«American Pie»
Wir sahen uns nach «Promising Young Woman» diesen Film an. Fazit: Der ist übergriffig bis zum Gehtnichtmehr

Keine Teenie-Komödie war prägender für eine Generation. Wir lassen «American Pie» im Jahr 2021 Revue passieren.

Daniel Fuchs
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Alles darauf ausgelegt, «flachgelegt zu werden»: Szene aus «American Pie» (1999).

Alles darauf ausgelegt, «flachgelegt zu werden»: Szene aus «American Pie» (1999).

BIld: imago

Der Film «Promising Young Woman» kommt nächste Woche ins Kino und ist ein Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Er legt den Fokus auf einen wunden Punkt. «Hätte sie nicht so viel getrunken», «hätte sie sich nicht so sexy angezogen»: Mit solchen Sätzen werden Übergriffe relativiert, den Opfern wird eine Mitverantwortung, wenn nicht die Schuld, zugeschoben. Kein Film verharmloste solche Übergriffe gewaltiger als die Teenie-Komödie «American Pie» aus dem Jahr 1999. Und kein anderer Film prägte die Generation der 1980er stärker in ihrem (Miss-)Verständnis zu Sex. «American Pie» hat eine ausschliesslich männliche Per­spektive und es geht mehr oder weniger darum, «flachgelegt zu werden».

Der Film und seine Sequels prägten sogar die Sprache: Begriffe wie Milf oder Stifler schafften es ins Jugendvokabular der Jahrtausendwende. Stifler war so etwas wie der idealtypische Macho im Film, der mit so vielen Frauen Sex hat, wie er will. Natürlich war er nicht derjenige, der ein Nein als solches verstand. «Stiflers Mom» wiederum zog die Freunde ihres Sohns sexuell an. «American Pie» brachte den Begriff Milf für «Mom I’d like to fuck» ins Mainstreamrepertoire.

«American Pie» 20 Jahre später und nach #MeToo

Die Handlung ist rasch erzählt: Eine Handvoll Freunde um die Hauptfigur Jim schliessen einen Pakt: Innert dreier Wochen und noch vor dem Ende der High School soll jeder von ihnen seine Jungfräulichkeit verloren haben.

Eine Szene für die Ewigkeit: Apfelkuchen hat vielseitige Verwendungszwecke.

Quelle: Youtube

Immer noch unter dem Eindruck der verstörenden Geschichte in «Promising Young Woman» stehend, lassen wir «American Pie» noch einmal Revue passieren. Und amüsieren uns zuerst köstlich. Die Lacher jedoch weichen bald einer Form peinlicher Ergriffenheit. Nicht nur sinnieren die Freunde darüber, «die Chicks» mit Alkohol gefügig zu machen.

Aufnahmen einer versteckten Kamera landen versehentlich bei sämtlichen Mitschülern. Dabei liegt die über 20 Jahre alte Pointe eigentlich darin, dass sich Jim vor versammelter Zuschauerschaft blamiert. Jetzt, im Post-MeToo-Zeitalter, sieht man in erster Linie eine junge Frau, wie sie hinters Licht geführt und ohne ihr Einverständnis bei intimen Szenen gefilmt wird. Und nicht ahnen kann, dass sie gerade als Wichsvorlage für pubertierende Jungs dient.

Geist der Bagatellisierung spürbar in «American Pie»

Demgegenüber ist die filmtitelgebende Szene mit Jim, der in den Apfelkuchen seiner Mutter masturbiert, geradezu von zeitlosem Humor, wenn auch simplem. Das mag Foodwaste sein, doch unter dem Aspekt sexueller Übergriffe ist gegen Masturbation ja kaum etwas einzuwenden.

Sex jedenfalls ist für unsere Freunde aus «American Pie» ein Recht, das sie mit allen Mitteln einfordern. Und hier sind wir wieder bei der schockierenden Geschichte in «Promising Young Woman», deren Dreh- und Angelpunkt die Massenvergewaltigung auf einem Campus ist. Natürlich war Alkohol im Spiel, natürlich wurde der Vorfall unter den Teppich gekehrt. «Wohin kämen wir da, wenn wir jedem solchen Hinweis nachgehen würden, den wir erhalten», sagt die Schulleiterin dem Racheengel Cassie Jahre später, eher diese ihr eine Lektion erteilt. Exakt denselben Geist der Bagatellisierung atmet «American Pie» – vergangenes Jahrtausend hin oder her.

Noch Lust auf den Trailer?

Trailer zu «American Pie».

Quelle: Youtube

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