Filmtage

Bilanz der Solothurner Filmtage: Bequeme Filme, fade Debatten

Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, vor den Medien in Zürich

Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, vor den Medien in Zürich

Mut, Haltung und unbequemes Kino kündigte Seraina Rohrer in ihrem zweiten Jahr als Direktorin der Solothurner Filmtage an. Und dann sass man in der Reithalle, in krummer Haltung und auf weiterhin unbequemen Stühlen. So war es doch auch gemeint?

Insgesamt aber hielt Rohrer ihr Versprechen - mit allen Widersprüchen. In ihrer viel zitierten Eröffnungsrede hatte die Filmwissenschafterin Geschichten angekündigt, die «die Gemüter teilen» würden. Im Anschluss an ihre Rede sah man einen Eröffnungsfilm, der keinem wehtat. «Rosie» hiess das Drama von Marcel Gisler. Es handelte von einem schwulen Schriftsteller, der zu seiner kranken Mutter in die Provinz zurückkehrt. Konstruiert war das fehlerlos. Und ebenso eintönig.

Aber der Eröffnungsfilm sollte ja nicht gleich das Publikum erschrecken. In diesem Sinn war der Start geglückt und der Jahrgang reich an erstaunlich unpeinlichen Filmen. Schon mit dem Regisseur Marcel Gisler, der über ein Jahrzehnt keinen Kinofilm mehr gedreht hat, landeten Rohrer und ihr Team einen Coup. Für Solothurner Verhältnisse trumpfte man ohnehin mit einer beachtlichen Zahl an Ehrengästen auf: Nicht nur Bruno Ganz kam vorbei, sondern auch die Regisseure Silvio Soldini, Ulrich Seidl und Carlos Reygadas besuchten Solothurn.

Mag sein, dass viele nicht wussten, wie berühmt ein Seidl eigentlich ist. Aber dieser Österreicher bringt es fertig, drei Filme nacheinander an den A-Festivals von Cannes, Venedig und Berlin vorzustellen. Seidls vergleichsweise späte Zusage bewirkte, dass seine Sextourismus-Reise «Paradies: Liebe» am späten Samstagabend verbraten wurde. Derweil lief die nicht weniger radikale Katholizismus-Studie «Paradies: Glaube» werktags über die Mittagspause.

Radikal - das Wort hörte man in diesem Jahr in Solothurn öfters. Schuld daran war das Fokusprogramm «Radikales Kino heute». Damit präsentierten die Filmtage eine Zusammenstellung dessen, was an grossen Festivals für Gesprächsstoff sorgt. Doch der Block wurde recht beliebig aufgefüllt. Sehr grundsätzlich gingen alle diese Regisseure bei ihrer fiktionalen Bewältigung der Wirklichkeit vor. Aber was verband sie wirklich miteinander? Die Programmierung wirkte beliebig, manchen Zuschauern ging das zu weit. Auch etwas Chinesisches hätte noch reingepasst.

Zudem: Während Direktorin Rohrer von Filmen schwärmte, die das Publikum spalten würden, gab sie mancherorts unumwunden zu, man müsse in Solothurn letztlich auch nehmen, was man in die Hände kriege. Wie jedes Jahr liefen daher im zentralen Programm-Müsli, dem «Panorama Schweiz», etliche Filme, die man sich anschauen konnte oder auch nicht. Im schlimmsten Fall setzte man sich ins «Kreuz».

Auch angetreten ist Seraina Rohrer, die Diskussionskultur zu fördern. Von Niveau konnte bei den Debatten keine Rede sein. Nach vielen Filmen jedenfalls fanden moderierte Publikumsgespräche statt, und öfters ging es da bedenklich zu und her. Nicht wegen des Publikums, das meistens die klügsten Fragen stellte. Sondern wegen Verleihern und Journalisten. Wieder einmal nahmen sie jede Gelegenheit wahr, ihren verarmten Erfolgsbegriff von Kino zu demonstrieren.

Dann ging es abermals um sinkende Zuschauerzahlen und um die kleinen Marktanteile des Schweizer Films. Stupide Debatten wurden angestossen über das «Sorgenkind» Spielfilm, die kaum Zuschauer anlockten. Um den Wert erzählerischer Originalität und formaler Verwegenheit hingegen ging es selten. Und während die Experten noch über die Schwächen des hiesigen Spielfilms nachgrübelten, erquickte sich das Publikum bereits am klugen Teenager-Rachespiel «Boys Are Us» des gewohnt schrägen Peter Luisi. Welch nahrhafte Pekannuss im Schweizer Filmmüsli!

Nicht zuletzt rüsteten die Filmtage auch technisch um: Erstmals in der Geschichte des Festivals wurden alle 180 Filme der Werkschau nicht mehr auf 35-mm-Film, sondern digital projiziert. Es ist anzunehmen, dass das den meisten Zuschauern einerlei war. Aber in den Spezialsektionen konnte man den Unterschied von digitaler und 35-mm-Vorführung erleben: Schön warm knisterte etwa Carlos Reygadas' betörende Wanderung «Japón» aus dem Block mit den radikalen Filmen.

Allerdings muss man bei 35 mm die Spulen auswechseln. Nicht wenige nutzten deshalb eine dieser unverdienten Pausen, um einen radikalen Schnitt zu machen - und zu flüchten.

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