Intensive blaue Augen, die einen sofort fesseln – Anna Odell hat einen Blick, der alles durchdringt, der nach Details und Antworten sucht. In ihm zeigt sich der Forschergeist der 40-jährigen Künstlerin aus Stockholm. Ihre Kunst hat immer den Charakter eines Experiments, ihr Forschungsgegenstand sind soziale Machtverhältnisse.

Für ihre kontroverse Videoinstallation «Unknown Woman 2009-349701» täuschte Odell vor fünf Jahren einen Anfall auf einer Brücke vor. Die Polizei brachte sie in die Notaufnahme einer Psychiatrie, wo sie eine Nacht lang verdeckt filmte, um die Machtlosigkeit von Patienten in einer geschlossenen Anstalt zu zeigen. Odells Drang, gesellschaftliche Hierarchien zu erforschen, ist gross: «Wenn ich in mir drin spüre, dass etwas wirklich ungerecht ist, dann ist es für mich schmerzhafter, nicht zu reagieren als zu reagieren.»

In ihrem Kinodebüt «The Reunion» richtet Odell jetzt ihren Forscherblick auf Hierarchien in der Schule. Das Experimentierfeld ist ein Klassentreffen nach zwanzig Jahren. Mittendrin Anna Odell, die sich im Film selbst spielt. In einer Rede konfrontiert sie ihre ehemaligen Mitschüler damit, zur Schulzeit von ihnen schikaniert und ausgegrenzt worden zu sein. Ein Film mit persönlichem Hintergrund: Odell wurde als Kind von ihren Mitschülern gehänselt. «Wir gingen neun Jahre in dieselbe Klasse. Nach einer Weile sah ich die Welt so wie sie. Ich hasste mich genau so, wie sie mich hassten. Ich wollte selber nichts mehr mit mir zu tun haben.»

(Quelle: youtube)

The Reunion von Anna Odell - der Trailer

Wie viele andere Mobbingopfer glaubte Odell damals, die Sticheleien seien ihre eigene Schuld. «Ein Kind, das gehänselt wird, fragt sich doch automatisch: Was stimmt nicht mit mir? Die bessere Frage wäre aber: Was stimmt nicht in der Gruppe? Hat sie einen schlechten Anführer?» Odell ist überzeugt, dass dort gemobbt wird, wo keine guten Anführer sind. «Ein guter Anführer kann der Gruppe beibringen, dass Mobbing kein akzeptables Verhalten ist. Hierarchien an sich sind nicht schlecht, aber jeder muss hinsichtlich seiner Stellung in der Hierarchie Verantwortung übernehmen. Wer einen hohen Platz hat, muss realisieren, dass er einen starken Einfluss auf die anderen ausübt.»

Hinter der konkreten Filmidee steht ein reales Ereignis. Odell schrieb für ein bevorstehendes Klassentreffen tatsächlich eine Rede. Doch dann wurde sie gar nicht erst eingeladen. Das unbeliebte Mädchen von damals war auch heute noch unerwünscht. «Mir kam dann in den Sinn, ein filmisches «Was-wäre-wenn»-Szenario durchzuspielen. Was fürchteten meine Mitschüler? Was versuchten sie, zu meiden?»

Im Film sieht das so aus: Anna Odell fährt einen maximalen Konfrontationskurs. Indem sie längst verdrängte Ereignisse wieder hervorholt, zerstört sie das romantisierte Vergangenheitsbild ihrer Mitschüler. Und dabei lässt sie sich von niemandem beschwichtigen. Die Lage eskaliert, es wird geschrien, gezerrt und geweint. Das Klassentreffen wird zum Pulverfass.

Doppelte Versuchsanordnung

In der Mitte des Films findet plötzlich ein erzählerischer Bruch statt. Wir hören, wie Odell ihre ehemaligen Mitschüler kontaktiert – die echten, die sie nicht zur Zusammenkunft eingeladen hatten. Sie möchte ihnen ihre Filmversion des Klassentreffens zeigen. Die erste Filmhälfte entpuppt sich als Film-im-Film, und Anna Odells filmisches Experiment wird zur doppelten Versuchsanordnung.

Auf die fiktionale Auseinandersetzung mit der Vergangenheit folgt jetzt eine reale. Und auch die echten Mitschüler von damals wollen das Vergangene lieber sein lassen. Nur auf intensives Zureden kommen einige vorbei, um sich in Anna Odells Büro den Film anzusehen.

Es sind von Schauspielern nachgestellte Szenen, die sich laut Odell genau so zugetragen haben. Sie sind faszinierend. Die Reaktion auf den gezeigten Film offenbart, was passieren kann, wenn das eigene Selbstverständnis von aussen infrage gestellt wird.

Anna Odells filmisches Experiment liefert spannende Einblicke in das Wesen von Kräfteverhältnissen in Gruppen. Einblicke, die nicht nur für Schulklassen gelten, sondern auch in der Arbeitswelt. «Selbst in Künstlerkreisen, die andersartigen Menschen gegenüber offener sind, gibt es unsichtbare Regeln und Machtstrukturen. Auch hier werden Menschen gemobbt.»

The Reunion (S 2013) 88 Min.

Regie: Anna Odell. Ab Donnerstag im Kino.