Film

Zu zweit kann man ganz schön allein sein

Mit drei Filmen, die Paarbeziehungen gründlich infrage stellen, starten die Deutschschweizer Kinos ins neue Jahr. Ob Dreier, Fremdgehen oder Paartherapie, alles ist dabei.

«Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!», heisst es in der letzten Zeile von Hermann Hesses «Stufen». Es ist das Lieblingsgedicht der Deutschen, wie eine Umfrage der Tageszeitung «Die Welt» ermittelte. «Das ist bezeichnend», findet der Regisseur Tom Tykwer («The International», «Lola rennt»), der die Verse in seinem neuen Film «Drei» gleich mehrfach zitiert. Denn das, sagt Tykwer, bringe die Sehnsucht der Deutschen nach weniger Verbindlichkeit, weniger Zuständigkeit, weniger Verantwortung zum Ausdruck.

«Last Night» mit Keira Knightley

«Last Night» mit Keira Knightley

So wundert es kaum, dass Tykwer sich nicht an Hesses Rat hält, der meint: «Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / in andre, neue Bindungen zu geben.» Andere, neue Bindungen, immerhin da sind sich der Regisseur und der Dichter einig. Vom reuelosen Blick ausschliesslich in die Zukunft nimmt Tykwer in «Drei» jedoch Abstand, obwohl auch er die Notwendigkeit von Neuerungen konstatiert.

Plädoyer für die Dreisamkeit?

Der Kunsttechniker Simon (Sebastian Schipper) und die Kulturjournalistin Hanna (Sophie Rois) sind seit Jahren ein kinderloses Paar. Trotz einem sich in der Liebe abzeichnenden Trott wollen die beiden nicht voneinander lassen. Nicht einmal dann, als sie jeweils eine aussereheliche Liebschaft beginnen. Die unverbrauchte Verliebtheit wirkt sowohl bei Simon als auch bei Hanna wie eine Frischzellenkur. Grund für die veränderte Gefühlslage ist Adam Born (Devid Striesow), in den sich, unabhängig voneinander und ohne das Wissen des anderen, beide gleichzeitig verlieben. Born ist Stammzellenforscher, also von Haus aus dem Ursprung des Lebens auf der Spur. Und so trifft die Kultur auf die Wissenschaft und entwirft ein alternatives Gesellschaftsbild. Dank der Biologie gibts den Nachwuchs noch dazu.

Ein Plädoyer für die Dreisamkeit? «Ich schlage nicht vor: Versucht es alle mal mit einer Dreierbeziehung, weil der Zweier abgemeldet ist», sagt Tykwer. Und doch meint der Regisseur, dass wir in Strukturen leben, «die der Vielseitigkeit unseres Denkens monstermässig hinterherhinken». «Alle anerkennen, dass wir sexuelle Neigungen haben, die in verschiedene Richtungen gehen, und wir wahnsinnig viele unerfüllte Sehnsüchte haben, die dann auch unerfüllt bleiben, indem wir uns in diese verbindlichen Beziehungskisten begeben.»

Der Film, so Tykwer, verhandle lediglich die Fragen, mit denen wir uns rumschlagen, biete aber keine allein gültige Lösung. Tykwer glaubt ein westeuropäisches «Massenphänomen» zu erkennen: «Die Verunsicherung darüber, wohin die allmähliche Verabschiedung von der idealisierten Idee der Kleinfamilie als optimale Grundform unserer Gesellschaft führen soll.» Diese Verunsicherung wird auch in zwei weiteren Filmen, die heuer in den Kinos starten, zur Triebfeder der Handlung. Zufall oder tatsächlich ein Massenphänomen?

Das Problem gibts auch in den USA

Einer der Filme, «Last Night», kommt nicht aus Westeuropa, sondern aus den USA. Die zwei, die hier unter gemeinsamer Einsamkeit leiden, sind waschechte New Yorker und als amerikanische Grossstädter dann doch beinahe europäisch. Dazu kommt, dass Joanna (Keira Kneightley), die weibliche Seite dieser heterosexuellen Verbindung, für den Franzosen Alex (Guillaume Canet) schwärmt, der als verflossene, nie ausgelebte Liebe und potenzielle westeuropäische Gefahr für Joannas Eheleben bestens in Tykwers These passt. Alex erscheint in dem Moment auf der Bildfläche, als Joanna an der Treue ihres Mannes Michael (Sam Worthington) zweifelt. Denn der hat eine neue Kollegin, die, von Eva Mendes verkörpert, einigen Argwohn bei Gattin Joanna hervorruft.

Die Frage, der sich «Last Night» widmet, reduziert sich auf «Soll ich oder soll ich nicht?», denn sowohl Joanna als auch Michael bietet sich die Gelegenheit zum Seitensprung. Die Beantwortung dauert eine gefühlte Ewigkeit und führt zu keiner Erkenntnis. Die sterile Emotionsvermittlung, die ihre Höhepunkte im Pool-Plansch-Vergnügen mit Eva Mendes und im Kopf-schräg-Stellen von Keira Kneightley findet, ist Langeweile pur. Drehbuchautorin und Regisseurin Massy Tadjedin vermeidet es, das Publikum mit zukunftsweisenden Lebensmodellen vor den Kopf zu stossen.

Die Frage nach dem Glück oder Unglück in der dauerhaften Paarbeziehung stellt sich auch die Zürcherin Barbara Kulcsar in «Zu zweit». Hier triumphiert keine Videoästhetik über menschliche Schwächen und Sehnsüchte. Dementsprechend aalt sich die weibliche Versuchung auch nicht lasziv im Hotelbassin – sondern ringt stattdessen auf dem Beifahrersitz eines Familienautos um Fassung.

Die Konstellation ist klassisch: Jana (Linda Olsansky) und Andreas (Thomas Douglas), Eltern von Kleinkindern, leiden unter ihrem stressigen Alltag. Leidenschaft und Liebe für den Partner wurden längst unter Pflichterfüllung begraben; eigene Bedürfnisse: ein Fremdwort.

Paartherapie als Ausweg?

Um zu retten, was noch zu retten ist, versorgt das Paar den Nachwuchs bei den Grosseltern und flüchtet ins winterliche Tessin. Auf dem Weg dorthin kommt ihnen ein Hindernis namens Ingrid in die Quere, wobei dessen Wirkung als Versuchung für den Gatten nur noch ein kraftloser Tropfen ist.

Kulcsar sieht ihr Paar bereits in der Therapiesitzung. Das Geschehen, das die beiden zum Therapeuten führte, wird in Rückblenden und in einem ausserordentlich dokumentarischen Duktus erzählt. Immerhin wird die Geschichte nicht in Echtzeit erzählt und kennt die Technik der filmischen Ellipse. Und doch drängt sich die Frage auf, wo die realistische Darstellung des krisengeschüttelten Paars hinführen soll. Diese Frage stellt der Therapeut schliesslich dem Paar. Antworten, seien sie nur spielerisch, bleibt dieser fiktive Dokumentarfilm schuldig.

Zurück also zu Tom Tykwer und seinem Dreieck. In der künstlerischen Umsetzung des von ihm beobachteten «Massenphänomens» ist er seinen Kollegen um Längen voraus. «Drei» ist eine intelligente Komödie voller Querverweise und Zitate. Er lässt den Irrwegen des Lebens Raum, verwebt die Alltagskrise mit Träumen und Engelserscheinungen; setzt die Vielseitigkeit sowie die grenzenlosen ebenso wie die eingeschränkten Wahlmöglichkeiten der Individuen auch formal in Szene. Das wirkt verzettelt, manchmal willkürlich, hier und dort versnobt und auch mal zäh, wenn die Handlung nur noch schleppend vorankommt. Andererseits ist «Drei» so verzettelt, willkürlich, versnobt und zäh, wie das Leben eben sein kann. Bei etwaigen Unzulänglichkeiten wächst Sophie Rois in der Rolle der Hanna einmal mehr über sich hinaus.

Tykwer hält mit «Drei», was er im Interview verspricht: Er spürt mit sichtlicher Freude einem Phänomen nach, das vielleicht noch nicht den Massen, aber doch einem Grossteil der Paar-Geschädigten quer im Magen liegt. Eine lustvoll cineastische Bestandsaufnahme, die nicht immer ausreichend wehtut, aber zum Weiterdenken anregt.

Drei (DE, 2010), 119 Min. Regie: Tom Tykwer. Mit: Devid Striesow, Sophie Rois, Sebastian Schipper u.a. Ab 30.12.
im Kino.

Last Night (USA, 2010), 92 Min. Regie: Massy Tadjedin. Mit: Keira Knightley, Sam Worthington, Eva Mendes u.a.
Ab 30.12. im Kino.

Zu zweit (CH, 2009), 70 Min. Regie: Barbara Kulcsar. Mit: Sean Douglas, Thomas Douglas, Ragna Guderian, Peter Jecklin u.a. Ab 30.12. im Kino.

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