Interview
Direktor des Filmfestivals von Cannes: «Ich hasse digitale Festivals»

Das wichtigste Filmfestival der Welt musste wegen Corona in den Juli verschoben werden. Die Verantwortlichen halten an einer physischen Durchführung fest. Direktor Thierry Frémaux über persönliche Treffen und wie es mit Netflix weitergehen soll.

Marlène von Arx
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Ist guter Dinge für die Durchführung im Juli: Cannes-Filmfestival-Direktor Thierry Frémaux.

Ist guter Dinge für die Durchführung im Juli: Cannes-Filmfestival-Direktor Thierry Frémaux.

Bild: Francois Mori / AP

2021 findet das Filmfestival wegen Corona nicht wie üblich im Mai, sondern im Juli statt. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Thierry Frémaux: Die Kinos in Frankreich müssen offen sein. Wir können kein Filmfestival abhalten ohne sie. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass im Juli die Kinos nach Plan ganz offen sein werden. Das Publikum ist bereit. Das zeigte sich schon bei der Öffnung im letzten Sommer.

Wie wird Cannes 2021 aussehen?

Es wird eine Rückkehr zum normalen Leben sein. Wenn wir im vergangenen Jahr eines realisiert haben: Filmfestivals sind Liveshows! Wir werden uns also wieder persönlich treffen – Filmemacher, Industrie-Profis, das Publikum. Es wird auch Galadiners geben. Filmfestival bedeutet, zusammen zu sein, zusammen über Filme zu streiten und sie hochleben zu lassen.

«Ich kritisiere nicht, dass letztes Jahr Festivals online gingen, aber ich hasse digitale Festivals.»

Wie haben Sie Spike Lee, der letztes Jahr Jurypräsident sein sollte, über die ungewissen Monate vertröstet?

Wir hatten gefühlte 25 Gespräche über immer neue Verschiebedaten und er sagte immer, er werde da sein. Er ist sehr loyal und er ist stolz, der erste schwarze Jurypräsident von Cannes zu sein.

Zur Person

Thierry Frémaux wurde 1960 in Tullins bei Grenoble geboren und wuchs in einem Vorort von Lyon auf. Seit der 57. Ausgabe im Jahr 2004 ist er Artistic Director des Filmfestivals von Cannes, das dieses Jahr vom 6. Juli bis 17. Juli stattfindet. Frémaux’ weitere Interessen: Er besitzt den schwarzen Gürtel im Judo und hat im Februar mit «Judoka» ein Buch über seinen Lieblingssport veröffentlicht. Dazu bezeichnet er sich als einer der weltweit besten Bruce-Springsteen-Kenner mit einer grossen Sammlung von Bootleg-Konzerten des Rockstars. (red)

Wieso hat es so lange gedauert, einen schwarzen Jurypräsidenten oder eine schwarze Jurypräsidentin zu verpflichten?

Es gibt eigentlich keinen guten Grund dafür – ausser dass die Festivals im Norden der Landkarte – wie auch Venedig und Berlin, die bisher auch keine Schwarzen als Präsidentin oder Präsident hatten – sich halt um Weisse drehen. Am Ouagadougou Film Festival in Burkina Faso ist das natürlich anders. Wir hatten zwar schon immer Schwarze Jurymitglieder: Der erste war 1967 der senegalesische Regisseur Ousmane Ebene. Diversität ist die erste Pflicht von Cannes, deshalb haben wir Filme aus allen Kontinenten. Aber wir dachten eigentlich nicht über Rasse nach. Wir schauten nur, dass wir nicht zu viele amerikanische oder zu viele französische Beiträge haben. Das Angebot aus diesen Ländern ist gross und es wäre einfach, sich da zu bedienen. Spike Lee setzt nun ein wichtiges Zeichen für die Zukunft. Vor zehn, fünfzehn Jahren wäre er als Jurypräsident indes nicht ideal gewesen.

Wie meinen Sie das?

Er ist ein Künstler, dessen Karriere grosse Höhen und Tiefen erlebte. Damals hätte er die Präsidentschaft wohl nicht gut akzeptieren können. Und noch weiter zurück wäre er zu jung gewesen. Mit seinem grossen Comeback «BlacKkKlansman» vor drei Jahren ist es jetzt der richtige Zeitpunkt für ihn. Letztes Jahr hätten wir auch als ein Netflix-Comeback seinen Film «Da 5 Bloods» ausser Wettbewerb gezeigt.

Cannes und Netflix – das ist traditionell eine sehr schwierige Beziehung. Haben Sie es nun aufgegeben, die Streamingplattformen zu bekämpfen?

Fragen Sie mich nicht nach Netflix! (lacht). Mit Amazon und Apple arbeiten wir bereits zusammen. Netflix ist ein anderes, geschlossenes System. Ich hoffe, wir finden eine gute Lösung. Denn unsere Regeln sind klar: Filme im Wettbewerb müssen nach gängiger Sitte an einen französischen Kinoverleih verkauft werden. Wenn nicht, kann Netflix in Cannes ausserhalb des Wettbewerbs Galascreenings organisieren, so, wie es die Filmstudios mit ihren grossen Filmen auch machen. Aber der Netflix-Boss Ted Sarandos ist sehr ehrgeizig. Er will Preise gewinnen – die Palm d’Or, den Oscar et cetera. Netflix will sich dadurch legitimieren, was ich nachvollziehen kann.

«Netflix kann ausserhalb des Wettbewerbs Galascreenings organisieren, so, wie es die Filmstudios mit ihren grossen Filmen auch machen.»

Im Februar haben Sie ein Buch über Judo veröffentlicht. Was hat das mit Ihrer Filmleidenschaft zu tun?

In meiner Familie wurde Politik, nicht Sport grossgeschrieben. Trotzdem haben Judo und Kino meine Jugend geprägt. Für mich sind beide Leidenschaften letztlich dasselbe. Der moderne Sport und Kino sind auch zur gleichen Zeit entstanden: Jigoro entwickelte Judo, als die Lumière-Brüder die Bilder zum Laufen brachten. Ihre Erfindungen reflektieren inzwischen ein Jahrhundert an Geschichte. Ich habe den schwarzen Gürtel und arbeitete als Judolehrer, bevor ich als Volontär zum Institut Lumière kam. Judo lehrte mich Hingabe – auch fürs Kino. Deshalb sehe ich mich selbst im Greisenalter noch als Billettverkäufer oder Türsteher im Kino. Ich werde bis zum Schluss sagen: Ich arbeite fürs Kino.