Montagsinterview

Bänz Friedli: «Wir wissen, dass der Nachbar nicht beisst»

Bänz Friedli begeistert seine Leser- und Zuhörerschaft mit intelligentem Sprachwitz, Ironie und Charme

Bänz Friedli begeistert seine Leser- und Zuhörerschaft mit intelligentem Sprachwitz, Ironie und Charme

Der Berner Komiker und Kolumnist Bänz Friedli ist Wahlzürcher. Er liebt die multikulturelle Atmosphäre und das Geschäftige. Im Montagsinterview spricht der 50-Jährige über die unterschätzte Jugend und die Rolle der Medien.

«Gömmer Starbucks», schlägt Bänz Friedli vor – passend zum gleichnamigen Titel seines neuen Programms. Und schon sitzen wir im geschäftig brummenden Café der Europaallee, mit Blick auf die SBB-Baustelle nebenan. Der Berner Wahlzürcher ist fasziniert vom steten Wandel der Stadt und liebt die multikulturelle Atmosphäre.

Am 9. Mai wird Ihnen der Salzburger Stier verliehen, der bedeutendste Kleinkunstpreis im deutschen Sprachraum. Stolz?

Bänz Friedli: Zuerst war ich baff, dann habe ich nachgeschaut, wer den Preis sonst noch bekommen hat. Da dachte ich nur noch: «Wow!» Unter den ehemaligen Preisträgern sind Ursus und Nadeschkin, Lorenz Keiser, Franz Hohler – Menschen, zu denen ich aufschaue, das sind für mich Profis.

Sind Sie kein Profi?

Vor zweieinhalb Jahren sagte ich, ich sei ein Gast in der Szene, ein Neuling. Mittlerweile gehöre ich wohl schon zu den Profis, aber ich habe keine Theater- oder Clown-Ausbildung. Ich hatte das Glück, beim Machen selbst lernen zu können.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Aus meinem Notizbuch und meinem Handy (lacht). Wenn mir etwas auf- oder einfällt, mache ich mir rasch Notizen oder spreche auf mein Telefon. Häufig kommen mir Einfälle, während ich auf dem Velo sitze.

Ihr letztes Programm «Sy no Frage?» zeigten Sie 250-mal vor vollen Rängen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Schwierig zu sagen. Es hat beim Publikum irgendwie Klick gemacht. Die Leute kannten mich als «Hausmann der Nation» aus der «Migros-Magazin»-Kolumne, das hat vielleicht auch geholfen. Mich freut vor allem, dass ich kein Hype aus dem Fernsehen bin, der gepusht werden musste.

Der Erfolg hält an. Auch mit dem neuen Programm «Gömmer Starbucks?» füllen Sie die Säle.

Am Anfang sollte das Programm nur am «Blickfelder»-Festival 2013 laufen. Damals kam der Leiter zu mir und wollte, dass ich die Jugend erkläre. Zuerst war ich skeptisch, habe dann aber angefangen, die Ohren zu spitzen – im Bus, im Café, auf der Strasse. Eine Bande Jugendlicher im Tram ist nicht angenehm, aber wenn du hinhörst und dich fragst, was die reden und warum sie so sind, wird es plötzlich interessant. Die Vorstellung kam richtig gut an. Das Thema trifft offenbar den Zeitgeist und löst etwas aus. Das macht mir am meisten Freude: Wenn es gelingt, bei den Leuten ein Aha-Erlebnis auszulösen, sodass sie am Ende sagen: «So habe ich mir das noch nie überlegt.»

Was war Ihre schönste Erfahrung als Kabarettist?

Die überraschenden Momente sind immer die schönsten. Einmal musste ich für eine Schuleröffnung nach den Sommerferien vor dreihundert Sek-Schülern sprechen. Das war in einem prekären Quartier in Bern, mit vielen Migranten, sehr multikulturell. Anfangs dachte ich skeptisch: «Was mache ich hier? Denen brauche ich doch nicht ‹die Jugend› zu erklären.» Aber dann haben sie enorm gut reagiert, ganz vif, mit Zwischenrufen. Das war beglückend, zu merken: «Hey, das sollen die Jugendlichen sein, über die man sich solche Sorgen macht, nur weil sie ein bisschen komisch schreiben?»

Und Ihre schwierigste Erfahrung?

Während eines Weihnachtsessens einer grossen Firma sollte ich vor über hundert Angestellten spielen. Ein einziger von ihnen war ein Deutschschweizer. Ich versuchte es mit Nummern aus einem anderen Programm, die ein bisschen volkstümlicher sind, merkte aber bald, dass kaum jemand Deutsch sprach. Es gab Tischgruppen mit nur Italienern, nur Mazedoniern, nur Albanern – im Fussball würde man sagen: «Ein nicht bespielbares Terrain». Das war ein nicht bespielbares Publikum.

Das klingt wirklich schwierig.

Ja, doch so schwierig es war, wars auch lehrreich. Es handelte sich um eine Galvanisierungs-Firma. Galvani sieren – das ist eine der grössten Drecksarbeiten, die es gibt. Da stehst du bei minus zehn Grad bis zur Hüfte im Säurebad, den ganzen Winter über. Der Chef meinte zu mir: «Du findest keinen Schweizer, der das macht.» Noch der ungebildetste Schweizer Arbeitnehmer würde sich weigern. Dort arbeiten alles Immigranten, die eine riesige Drecksbüez machen – für uns. Und das sind diejenigen, die wir dann per Masseneinwanderungsinitiative wieder heimschicken wollen.

In «Gömmer Starbucks?» wollen Sie die Jugend erklären. Heisst das, Sie sprechen eher eine ältere Generation an?

Ich denke schon. Das Programm richtet sich an Menschen in meinem Alter, die nicht schlau werden aus der heutigen Jugend. Ich verstehe die Jungen auch nicht immer, aber das ist gar nicht das Ziel. Ich möchte einfach zeigen, dass die Jugendlichen nicht so schlimm sind, wie immer behauptet wird. Ich habe grossen Respekt vor den Jugendlichen, die sich in einer rasend schnellen und komplizierten Welt behaupten müssen. Meine beiden Kinder sind im Gymi, und die Arbeiten, die sie abliefern, erinnern mich an Seminararbeiten für die Uni.

Von Ihren Kindern können Sie aber nicht auf den Rest der Jugend schliessen.

Natürlich nicht! Das war mir immer klar. Ich bin weit herumgekommen in der Schweiz und weiss: Auf dem Fussballplatz in Bümpliz klingt es anders als in der Kanti Wiedikon.

Sie thematisieren auch die Angst vor der Verhunzung der Sprache, insbesondere des schweizerdeutschen Dialekts.

Ich bin erstaunt, wie sehr sich der Dialekt hält und wie viele Regionen noch ihre eigenen Ausprägungen haben. Ich liebe das, aber es wäre falsch, zu denken, wir könnten es bewahren. Ich bin selbst ein kleiner Sprachbewahrer und habe Freude an alten Ausdrücken. Früher war ich geschockt, wenn ich im Fernsehen hörte: «Morn wird’s Regegüss geh.» Furchtbar, dachte ich, es gibt kein Futur im Dialekt. Aber das stimmt eben nicht: Sobald Heshurim sagt, «s’Bescht wos je hets gits», dann gibt es diesen Ausdruck eben. Das ist ja das Schöne an Mundart, diese Dynamik.

«Fehler» gibt es also nicht?

Wir sprachen damals auch wie die letzten Waldmenschen – dennoch kann ich heute einen geraden Satz schreiben. Jugendslang muss anders, muss «strub» sein. Heutzutage wird mündliche Sprache in Mails und Kurznachrichten verschriftlicht. Da kann der Sprachpurist mit dem Finger darauf zeigen. Das gab es früher nicht.

Die Pisa-Studie wirbelt regelmässig Staub auf. Es mangele Schweizer Schülern im internationalen Vergleich an Sprachkompetenz.

Weniger Sprachkompetenz? Da kann ich nur lachen. Wenn der ETH-Direktor ein «Gschiss» macht und behauptet, das Niveau an den Schulen werde immer tiefer, muss ich sagen: «Hör doch uuf!» Herr Guzzella will sich in einem internationalen Elite-Gerangel messen. Die Behauptung, das Niveau unserer Maturanden sei tiefer als vor 30 Jahren, stimmt schlicht nicht. Ich weiss es, ich war vor 30 Jahren Maturand. Unsere Jugend war so einfach, wir waren richtig verwöhnt. Jeder hinterletzte Löli meiner ehemaligen Kollegen wurde noch Zahnarzt.

Und heute?

Ausser ein paar Drop-out-Idioten, die ja auch ihre sozialen Gründe haben, dass sie das Leben nicht packen, meistern es heute die allermeisten. Und die schlimmen Ausnahmen gab es früher auch, die kamen einfach nicht auf Tele Züri und Tele M1, weil es die noch nicht gab.

Sind die Medien an allem schuld?

Das nicht, aber sie spielen eine wichtige Rolle. Die Medien sind viel mehr boulevardisiert. So etwas wie «Türsteher-Mord» hätte in meiner Jugend höchstens der «Blick» gedruckt. Heute steht es in der «NZZ», sogar relativ gross. Die Wahrnehmung hat sich verändert. Und wenn du etwas älter bist und die Welt nicht mehr richtig verstehst, dann macht es dir Angst.

Ist deswegen die Masseneinwanderungsinitiative angenommen worden?

Interessanterweise werden all die Masseneinwanderungsvorlagen irgendwo in Hinterpfupfikon angenommen und nicht bei uns in Zürich, wo es den sogenannten Dichtestress gibt. Wir wissen, dass der Nachbar nicht beisst, weil wir in einer Multikulti-Stadt leben. Den Jugendlichen gegenüber gibt es einen ähnlichen Rassismus. Rassismus ist eigentlich die Angst vor dem Unbekannten. Wenn du nicht verstehst, was sie reden, und nicht begreifst, was sie auf ihren Geräten machen, dann macht dir das natürlich Angst.

Wie geht man als Eltern damit um?

Möglichst offen und interessiert. Es gibt solche, die versuchen Regeln zu machen. Kürzlich habe ich gelesen: «Unser 13-jähriger Sohn will unbedingt ein Smartphone, was sollen wir tun?» Wenn der Junge mit 13 tatsächlich noch kein Smartphone hat, dann kauft ihm schleunigst eines!

Und wenn nicht?

Sonst ergeht es ihm wie dem Pfarrerssohn in unserem Dorf, der nicht fernsehen durfte. Damals war es ja der Fernseher, der scheint's alles schlimmer machte. Der Junge schlich sich jeden Sonntagnachmittag zu den Metzgers, um Töff-Rennen zu schauen. Heute ist er ein glücklicher Erwachsener mit abgeschlossenem Studium. Und einem Töff.

Und Sie haben nicht das Gefühl, dass Smartphones und Social Media die Jugendlichen isolieren?

Ich habe keine Angst vor einer Überdigitalisierung meiner Kinder. Es ist eher meine Generation, die von der neuen Technik und Geschwindigkeit überfallen wurde. Jetzt müssen wir lernen, damit umzugehen. Für Leute in meinem Alter wird es schwierig, aus dem Arbeitsmodus herauszukommen, nicht dauernd seine Mails zu checken. Die Jungen sind da hineingewachsen und können – müssen! – damit klarkommen.

Gilt das auch für die Medien?

Wenn Zeitungen nach wie vor gute Zeitungen machen würden, statt zu jammern, wären sie viel weniger bedroht. Stattdessen hecheln sie dem Internet hinterher. Je mehr die Leute nur noch Häppchen-News auf dem Handy anschauen, desto mehr entsteht aber auch eine Gegenbewegung: Ich merke, dass ich in letzter Zeit vermehrt die «NZZ» lese, weil da wirklich fundierte Reportagen und Hintergrundberichte zu lesen sind. Und seit Neuestem trage ich stets ein Buch in der Tasche mit, um im Tram zu lesen, das ist viel besser als Häppchen-News auf dem Telefon.

Gibt es denn schon Ideen für ein neues Programm?

Das «Blickfelder»-Festival hat wieder angefragt. Das Thema für 2016 lautet «…nimmt sich Zeit». Das würde mich schon interessieren. Wir haben heute viel zeitsparenden Komfort, aber immer weniger Zeit. Wir leben in einem gehetzten Alltag. Ich will aber nicht kulturpessimistisch werden, sondern nach wie vor die positive Perspektive einnehmen.

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