Er hat mit «Akte X» eine der einflussreichsten Fernsehserien aller Zeiten erschaffen. Jetzt, elf Jahre nach dem Serienfinale, arbeitet der 57-jährige Kalifornier Chris Carter gerade an neuen Episoden um paranormale Ereignisse und Aliens, über deren Existenz uns die US-Regierung im Unwissen hält. Carter ist diese Woche Ehrengast am Filmfestival NIFFF in Neuenburg, wo wir ihn zum Gespräch über die Zukunft und die Vergangenheit von «Akte X» treffen.

Herr Carter, Sie bringen «Akte X» zurück ins Fernsehen. Haben Menschen heute immer noch ein Interesse am Übernatürlichen?

Chris Carter: Ich hoffe es. Die Welt ist voller Rätsel. Es gibt auch heute noch mehr Fragen als Antworten.

Die Serie lief ursprünglich von 1993 bis 2002. Sie spielte mit unseren Ängsten und unserer Ungewissheit
im Angesicht des neuen Jahrtausends. Warum ist die Zeit jetzt wieder reif
für mehr «Akte X»?

Die Serie endete damals kurz nach den 9/11-Terroranschlägen. «Akte X» verlor seine Relevanz, denn wir mussten uns mit realen Schurken auseinandersetzen. Doch seither hat sich die Welt verändert. Das ist eine Chance, «Akte X»-Geschichten auf ganz neue Art zu erzählen.

Die neue sechsteilige «Akte X»-Miniserie soll im Januar 2016 ausgestrahlt werden. Sie stecken gerade mitten in den Dreharbeiten. Wie war es, die Schauspieler von damals wieder zusammenzubringen?

Wunderbar! Es fühlte sich an wie ein Familientreffen. Wir konnten nicht alle Beteiligten wieder zurückbringen, aber die beiden Hauptdarsteller David Duchovny und Gillian Anderson sind wieder da. Und neben ihren Figuren Mulder und Scully werden wir weitere bekannte Gesichter sehen.

Mulder glaubt an das Übernatürliche, Scully ist die Skeptikerin: Ganz am Anfang von «Akte X» widerspiegelte das Duo zwei Seiten Ihrer eigenen Persönlichkeit. Hat sich das verändert? Sind Sie heute eher wie Mulder oder eher wie Scully?

Ich denke, sie sind mehr wie ich geworden. (Lacht.) Ich bin älter und hoffentlich auch weiser geworden – genau wie Mulder und Scully in den neuen Folgen. Sie haben viel mehr gesehen, die Wissenschaft ist auf einem neuen Stand, der Glaube auch. Wir haben einen neuen Papst, der die Grenzen von religiösem Glauben neu absteckt.

Auch das Fernsehen hat sich verändert. Um Spannung zu erzeugen, werden heute Hauptfiguren getötet. Wie wirkte sich das auf die neuen
«Akte X»-Folgen aus?

Wegen «Game of Thrones» ist in keiner Serie mehr jemand sicher. Eine Figur zu töten, ist fast zum Zwang geworden. Ich finde das nicht gut. Wenn du wichtige Figuren entfernst, verliert die Serie ihre Lebensader. Bei «Akte X» starb nie jemand endgültig. Sie kehrten in Rückblenden oder in Träumen zurück und blieben so auf kreative Art ein Teil
der Geschichte.

Einige der früheren «Akte X»-Autoren sind heute grosse Namen im Fernsehgeschäft. Vince Gilligan beispielsweise, der Schöpfer von «Breaking Bad». Geben Sie ihnen manchmal Ratschläge?

Nein, sie kommen gut ohne mich klar. (Lacht.) Es ist umgekehrt: Meine Serie hat von ihrer Beteiligung damals profitiert. Vince habe ich übrigens angeboten, an der Miniserie mitzuarbeiten. Aber er hat mit seiner neuen Serie «Better Call Saul» alle Hände voll zu tun.

Wenn Sie neue Ideen entwickeln, lassen Sie sich dabei von Ihren eigenen Ängsten inspirieren?

Ja. Ich habe die gleichen Ängste wie alle. Die Angst vor einem gewalttätigen Tod. (Lacht.) Ich fürchte aber auch um den Verlust meiner Privatsphäre. Dass andere Menschen über mich Macht haben, wenn ich mein Handy benutze. Diese Gefahr muss uns bewusster sein.

In der Miniserie dreht sich Mulder und Scullys neuer Fall um einen Talkshow-Moderator, der behauptet, eine seiner Zuschauerinnen werde regelmässig von Aliens entführt. Machen Sie damit die Rolle der Medien in unserem Alltag zum Thema? «Akte X» 2.0?

Ich will nicht zu viel verraten. Aber Medien bestimmen unser Leben. Wir leben nicht mehr von Tag zu Tag, sondern von Sekunde zu Sekunde. Nichts entkommt unserer Aufmerksamkeit. Wir können auf so viel Information zugreifen. Aber wir sind nicht intelligenter als zuvor. Unsere kleinen Gehirne können diese Datenflut gar nicht verarbeiten. Wir ertrinken in ihr.

Wie steht es um die Ausserirdischen? Am Ende der ursprünglichen
Serie entdeckte Mulder Pläne einer Alien-Invasion, die am 21. Dezem-
ber 2012 stattfinden sollte – jenem ominösen Tag also, an dem die Zeitrechnung der Maya-Kultur endete.
Dieses Datum ist inzwischen verstrichen.

Damit befassen wir uns in den neuen Folgen.

Waren die Aliens im Urlaub?

(Lacht.) Ich sage nur: Wir greifen das auf.

«Akte X» hat viele solche offenen Enden hinterlassen. Führt die neue Miniserie die Geschichte zum lang ersehnten Abschluss?

Ja. Wir betrachten die Mythologie, die Kerngeschichte, aus einem ganz neuen Blickwinkel. Was wir bisher für bare Münze genommen haben, kann sich jetzt ändern.

Ist nach der Miniserie Schluss? Oder werden weitere neue Episoden folgen?

Es gibt immer Potenzial für mehr. Aber wir müssen mit der Miniserie gute Arbeit leisten. Davon hängt alles ab.

Sie haben die letzten paar Tage in der Schweiz verbracht. Könnten Sie sich eine «Akte X»-Folge vorstellen, die hier spielt? Haben Sie eine gruselige oder mysteriöse Seite an unserem Land entdeckt?

Nein. (Lacht.) Die Schweiz ist wunderschön, hier gibt es nichts Gruseliges oder Mysteriöses! Und die Menschen hier sind so nett. Wenn ich in ein Restaurant gehe, bin ich überrascht, wie still und diskret alle sind. Das kannte ich nicht, ich bin mit der amerikanischen Lärmkultur aufgewachsen.

Herr Carter, nach dem Ende von «Akte X» zogen Sie sich teilweise aus dem Fernsehgeschäft zurück. Wie ist es eigentlich, jetzt wieder voll zurück zu sein?

Es herrscht ein grosser Druck. Sobald Geld fliesst und Menschen eingestellt werden, muss man vorwärtsmachen, und in wenig Zeit die richtigen Entscheidungen treffen. Wir stecken jetzt noch mitten in der Produktion der Miniserie. Ich habe eine Woche Auszeit genommen, um nach Neuenburg zu kommen. Mit der Crew bin ich ständig in Kontakt. Ich habe meine monatliche Datenlimite längst überschritten, das können Sie sich gar nicht vorstellen!