Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Aber was, wenn sie Hasen wären? Könnte man so nicht unbeschwerter mit ihnen reden und ihre Störungen leichter ertragen?

Für diese Verfremdung entscheidet sich Peter Liechti in «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern», seiner filmischen Annäherung an die betagten Eltern. Immer wieder treten sie in Gestalt von Hasenpuppen auf, derweil ihre Aussagen von Sprechern vorgelesen werden.

Spiessbürgerlicher Wahnsinn

Der St. Galler Filmemacher hat etliche Male mit den Eltern gesprochen und musste öfter nahe dran gewesen sein, durchzudrehen. Etwa, wenn der Vater wieder gesagt hat, die Frau sei von Natur aus das schwächere Wesen. So nutzt Liechti die Puppen nicht nur als erzählerische Distanzierung vor dem Vertrauten, sondern schützt seine Eltern auch vor sich selber. Der Trick funktioniert wunderbar: Liechti hält fest, wie irr die eigenen Eltern wirken können.

Diese heissen Max und Hedi Liechti, sind seit über 60 Jahren verheiratet und haben einander immer noch gern. Natürlich gibt es Probleme, etwa im Badezimmer: Schon zweimal ist Hedi ausgerutscht, weiterhin fehlt ein Griff. Aber Max wird einen Teufel tun, in eine neue Plättliwand reinzubohren. Das lohne sich jetzt auch nicht mehr, sagt der dickköpfige Max. Er meint damit die Nähe zum Tod.

In diesen Momenten herrscht der spiessbürgerliche Wahnsinn bei den Liechtis. Alles muss seine Ordnung haben: Die Beete in Vaters Schrebergarten sehen aus, als seien sie mit dem Lineal gezogen. Dort im Garten ist der Vater bei sich selbst, während die Mutter seine Hemden bügelt; nicht unglücklich, aber doch mit einem Hang zum Depressiven: Gern wäre sie mehr gereist, nur bleibe der Max eben lieber zu Hause. Hedi findet ihre innere Freiheit in der Frömmigkeit.

Annäherung als Protest

Peter Liechti scheut sich nicht, tragische Dimensionen aufzutun. Sein Dokumentarfilm zeigt zwei grundverschiedene Menschen, und man merkt, wie ihnen Liechti nahekommen will, indem er ihnen die Kamera direkt vors Gesicht hält. Aber auch wenn er zarte Momente registriert: Liechti bleibt unsentimental und noch in der Nähe rebellisch. Sowie er es nicht mehr erträgt, legt er die störende Musik von Morton Feldman über die Bilder – als Protest mit den Mitteln des Films.

Da steckt also wieder eine Radikalität in der Form, wie sie Liechti zuletzt mit seinem Filmessay «The Sound of Insects» demonstrierte. Nun aber sucht Liechti einen wahrhaftigen Blickpunkt auf die Eltern und findet ihn in einer Äquidistanz zwischen Vertrautheit und Abstand. Ein Platz, von dem aus er wegstossen kann, was ihm entgegenkommt.

Als der Vater erklärt, in der Stube sei es so dunkel, weil er keine Lampe mit hässlichem Kabel aufhängen wolle, dauert es nicht lange, und der Filmemacher tritt selber als Puppe auf. Aber nicht als Hase, sondern als grinsender Mann, der seine Stirn vor Wut gegen die Wand schlägt. Eine visuelle Pointe ist das, musikalisch montiert. An der Berlinale, wo der Film in der Sektion «Forum» lief, wurde herzhaft gelacht.

Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern (CH 2013) 93 Min. Regie: Peter Liechti