Solothurner Filmtage

Alain Gsponer - Innert 20 Jahren vom Bewunderer zum Hauptakteur

Ihn treibt der Blick hinter bröckelnde Fassaden: Regisseur Alain Gsponer (Mitte) mit den Schauspielern Anatole Taubman als Sidney Dreifus (links) und Stefan Kurt als Paul Grüninger.

Ihn treibt der Blick hinter bröckelnde Fassaden: Regisseur Alain Gsponer (Mitte) mit den Schauspielern Anatole Taubman als Sidney Dreifus (links) und Stefan Kurt als Paul Grüninger.

Der 37-jährige Alain Gsponer kehrt am Donnerstagabend dorthin zurück, wo vieles für ihn begann. An den Solothurner Filmtagen wurden vor knapp 20 Jahren seine beruflichen Weichen gestellt.

Die 49. Solothurner Filmtage werden am Donnerstagabend mit Alain Gsponers «Akte Grüninger» eröffnet. «Es ist wirklich eine Ehre, der Eröffnungsfilm in Solothurn zu sein.» In Gsponers Tonfall schwingt derselbe Stolz mit, den Fussballstars haben, wenn sie erzählen, wie sie als Kinder von der Tribüne aus ihre Lieblingsspieler anfeuerten. Gsponer, der 37-jährige Schweizer Filmregisseur, hat eine ähnliche Reise vom Bewunderer zum Hauptakteur hinter sich.

Wenn sein historisches Drama «Akte Grüninger» heute Abend die 49. Solothurner Filmtage eröffnet, dann fährt Gsponer an dem Ort ein, wo vor knapp zwanzig Jahren seine beruflichen Weichen gestellt wurden. «Mein Filmwissen ist sehr von Solothurn geprägt», sagt Gsponer, der in der Aargauer Gemeinde Schinznach-Bad aufgewachsen ist.

An der Alten Kantonsschule Aarau wurde seine Affinität zum bewegten Bild von einem Lehrer entdeckt und gefördert. «Weil ich in einem Filmclub war, habe ich in der Kanti freibekommen, um an die Solothurner Filmtage zu gehen.» Damals, Mitte der Neunziger, war Gsponer auch als Mitbetreiber im Programmkino Freier Film in Aarau tätig, wo er jedes Jahr eine sogenannte «Solothurner Filmschau» durchführte. «Es gibt so viele gute Filme und Kurzfilme, die in Solothurn laufen, aber nie ins Kino kommen. Ich stellte so ein Programm zusammen, um diese nach Aarau zu holen.»

Grosse Erfolge in Deutschland

Und jetzt holen die Filmtage den Aargauer nach Solothurn. Eine Rückkehr, die über den grossen Umweg über Norden erfolgt ist. 1997 zog es Gsponer nach Deutschland, wo er seinen Traum vom Filmemachen zu verwirklichen suchte. 2002 schloss er sein Studium an der Filmakademie in Baden-Württemberg ab. Seither lebt Gsponer in Berlin, wo er seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt eingerichtet hat. Mit Erfolg: Gsponers erste beiden Spielfilme waren in Deutschland Hits. «Rose» (2005) gewann den Deutschen Fernsehpreis, «Das wahre Leben» (2006) den Preis der deutschen Filmkritik.

Doch in der Schweiz blieb Gsponer lange ein Unbekannter. Das änderte sich schlagartig, als er 2009 mit «Lila, Lila» am Zurich Film Festival gastierte und mit «Der letzte Weynfeldt» kurz darauf gleich noch einen Roman von Martin Suter verfilmte.

Und jetzt bringt Gsponer mit «Akte Grüninger» ein Stück Schweizer Geschichte nach Solothurn. Nachdem Bundesrat Alain Berset heute Abend mit einer Ansprache die 49. Solothurner Filmtage eröffnet haben wird, wird das ganze Augenmerk Gsponers Historiendrama über den Schweizer Flüchtlingshelfer Paul Grüninger gelten.

Ein bisschen Bammel vor der Premiere habe er schon, gibt Gsponer zu. Er stünde nicht gerne im Rampenlicht, glaube aber, dem ganzen Rummel ausweichen zu können. «Der Bundesrat wird dann wichtiger sein, die Filmtage werden wichtiger sein. Der Film ist wichtig, aber der Regisseur dahinter – ich weiss nicht, ob der so wichtig ist.»

Talent für Schauspielführung

In seiner bescheidenen Manier lässt Gsponer lieber anderen den Vorzug. Seinen Darstellern zum Beispiel. Gsponer gilt als Regisseur mit einem Talent für Schauspielführung. «Ich kämpfe immer für eine sehr genaue, starke Probephase auf dem Set. Mit den Schauspielern schaue ich sehr stark auf Kleinigkeiten, auf den Subtext.» Die intensive Zusammenarbeit macht sich bezahlt. Heute etablierte Schauspieler wie Stipe Erceg und Volker Bruch wurden in Gsponers Filmen erstmals entdeckt.

Und Leinwandikone Katja Riemann hat ihrem Auftritt in Gsponers «Wahrem Leben» sogar ein Karriere-Revival zu verdanken. «Die Schauspieler arbeiten gerne mit mir, auch wenn sie teilweise sehr schlecht bezahlt werden. Das ist ein Vorteil.» Wo andere Filmemacher mit bescheidenen Budgets auf ihre zweite oder dritte Castingwahl ausweichen müssen, bekommt Gsponer die Leute, die er wirklich will, zum Beispiel Stefan Kurt. Nachdem Gsponer mit dem Berner den «Letzten Weynfeldt» gedreht hatte, war Kurt auch für die Hauptrolle in «Akte Grüninger» die erste Wahl. «Es gibt Schauspieler, die können sehr gut aktiv spielen – aber dann müssen sie etwas zum Spielen haben. Grüninger aber ist keine sehr aktive Person. Jetzt ist es bei Stefan Kurt so: Wenn er sich zurücknimmt, beobachtet und nur eine Haltung hat – dann passiert trotzdem etwas.»

Was Gsponer antreibt, ist die Lust am Erzählen, der Blick hinter bröckelnde Fassaden – ob im Familienalltag, im Medienbetrieb oder in der Politik. Dass «Akte Grüninger», Gsponers Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen, just zweieinhalb Wochen vor der nationalen Abstimmung über die SVP-Masseneinwanderungsinitiative erscheint, war so aber nicht beabsichtigt. «Ich hätte eigentlich ‹Akte Grüninger› ein Jahr früher drehen sollen. Aber die Finanzierung lief nicht wie geplant.» Reiner Zufall also, dass Gsponers Film brandaktuell ist und ideal ins Programm der Solothurner Filmtage passt. Die Schweiz als Migrationsland, so lautet das übergreifende Thema der diesjährigen Filmschau.

Dreh im Aargau?

Gsponer, der im Aargau vor allem seine Freunde vermisst, kann sich durchaus vorstellen, eines Tages für seine Arbeit nach Hause zu kommen. Dass die SRF-Serie «Der Bestatter» den Filmschauplatz Aargau attraktiv gemacht hat, ist auch ihm nicht entgangen. Aber den Drehort kann man sich oft nicht einfach aussuchen. «Ich glaube, der Stoff kommt immer zu dir und verlangt dann, wo du hingehst. Nur selten kann man sagen, da will ich hin, und macht dann ein Projekt für diese Region. Aber wenn ich einen Aargauer Stoff hätte, würde ich sofort hier drehen.» Es wäre eine ganz runde Sache.

Solothurner Filmtage Heute bis 30.1.

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