Stadtkino

Auch mit 90 noch im Lot – William Wolff ist der speziellste Rabbi der Welt

© Martin Toengi

Die erste Hälfte des Lebens Journalist, die zweite Rabbi – und nun auch noch Filmstar: «Rabbi Wolff» läuft im Basler Stadtkino.

Als Rabbi Wolff sich mit 88 Jahren pensionieren liess, etwas widerwillig, fing sein Leben als Filmstar an. Seine dritte Karriere. Und möglicherweise nicht seine letzte. Bei diesem Rabbi weiss man nie. Der macht Yoga, rasiert sich, täglich, und einmal im Jahr verwettet er 50 Pfund beim Pferderennen in Ascot - in weiblicher Begleitung. Spass sei wichtig im Leben, sagt er in Regisseurin Britta Wauers Filmportrait «Rabbi Wolff», und kichert sein ansteckendes Kichern.

Er wirkt so frei. Wie einer, der das Leben leicht und lustig zu nehmen weiss, trotz des Leids, das ihm nur zu bekannt ist: die Familie flüchtete aus Nazi-Deutschland; die Schwester starb bei einem Autounfall; der Zwillingsbruder hat sich das Leben genommen. Das alles wird ihn sicher erschüttert haben, aber es hat ihn kein bisschen verbittert. Woher rührt sein heiteres Naturell? «Keine Ahnung», antwortet er trocken.

RABBI WOLFF | Trailer

Zurück nach Ostdeutschland

Nach dem Schauen des Films meint man, ihn zu kennen, muss man ihn mögen. Wir haben uns ein Filmbild von ihm gemacht. Bei der persönlichen Begegnung am Donnerstag in Basel wirkt der reale William Wolff allerdings ernster, verschlossener. Es dauert mindestens fünf Minuten, bis er zum ersten Mal lacht. Eine kurze Ewigkeit. Vielleicht ist der Unermüdliche doch gerade ein wenig müde. Vor wenigen Wochen ist er 90 geworden.

Zuletzt, bis 88, war er 13 Jahre lang als liberaler Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern zuständig für die jüdischen Gemeinden Schwerins, Rostocks und Wismars. Dort setzt der Film ein. Wolff kehrte also mit 75 Jahren als Rabbi in das land zurück, das er mit sechs Jahren fluchtartig verlassen hatte.

In gewissem Sinne rettete Joseph Goebbels damals den Wolffs unwissentlich und unabsichtlich das Leben. Denn William Wolffs Mutter war eine gute Kundin von Joseph Goebbels Schwiegermutter, einer Schneiderin. Diese Bekanntschaft schien ihr schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis gefährlich. Wolffs flüchteten nach Amsterdam, später zügelten sie nach England.

Das Verrückte ist normal in William Wolffs Leben. Erst mit 53 Jahren begann er in London seine Ausbildung zum Rabbi. Zuvor war er Journalist, unter anderem Ressortleiter beim Daily Mirror. Er war ganz in der säkularen Welt daheim, bevor er beschloss, sich der sakralen hinzuwenden. Doch er ist für alles Mögliche offen geblieben.

Wir bitten William Wolff in einem Sitzungszimmer des Stadtkinos, fürs Foto den Lotussitz einzunehmen. So wie wirs ihn im Film am Flughafen Heathrow haben machen sehen; beim wöchentlichen Pendeln zwischen seinem Wohnsitz nahe London und seinem damaligen Arbeitsort in Schwerin. Wie ein junger Jetsetter.

Ein alter Mann, der jungenhaft lacht und den Lotussitz beherrscht. Das führt zu einer ersten Frage: «Sind Sie ein jüdischer Dalai Lama?» «Wie bitte?», fragt der Rabbi. Vielleicht ist es sein Gehör, vielleicht ist die Frage zu frech. Hat man den Film gesehen, glaubt man, man könne sich jeden Scherz mit ihm erlauben. Neuer Anlauf:

Sind Sie ein jüdischer Dalai Lama?

Rabbi Wolff: Ich habe noch nie gehört, dass der Begriff des Dalai Lamas für irgendeinen Juden verwendet worden ist. Ich weiss nicht, was ich mir darunter vorstellen soll, kenne ihn nicht. Lassen wir den Dalai Lama aus!

Sie waren zuerst Journalist, dann Rabbiner. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Berufen?

Keine Ahnung. Aber ich mache beide sehr gerne.

Hat Ihnen der eine Beruf etwas für den anderen gebracht?

Vielleicht. Weil ich im Schreiben geübt bin, geht es schnell, bis ich eine Predigt geschrieben habe. Wenn ich weiss, was ich sagen will! Ich war mehrere Jahre lang Berichterstatter im Englischen Parlament. Oft lagen die Abstimmungsresultate erst um 22 Uhr vor, und unsere erste Auflage musste um 22.30 in den Druck. Also hatte ich höchstens 20 Minuten Zeit, um den Text am Telefon zu diktieren. Das habe ich geschafft.

Wenn Sie nun von den Turbulenzen rund um den Brexit hören, haben Sie da nicht Lust, die Politik wieder als Journalist zu kommentieren?

Es ist zu spät jetzt. Aber ich würde es gerne tun. Wenn ich nächste Woche nach England zurückkomme, werde ich mich bei der Partei melden, die für das Bleiben in Europa eintritt. Und ich werde Ihnen sagen, dass ich gerne bereit bin, ins Büro zu kommen und Artikel oder Reden zu schreiben. Als wir der EU damals beigetreten sind, habe ich das auch gemacht.

Und was wäre heute Ihre Botschaft?

Meine Ansicht ist, dass wir bleiben müssen, dass der Austritt ein ungeheurer Fehler ist. Und was bis jetzt nicht gesagt worden ist: Das wird Zehntausenden von Menschen den Arbeitsplatz kosten. Waren werden besteuert, dann wird weniger verkauft, die Leute werden ihre Posten verlieren. Der Brexit wird viel schwerwiegendere Folgen haben, als wir heute befürchten.

Was denken Sie, was kommt nach dem Tod?

Das Judentum lehrt, dass die Seele weiter existiert. Aber im Gegensatz zum Christentum vermittelt es keine konkrete Vorstellung davon. Der grosse jüdische Philosoph Maimonides hat einmal gesagt: «So wie ein Fisch nichts über das Land weiss, denn er kann ja nur im Wasser leben, so wissen wir Menschen nichts über die zukünftige Welt. Denn wir leben nur in dieser Welt.» Da bin ich der Meinung, dass mich noch eine Überraschung erwartet. Aber ich kann Sie dann nicht mit dem Handy anrufen und es Ihnen erzählen.

Aber Sie haben das Handy doch schon auf Erden nie dabei.

(wühlt in der Jackentasche) Ja, es liegt im Auto.

William Wolff war am Donnerstagabend persönlich im zur Premiere im Stadtkino Basel anwesend. Der biographische Film «Rabbi Wolff» läuft dort diesen Sonntag um 13.30 wieder. Weitere Vorstellungen: 23.4, 13:30; 26.4, 21 Uhr, 27.4, 18.30 und 29.4 um 15.15 Uhr.

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