Krimiserie

1000 Folgen, 2280 Leichen, 131 Ermittler: Wie der «Tatort» zum Kult wurde

Götz George als Kurt Schimanski in der gleichnamigen Filmreihe. Nach dem «Tatort»-Abgang 1991 setzte die Figur dort ihre Karriere fort.

Götz George als Kurt Schimanski in der gleichnamigen Filmreihe. Nach dem «Tatort»-Abgang 1991 setzte die Figur dort ihre Karriere fort.

Der «Tatort» ist der langlebigste Krimi im deutschsprachigen Raum. Am Sonntag läuft die Jubiläumsausgabe.

Tatort» schauen ist ein Ritual. Rituale vertragen keine Abweichung. Sie verlangen nach Wiederholung. Am kommenden Sonntag wird der 1000. Tatort ausgestrahlt. Durchschnittlich zehn Millionen Menschen werden sich vor den Fernseher setzen, um einem mittelmässigen Unterhaltungsformat an einem Sonntagabend ungeteilt ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Heissen wird diese Folge wie die erste vom 29. November 1970: «Taxi nach Leipzig».

Den nicht eingeweihten Rosamunde-Pilcher-Fan mag dieses feierliche Zeitopfer für Geschichten, die lediglich unsere biedere «normale» Wirklichkeit abbilden, sektiererisch erscheinen. Ebenso die hysterischen Tweets der 180'000 Follower und die reisserischen Feuilletonkommentare vor und nach der Sendung. Denn im «Tatort» wird die Welt nicht neu erfunden. Die Abbildung der «normalen» Lebenswelt verträgt kein Experiment.

Innovationsscheu als Qualität

Ein Grund, warum besonders innovative Ausflüge in den Autorenfilm wie der vom Nidwaldner Regisseur Urs Odermatt («Ein Hauch von Hollywood», 1998) von der eher konservativen Fan-Community des Internetportals «tatort-fundus» auf den letzten Ranking-Platz verwiesen wurden. Ein Grund auch, warum das vom James-Bond-Vorspann inspirierte Fadenkreuz-Intro mit der Musik von Klaus Doldinger – bei deren Einspielung Udo Lindenberg an den Drums sass – bis heute nicht infrage steht.

Wenn es um den «Tatort» geht, sind die innovativsten Zeitgeister plötzlich konservativ. Dass dieses Intro für seine Anhänger einen pseudo-religiösen Ewigkeitswert besitzt, hat inzwischen auch der in den sozialen Medien anfänglich mit Änderungsvorschlägen herumpolternde Hamburger Kommissaren-Darsteller Til Schweiger (Nick Tschiller) verstanden. «Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass dieser Vorspann noch 30 Jahre kommt», krebste er schliesslich zurück.

Tatort-Bilanz: 25 Jahre Batic & Leitmayr

Tatort-Bilanz: 25 Jahre Batic & Leitmayr

Eine Bilanz zum 25-jährigen Dienstjubiläum der Kommissare Batic und Leitmayr. (Sendung vom 31.03.2016)

Wer sich den ersten «Tatort» aus dem Jahr 1970 anschaut, sieht seine Illusion von der Feier des Immergleichen allerdings zerstört: Normal ist keine Norm, die länger hält als ein paar Jahre. Die haarsträubenden Frisuren, die Blümchensofas und die riesigen Telefonwählscheiben aus den 1970ern haben nichts mehr mit uns zu tun. Die beleibten alten Herren Kommissare hätte man heute längst ausgemustert und durch junge, sportlich-dynamische Jungkommissare ersetzt, den Idealtyp der heutigen Arbeitswelt. An schnelle Wortwechsel und Hintergrundberieselung gewöhnt, betäubt die zelebrierte Ereignislosigkeit dieser «Tatorte» unsere Sinne.

«Tatort»-Erfinder Gunther Witte hatte das Format für die ARD als Konkurrenz zum ZDF-Krimi «Der Kommissar» erdacht. Als Gegengewicht zu den amerikanischen und britischen Krimiserien sollte er den Lokalkolorit der bundesdeutschen Regionen nutzen und Themen aufgreifen, die auf deutschen Strassen liegen. Das macht er bis heute – auch in Österreich und der Schweiz. Ganz nebenbei wurde aus dem Geist des Tatorts so der «Polizeiruf 110» geboren – die Antwort der DDR auf diese westliche Medienaggression.

Bis heute gab es 89 Einzelermittler und Komissarenteams (und 131 Ermittler). Konfrontiert wurden sie mit einem Meer aus 2280 Leichen. Der erste «Tatort»-Kommissar kam aus Hamburg und hiess Paul Trimmel. Mit einer Dienstzeit von zwölf Jahren (1970–1982) hielt er sich lang im Ermittlerzirkus. In der Geschichte des «Tatorts» haben 20 Ermittler den ersten Fall nicht überstanden, darunter auch der erste Schweizer Kommissar aus Bern.

Im kollektiven Gedächtnis halten konnten sich nur wenige Geschichten. Vor allem das amouröse Schüler-Lehrer-Verhältnis aus dem Tatort «Das Reifezeugnis» (1977) von Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen («Troja»), in dem Klaus Kinskis Tochter Nastassja die Lolita gab. Sowohl für Petersen als auch für Kinski war dieser Tatort die Eintrittskarte nach Hollywood. In Erinnerung geblieben auch dank seiner späteren Fernsehkarriere ist «Prügelkommissar» Horst Schimanski (Götz George). Seine «Tatorte» schafften es ins Kino, als Til Schweiger das Schauspielhandwerk gerade zu lernen begann. Schimanski quittierte den Dienst im Jahr 1991, wie er angetreten war: mit seinem Lieblingswort («Scheisse»).

Tatort: Der Fall Schimanski (ganzer Film)

Der erfolgreichste Tatort: Der Fall Schimanski (ganzer Film)

"Der Fall Schimanski" ist der bis heute erfolgreichste "Tatort": Am 29. Dezember 1991 sahen ihn 16,68 Millionen Zuschauer. Der von Götz George verkörperte Ermittle war ab 1981 insgesamt 29 Mal - inklusive zweier Kinofilme - als Kriminalhauptkommissar in Duisburg zu sehen. 

Lena Odenthal Dienstälteste

Derzeit kümmern sich 22 Ermittlerteams um die Sicherheit im deutschsprachigen Raum, darunter auch ein Frauenteam. Wo die erste Ermittlerin, Marianne Buchmüller (1978–1980), für ihre Kollegen noch mütterlich Kaffee kochte, kämpfen weibliche Ermittlerinnen heute nicht mehr um Kompetenzen, sondern wie die Berliner Draufgängerin Nina Rubin mit der Work-Life-Balance.

Die Dienstälteste ist übrigens eine Frau: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelt seit 1989 in Ludwigshafen. Mit 72 gelösten Fällen seit 1991 rangieren die Münchner Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr an der Spitze. Popularität über die Fangemeinde hinaus geniesst das ungleiche Paar aus Münster, Prof. Karl-Friedrich Boerne und Ermittler Frank Thiel.

Bei aller Statistik: Das erste «Tatort»-Opfer haben wir noch nicht mal hinzugezählt. Der Schauspieler Horst Lettenmayer gab zwar nicht Leib und Leben für den «Tatort», für das Intro der Krimi-Reihe aber Augen und Beine. Die Gage für einen Tag im Einsatz: müde 400 D-Mark. Wiederholungshonorare hat er auch nach Klagen auf dem Rechtsweg nie bekommen. Dafür durfte er im Schimanski-«Tatort» «Der Pott» mitspielen: als Gewerkschaftsboss.

Tatort, das Buch François Werner (Hrsg.), Moses-Verlag 2014. 176 Seiten, Fr. 19.90.
Internetportal: www.tatort-fundus.de

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