Er war schon immer der bessere Schauspieler, das erkennt man auf den ersten Blick. Oder eher auf den zweiten. Denn man muss Casey Affleck zuerst finden. Gewöhnlicherweise ist es sein älterer Bruder Ben, der auf der Kinoleinwand gross im Vordergrund steht. Casey und Ben Affleck standen während der letzten 20 Jahre immer wieder gemeinsam vor der Kamera. Doch während Ben heute dank Superhelden-Auftritten («Batman v. Superman») und Oscarerfolgen («Argo») ein reicher Hollywoodstar ist, gilt Casey bestenfalls als der andere Affleck.

Lange Zeit wollte das der 41-jährige US-Amerikaner mit irischen und deutschen Wurzeln auch gar nicht anders haben. Sein erfolgreicher Bruder warf einen langen Schatten, in dem es sich für Casey Affleck gut leben liess. Ein bisschen Aufmerksamkeit, ja, aber bloss keinen Erfolgsdruck. Er scheute das Rampenlicht und sagte, er könne gar nicht hinsehen, wenn ein Film mit ihm laufe.

Nachdem Ben und ihr gemeinsamer Jugendfreund Matt Damon 1997 für «Good Will Hunting» den Oscar gewannen und ihre Hollywoodkarrieren lancierten, verdingte sich Casey Affleck jahrelang mit Nebenrollen. Er spielte Aussenseiter, Antihelden, Mörder und andere Soziopathen und schuf sich seine Nische. Die «Washington Post» schrieb damals, Casey Affleck könne nie ein grosser Filmstar werden, weil sich seine Stimme so anhöre, «als würde er durch eine erkältete Nase schniefen und dabei einen Jammerlaut absondern.»

2007 ein erstes Ausrufezeichen

Doch mit jeder neuen Rolle schälte sich deutlicher heraus, dass der jüngere Affleck-Bruder vor der Kamera eine Gabe hat, die dem älteren – der zu dieser Zeit gerade Goldene Himbeeren (Anti-Oscars) sammelte – abhanden ging. US-Kritiker priesen Casey Afflecks kurze Auftritte als «mutig» und «reich an emotionalen Feinheiten» an.

2007 setzte er ein erstes Ausrufezeichen. Der Western «The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford» floppte zwar an den Kinokassen. Doch in der Rolle des besagten Feiglings, der die amerikanische Cowboy-Legende erschoss, spielte Casey Affleck glatt Hauptdarsteller Brad Pitt an die Wand. Der Lohn war eine erste Oscar-Nominierung. Und als Ben Affleck seinen jüngeren Bruder kurz darauf für die Hauptrolle in seinem Regiedebüt «Gone Baby Gone» castete, schrieb
die US-Presse begeistert, dass Casey Affleck doch noch als Filmstar aufgeblüht sei.

Vererbte Alkoholprobleme

Die Weichen waren also gestellt. Doch anstatt durchzustarten, geriet Casey Afflecks Karriere erneut ins Stocken. Sein Regiedebüt «I’m Not Here» war ein Flop. Schlimmer noch: Die Produzentin und die Kamerafrau des Films verklagten Affleck, der betrunken zum Dreh erschienen sein soll, auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Affleck stritt die Vorwürfe vehement ab und erzielte eine aussergerichtliche Einigung mit den beiden Frauen.

Als er sich 2016 dann von seiner Ehefrau und Jugendliebe Summer Phoenix (der jüngeren Schwester von Schauspieler Joaquin Phoenix) trennte, sagte er kurz darauf in einem Interview, dass er zum ersten Mal seit Jahren nüchtern sei: «Mein Vater war ein Säufer, meine Grossmutter Alkoholikerin, und mein Bruder musste
in eine Entziehungskur. Das ist in unseren Genen.»

Heute ist Casey Affleck clean, mit seiner Ex-Frau im Reinen – und wieder auf Erfolgskurs. Für das Filmdrama «Manchester by the Sea» (ab morgen im Kino) hat er Anfang Januar den Golden Globe als bester Hauptdarsteller gewonnen, nun gilt er auch als aussichtsreicher Kandidat auf den Oscar, der Ende Februar verliehen wird. Dort ist «Manchester by the Sea» auch als bester Spielfilm nominiert – und das völlig zu Recht.

Ein unvergesslicher Auftritt

Das Werk von Regisseur und Autor Kenneth Lonergan, den Affleck von gemeinsamen Bühnenstücken kennt, ist der wohl herzergreifendste, traurigste, aber auch wahrhaftigste Film des Jahres. Affleck spielt einen vereinsamten Hauswart, der sich nach dem Tod seines Bruders um dessen Sohn kümmern muss. Dass Afflecks Figur das nur widerwillig tut, hat einen tragischen Grund, den der Film nur langsam preisgibt (und der
an dieser Stelle nicht verraten sein soll).

«Manchester by the Sea» ist so etwas wie die Antithese zum bunten, federleichten und ebenfalls bei den Oscars nominierten Musical «La La Land» – ein Meisterwerk von elegischer Einfachheit. Und Affleck ist wie für diesen Film geboren, all seine Vorzüge kommen zum Tragen: seine natürliche Deplaziertheit, sein stiller Furor, seine Gabe, die komplett verinnerlichten Gefühlsregungen einer Figur nach aussen spürbar zu machen – ohne grosse Gesten. Es ist ein unvergesslicher Auftritt.

Als die «New York Times» einst titelte, «Casey Affleck sollte berühmter sein», entgegnete dieser: «Ich bin zufrieden, wo ich bin.» Doch spätestens jetzt hat sich Casey aus Bens Schatten an seinem grösseren Bruder vorbeigeschlichen. Das Rampenlicht an der Oscar-Verleihung gehört ihm. Dass der jüngere Affleck der begabtere Schauspieler ist, erkennt man von nun an ganz bestimmt mit dem ersten Blick.

Manchester by the Sea (USA 2016) 137 Min. Regie: Kenneth Lonergan. Ab Donnerstag im Kino.