Fotografie

Festival Images in Vevey: Hier ist «plakativ» kein Schimpfwort, sondern ein Kompliment

Das New Yorker Strassenleben der 1990er trifft auf das Strassenleben Veveys: Eine Arbeit des New Yorker Fotografen Jeff Mermelstein an der Fassade der banque cantonale vaudoise.

Das New Yorker Strassenleben der 1990er trifft auf das Strassenleben Veveys: Eine Arbeit des New Yorker Fotografen Jeff Mermelstein an der Fassade der banque cantonale vaudoise.

Monumentale Fotografien, an denen man selbst als Scheuklappen tragender Passant noch ins Staunen kommt: Das 7. Festival Images in Vevey ist eröffnet. Und trotzt den Coronabedingungen mit rund 50 Präsentationen im öffentlichen Raum und an ausgewählten Orten der Stadt.

In Vevey ist alles ein bisschen grösser, aber das merkt man nicht sofort. Der Marktplatz am Ufer des Genfersees, auf dem ungefähr alle 25 Jahre das Winzerfest Fête des Vignerons für Rausch und manchmal auch, wie letztes Jahr, für ein berauschendes Defizit sorgt, ist angeblich der zweitgrösste Europas, wenn er nicht gerade zugeparkt ist wie eigentlich fast immer. Und wenn die Veveyer da nicht ein wenig übertreiben (was sie wahrscheinlich tun). Im charmanten Städtchen sitzt fast unscheinbar der milliardenschwere Nestlé-Konzern, der die Welt ab 2021 von Vevey aus auch mit bunten Nespresso Kapseln beliefert (auch der Nespresso-Hauptsitz wird nach Vevey verlegt). Und hier beliefert ein Förderverein seit Mitte der 1990er die Stadt mit Bildern, nachdem die Politik einen städtischen Imagewandel gefordert hatte und Vevey zur Bilderstadt erklärte.

Fotos bringen Passanten aus dem Trott

Seither bringen alle zwei Jahre monumentale Fotografien, von Geschäftshäusern oder von Werbeflächen winkend, Passanten aus dem Trott. Man kommt nicht an ihnen vorbei. Zu gross sind sie, zu überwältigend. Auch dieser Tage ist das wieder so, wenn man vom Bahnhof Vevey in Richtung See aufbricht und einen von der Fassade der Banque Cantonale Vaudoise ein schnurrbärtiger Kerl anschaut. Er sieht sehr nach 1990er aus und hat sich ein altes Buch zwischen die Zähne geklemmt wie einen saftigen Big Mac. Das Werk aus der «Sidewalk»-Serie des New Yorker Fotografen Jeff Mermelstein steht beispielhaft für das Bemühen dieser Biennale: Hier wird selten bahnbrechend Neues präsentiert, dafür Altes überraschend neu. Kunst verschmilzt hier mit der Stadt und ihren Bewohnern. Wer an der hochfrequentierten Strasse beim Bahnhof mit Peter Funchs Pendlersnapshots konfrontiert wird – der Künstler hatte während fast zehn Jahren an der immer gleichen Ecke New Yorks per Zufall dieselben Pendlergesichter aufgenommen – , wer in diese ausdruckslosen Pendlergesichter schaut, der muss sich von der Kunst gespiegelt fühlen.

Plakativ ja, aber nicht platt ist das Gezeigte, das passend zum diesjährigen Corona-Jahr dem Thema «Zufall» («Unexpected. Le hasard des choses») gewidmet ist. Stefano Stoll hat für jedes Kunstwerk den perfekten Platz gefunden. Gerne fährt der charismatische Festivaldirektor seine Besucher mit einem wendigen Elektromobil durchs Städtchen, in dem er jede und jeden kennt. Stoll erklärt den Fussball spielenden Schulkindern den Sinn hinter den auf ihrer Spielwiese am Seeufer montierten Porträts maledivischer Einwohner, die in Vevey auch mal einen Ballschuss abkriegen und deren Land langsam, aber sicher noch vor Vevey untergehen wird. «Die Ballschüsse haben wir einkalkuliert», so Stoll. Wegen der Coronakrise gebe es dieses Jahr zwar nur wenige interaktive Installationen. Die Kunst sei aber nahbar, trotz des Aufrufs an die Besucher, die Werke nur mit den Augen zu berühren («toucher avec les yeux»).

Sponsoren wegen Corona abgesprungen

Eine Ausnahme macht Alain Bublex’ aus Brettern gezimmerter Saloon auf dem Marktplatz. Hier, beim Festivalzentrum, trinkt man lokales Bier und blickt auf von Personen befreite Filmstills des Klassikers «Rambo – The last blood». Das Ergebnis: Natur und gähnende Leere.

Nochmals durch das enorme Stahlgerüst rattern darf in der Salle del Castillo das ewig lange Fotoband mit Gesichtern Neugeborener von Christian Boltanski, das 2011 im französischen Pavillon der Biennale Venedig gezeigt wurde. «Bitte nicht absagen, Stefan», soll der international bekannte Künstler bei jedem Anruf Stolls gefleht haben – die meisten seiner Ausstellungen wurden verschoben.

Corona habe die Montage und das Reisen für internationale Künstler verkompliziert, sagt Festivaldirektor Stefano Stoll. Doch die Durchführung des Gratisfestivals, das rund 50 Arbeiten in Innen- wie Aussenräumen zeigt, sei nur kurz zur Disposition gestanden. «Anfang März sind uns Sponsoren abgesprungen, aber wir haben weiter gemacht», erklärt Stoll. Man hoffe dieses Jahr auf Deutschschweizer Touristen. Die betrachten die Westschweiz ja schon lange als Ausland. Und in Vevey, das sei hier nochmals gesagt, ist vieles grösser, als man denkt.

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