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90 Minuten Überlebenskampf – ohne einen Schritt zu tun

Der Trailer zum Film 127 Hours

Der Trailer zum Film 127 Hours

«127 Hours» von «Slumdog Millionaire»-Regisseur Danny Boyle ist für sechs Oscars nominiert. Auch Hauptdarsteller James Franco bietet im Film die Show seines Lebens.

Raus aus der Stadt, rein in die Wüste. Aron Ralston (James Franco) ist ein Draufgänger, wie er im Buche steht. An seinen freien Wochenenden fährt der 26-jährige Sport- und Naturfreak allein in die Canyonlands in Utah, um mit dem Bike durch zerklüftete Wüstenlandschaften zu brettern, über Felsspalten zu springen oder sich zur Freude zweier Frauen, die sich beim Wandern verirrten, in unterirdische Seen fallen zu lassen.

Aron Ralston - Der richtige 127-Stunden-Mann im Interview

Aron Ralston - Der richtige 127-Stunden-Mann im Interview

Doch ein falscher Tritt, eine dumme Bewegung, eine kleine Unaufmerksamkeit – schon ists passiert: Aron bleibt in einer winzigen Schlucht stecken, sein rechter Unterarm ist unter einem Felsbrocken eingeklemmt. Schlimmer noch: Aron hat niemandem gesagt, wo er sich aufhält, Hilfe ist weit und breit nicht in Sicht. Was nun?

Actionfilm ohne Action

Regisseur Danny Boyle gelingt mit «127 Hours» das Unmögliche: Er verdichtet in 90 Minuten den Überlebenskampf eines Vollblutabenteurers zum Actionfilm – und dies, ohne dass der Held einen einzigen Schritt tun könnte.

Auch auf emotionaler Ebene entpuppt sich der Film, der auf den Memoiren des realen Aron Ralston beruht, als wunderliches Paradox: Anstatt sich mit Ohnmacht und Verzweiflung aufzuhalten, peppt Boyle die schmale Erlebniswelt seines Helden mit wilden Fantasieflashs, halluzinatorischen Erinnerungsfetzen und orgiastischen Zukunftsvisionen auf. Manchmal lässt er ihn auch wie einen Talkshowgast in seine kleine Digicam sprechen und dabei verschiedene Rollen einnehmen.

Vor allem aber wird die unberührte Wildnis mit pumpenden Beats und grellen Bildern zur urbanen Erlebniszone umgedichtet – ein starkes Stück!

Viel von «Slumdog Millionaire»

Damit nicht genug. Danny Boyle, diese genresurfende Wundertüte mit Hang zur Übertreibung, hat viel von seinem oscargekrönten «Slumdog Millionaire»-Feeling in «127 Hours» hinübergerettet. Verantwortlich dafür ist sein bewährtes Team mit Co-Autor Simon Beaufoy, Kameramann Anthony Dod Mantle (der mit Enrique Chediak gar ein Kameratandem bildet) und dem indischen Starkomponisten A.R.Rahman. Letzterer wurde für den Soundtrack ebenfalls für einen Oscar nominiert.

Und das Konzept funktioniert. Aus der Millionenstadt Mumbai wird in «127 Hours» eine menschenleere Einöde, aus dem einfältigen indischen Ratefuchs ein amerikanischer Extremsportler.

Und der Clou: Aron findet die Kraft zur Selbstbefreiung erst dann, als er gedanklich um seine Nächsten kreist, um seine Eltern, seine Schwester und seine Ex-Freundin. So bringt Boyle die Menschenmenge auf Umwegen wieder in seinen Film. Was fehlt, ist höchstens die psychologische Schlüssigkeit, die man vor lauter Tempo und Extremzustand indes kaum vermisst.

Die Show seines Lebens

Tatsächlich steht und fällt «127 Hours» aber mit Hauptdarsteller James Franco («Spider-Man», «Milk»). Der 32-jährige Amerikaner bietet hier die Show seines Lebens und macht sogar den Verlust eines stumpfen Sackmessers oder einer Kontaktlinse zum Erlebnis von epischen Dimensionen. Kurz: Wenn es bei den diesjährigen Oscars überhaupt eine Konkurrenz zum haushohen Favoriten Colin Firth («The King’s Speech», Kritik links) gibt, dann heisst diese Konkurrenz James Franco.

127 Hours (USA 2010) 94Min. Regie: Danny Boyle. Mit: James Franco u.a.

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