Vielleicht ist die musikalische Geste etwas gar episch geraten, um mit Leonard Cohens Klassiker «Hallelujah» die unerwiderte Liebe eines 15-jährigen Mädchens zu einem Mann - der ihr Vater sein könnte - in die Gehörgänge des Betrachters zu tragen. Doch im Verständnis eines pubertierenden Mädchens, dessen Liebe nicht erhört wird, dessen Minnegesang sich im Echo der erwachsenen Welt verliert, muss es die Hölle auf Erden sein, wenn sich der Angebetete aus Gründen des Anstands und der sozialen Konvention verweigert. Dem (und das ist konsequent) kann man wohl nur mit himmlischen Zeilen beikommen: «Love is not a victory march / It’s a cold and it’s a broken Hallelujah.»

Und so stirbt in ebendiesem Mädchen ein Stück Kind. Ja, aus Schmerz und Enttäuschung gedeihen erwachsene Menschen, und freilich: Die unerwiderte, jugendliche Liebe scheint die schönste von allen zu sein, denn sie lebt im Reich der Träume weiter. Für immer.

Dass sich Nana (Elisa Schlott) in den gut aussehenden Arzt Eduardo (Barnaby Metschurat) verliebt, ist derweil nur eine kleine (aber entscheidende) Episode in ihrem entbehrlichen, noch sehr jungen Dasein. Die Drehbuchautorin, Regisseurin und bekannte Kolumnistin Güzin Kar erzählt in ihrem mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Spielfilm «Fliegende Fische» die Geschichte einer vater- und mittellosen Familie, die sich mehr schlecht als recht durch den nicht ganz normalen Alltag kämpft.

Verkehrte Rollen

Mutter Roberta (Meret Becker), ein versoffenes Flittchen, ist mit ihrer Mutterrolle völlig überfordert. Ihren Part übernimmt Nana. Sie kümmert sich um die beiden jüngeren Geschwister und verdient als Schleusenwartin den Lebensunterhalt für die ganze Familie. Eine verzwickte Konstellation, in die sich zu allem Übel auch noch das Jugendamt einmischt und die die Bewohner der Kleinstadt hinter blühenden Geranien und vorgehaltener Hand über die unorthodoxe Familie tuscheln lässt. Aber: Wo Sittsamkeit gepredigt wird, ist bürgerlicher Neid nicht weit. So wird Roberta die verkrusteten Strukturen im kleinen Städtchen am Rhein noch ordentlich durcheinanderwirbeln.

Ingredienzien, so möchte man denken, die eigentlich gerade mal für einen Sonntagabend-Film reichen. Doch Kar destilliert daraus ein liebevolles Porträt über eine Aussenseiterfamilie, deren Ehrlichkeit und Andersartigkeit die heuchlerische Fassade einer angepassten Gesellschaft bröckeln lässt. «Fliegende Fische» sei ein Märchen geworden, sagt Kar. «Eine Geschichte um Anpassung und Eigensinn, wobei die Rollen zwischen Mutter und Tochter umgekehrt sind: Es ist die Tochter, die normal sein möchte, und die Mutter, die ausschert.» Verkehrte Welten also.

Spitze Feder - schlaue Dialoge

Was auffällt sind die von Kar eingesetzten Stilmittel, die dem Film eine jugendliche Frische verleihen: Mal ruckelt Nana in Stop-Motion-Bildern über die Mole, mal kommen Polaroid-Fotos für die Raffung einer Szene zum Einsatz und bald darauf folgen Split-Screen-Sequenzen. Darüber legt die für ihre spitze Feder bekannte Kar schlaue Dialoge mit viel Witz und Charme - kein Wort zu viel, kein Satz zu wenig. Das ist Kars Stärke. «Fliegende Fische» schmeckt wie ein kühler Campari-Soda in einer lauen Sommernacht. Man möchte ihn nicht missen und wartet - etwas ungeduldig - auf den zweiten.

Fliegende Fische (D/CH 2011) 100Min. Regie: Güzin Kar.