wir als Zuschauer bisweilen hoffen, dass Lou nicht ertappt wird, ist ein spannender Widerspruch – und Gyllenhaals Charisma zu verdanken.

Und seiner Hingabe. Der 33-jährige Amerikaner hat für die Rolle fast zehn Kilo abgenommen. Denn ihm und Dan Gilroy schwebte das Bild eines Kojoten vor, der abgemagert durch die Wildnis streift, ständig auf der Suche nach Nahrung. «Auch der Kapitalismus schafft einen Hunger im Menschen, der nicht gestillt werden kann», sagt Gilroy. «Verdient jemand 100 Dollar pro Monat, überlegt er sich, was er mit 200 anstellen kann. Kriegt er 10 Millionen, hätte er lieber 50 Millionen. Auch Lou will immer mehr. Ohne Ende.»

Nightcrawler (USA 2014) 117 Min. Regie: Dan Gilroy. Mit Jake Gyllenhaal, Rene Russo u.a. Ab Donnerstag im Kino. 

Trailer Nightcrawler

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