Film
Erwachsenwerden in zwölf Kapiteln – eine Frau von heute auf der Suche nach sich selbst

Zum Lachen und zum Weinen: «The Worst Person in the World» von Joachim Trier ist Norwegens Oscar-Kandidat.

Regina Grüter
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Julie (Renate Reinsve) hat halluzinogene Pilze gegessen.

Julie (Renate Reinsve) hat halluzinogene Pilze gegessen.

Bild: Frenetic

Alles Idioten, allen voran man selbst. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl der Unzufriedenheit, das einen zu echten Gemeinheiten verleitet? So recht definieren lässt es sich nicht, dieses Gefühl, es überkommt einen dann, wenn eigentlich alles ganz gut läuft im Leben. Vielleicht sogar nur dann, wenn wir überhaupt dazu kommen, darüber nachzudenken, ob wir denn «glücklich» sind. In erster Linie mit uns selbst, aber halt auch mit den anderen.

«The Worst Person in the World», so heisst Joachim Triers neuster Film, das ist dann wohl die Hauptfigur, Julie. Wenn sie ihrem Freund an den Kopf wirft, er könne ja schon bis 50 in der gleichen Bar arbeiten, aber sie wolle mehr, dann ist sie tatsächlich für einen Moment der schlechteste Mensch auf Erden. Denn was Julie will, das weiss sie selber nicht so genau. Einfach nicht bis 50 in der gleichen Buchhandlung arbeiten.

Der Film fliegt in gut zwei Stunden und zwölf Kapitel durch das Leben der jungen Frau. Am Anfang ist sie Mitte zwanzig, am Schluss in ihren frühen Dreissigern. Als sie den 44-jährigen Aksel (Anders Danielsen Lie) trifft – nicht der Freund von oben –, geht sie gegen die dreissig, hat erst ein Medizin-, dann ein Psychologiestudium hingeworfen, um ihr ganzes Studiengeld für eine Fotografieausrüstung auszugeben. Sie verlieben sich, und schon zieht Julie bei Aksel ein. Derweil läuft «The Way You Look Tonight» von Billie Holiday auf der Tonspur.

Manchmal ist es einfach schlechtes Timing

Während Aksel seine Berufung gefunden hat – er ist ein bekannter Comicautor – und weiss, was er will (Kinder), kommt Julie alle sechs Monate ins Trudeln, wie sie später sagen wird.

Der norwegische Regisseur Joachim Trier feierte mit «The Worst Person in the World» im Wettbewerb von Cannes Premiere und brachte das ganze Publikum zum Lachen und zum Weinen. Zusammen mit Co-Autor Eskil Vogt hat er eine geistreiche romantische Tragikomödie über eine Frau von heute auf der Suche nach sich selbst geschrieben. «Reprise», «Oslo, 31. August» oder auch zuletzt «Thelma» – die zwei schaffen es immer, dass man sich in ihren Figuren wiedererkennt. Diese sind glaubwürdig, weil sich Trier und Vogt für die Menschen interessieren und mit den Leuten reden.

In diesem Film sind die beiden wunderbar (selbst-)ironisch, ohne Julies Konflikte der Lächerlichkeit preiszugeben. Mit den zwölf Kapiteln haben sie eine leichte Form gewählt. Die Tonalität wechselt mehrmals, der Film hat einen guten Rhythmus. Alles fliesst ineinander zu einem homogenen Ganzen. Und man spürt leise, wie die Zeit vergeht. So kann es sein mit Beziehungen, manchmal ist es einfach schlechtes Timing und es liegt nicht daran, dass irgendjemand ein schlechter Mensch wäre.

Mit erster Rolle zum Preis ­in Cannes

Es gibt eine Art Musicalszene, die an klassische Astaire/Kelly- oder Woody Allens Manhattan-Filme erinnert – mit der Stadt Oslo als Protagonistin. Die schönste aber ist jene, als sich Julie auf eine Hochzeitsfeier einschleicht und dort Eivind (der Freund von oben) kennenlernt. Sie sind so offen und unerschrocken, wie man es nur sein kann, wenn man jemanden nicht kennt, diesem jemand aber vertraut. Bei dieser Szene denkt man an Richard Linklaters Romanze «Before Sunrise» mit Ethan Hawke und Julie Delpy.

Diese psychologische Intelligenz und Empathie beim Schreiben und beim Inszenieren, gepaart mit analytischer Klarheit, macht die Frage nach dem männlichen Blick auf eine weibliche Figur obsolet. Die Frauen fühlen sich verstanden, und Renate Reinsve als Julie wäre nicht so gut, wenn sie sich nicht hätte einbringen können. Sie ist wunderbar, und man nimmt ihr jedes Gefühl ab. Dafür wurde sie in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Es ist die erste Hauptrolle in einem Spielfilm für die 34-jährige Norwegerin, die bisher vor allem als Theaterschauspielerin auf sich aufmerksam machte. In Joachim Triers erstem Film «Reprise» hat sie eine Zeile gesprochen: «Let’s go to the party.». Das passt ganz gut. Schauen Sie sich den Film mit Freunden im Kino an. Man ist danach durchaus in Partystimmung, auch wenn es gegen Ende etwas gar dramatisch wird.

«The Worst Person in the World» (NOR/FRA/SWE/DNK 2021), 127 Min., Regie: Joachim Trier, ab 20. Januar im Kino.

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