Filmbiografie
Alkohol, Drogen und Pillen: Der Modezar Yves Saint Laurent und seine Leiden

Bertrand Bonello weidet sich in «Saint Laurent» an der Intimsphäre des verstorbenen Modedesigners. Sein Zweitfilm nach der ersten Filmbiografie in diesem April hat sich auf die exzessiven Seiten des Modezars fokussiert.

Georges Wyrsch
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Schauspieler Gaspard Ulliel erlebte die Dreharbeiten wie in Trance. Als Yves Saint Laurent wirkt er glaubwürdig weggetreten. Frenetic Films

Schauspieler Gaspard Ulliel erlebte die Dreharbeiten wie in Trance. Als Yves Saint Laurent wirkt er glaubwürdig weggetreten. Frenetic Films

Es war ein einfacher Kommunikationsfehler: Als Yves Saint Laurent 2008 an einem Hirntumor verstarb, kamen gleich zwei französische Produzenten auf die Idee, sein wildes Leben zu verfilmen. Schliesslich blüht das Genre in Frankreich: Coco Chanel, Serge Gainsbourg und zahlreiche andere hatten bereits vor YSL die Ehre, in halbwegs faktentreuen Filmbiografien aufzutauchen. Nur wussten im Fall von Yves Saint Laurent die beiden Produzenten zu lange nichts voneinander, und die beiden Projekte standen sich eine Weile im Weg.

Im April dieses Jahres lief «Yves Saint Laurent» von Jalil Lespert in den Kinos, und nun folgt also – mit einigen Monaten Anstandsdistanz – «Saint Laurent» von Bertrand Bonello. Die Positionierung der Konkurrenten war mehr oder weniger klar: Lesperts Fassung wurde präsentiert als eine offizielle Filmbiografie mit dem Segen von Saint Laurents Geschäfts- und Lebenspartner Pierre Bergé. Bonellos Film hingegen sei eine künstlerisch weit freiere, inoffizielle Annäherung an den Stoff.

In der Tat erwähnt Bertrand Bonello im Presseheft seines eigenen Films, das vorangegangene Werk habe ihn von etlichen Pflichtpassagen entlastet und ihm mehr Freiheit verschafft. Das klingt auf dem Papier nicht schlecht, denn der Name Bonello ist trotz einer kurzen Filmografie ein Inbegriff des aktuellen französischen Autorenkinos, und man erwartet von seiner Seite auch nichts Geringeres als ein künstlerisch eigenwilliges Werk.

Blanker Voyeurismus

Bonellos Freiheit – sagen wir es milde – wurde diesem Zweitfilm aber zum Verhängnis. Der «Pflicht» des Biopics entledigt, hat sich Bonello einfach diejenigen Aspekte aus dem Leben von Yves Saint Laurent herausgepickt, die ihn am meisten faszinierten, und nicht ganz zufällig auch genau diejenigen, die er in dieser Form niemals an Pierre Bergé hätte vorbeischmuggeln können: die wild ausgelebte Homosexualität, die krankhafte Scheu, das kreative Loch trotz Arbeitswut. Das allabendliche Absumpfen im Nachtclub. Drogen, Suff, Kokain, Kettenraucherei, eine gefühlte halbe Apotheke Pillen pro Tag.

«Saint Laurent» beschränkt sich nicht auf solche Szenen, aber sie werden zelebriert, auf quälende Längen ausgewalzt, als müsse man den «inoffiziellen» Status des Filmes zwingend zementieren, die Schwächen der Figur auskosten und die Intimsphäre Saint Laurents nach allen Regeln der Kunst verletzen. Natürlich darf man das, zumal sich Bonello schlitzohrig darauf beruft, den Mythos und nicht den Menschen zu meinen. Es fragt sich bloss, wozu das ausser blankem Voyeurismus gut sein soll.

Der YSL-Darsteller Gaspard Ulliel findet im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» verteidigende Worte: «Es wurde weit Schlimmeres über Saint Laurent geschrieben, als in diesem Film zu sehen ist. Moralische Fragen habe ich mir keine gestellt, weil ich völlig in der Rolle aufgegangen bin. Die Dreharbeiten waren wie eine Art Trance.» Das glaubt man ihm: Der quicklebendige Schauspieler wirkt im Film meist glaubwürdig weggetreten.

Diabolisches Grinsen rettet Film

Bis auf die allerletzte Szene des Films: Da grinst Ulliel als Saint Laurent diabolisch in die Kamera. Und man lacht als Zuschauer zu diesem Zeitpunkt mit ihm, denn der Film hat nach all den ärgerlichen Passagen des Mittelteils in seinem letzten Akt mehr als nur die Kurve gekriegt: Der Österreicher Helmut Berger spielt nun in einigen Vorblenden den gealterten Saint Laurent, dies jedoch mit Ulliels Stimme.

Und diese Besetzung ist ein Geniestreich. Bergers Gesicht und seine eigene Biografie, der Fall vom erotischen Filmstar zum betrunkenen Talkshow-Gast, das alles spiegelt die ganze Tragik der hier erzählten Geschichte wider, und erklärt auch ihre Relevanz. Die Dreistheit des Vorangegangenen wird in wenigen Sequenzen mühelos legitimiert. Und der Film wird – nach fast zwei Stunden Ärger – zum Meisterwerk.

Saint Laurent (F 2014) 150 Min. Regie: Bertrand Bonello. Ab Donnerstag im Kino.

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