Kritik

Felix Philipp Ingold kritisiert die Gegenwartskultur

Felix Philipp Ingold.

Felix Philipp Ingold.

Der 77-jährige Slawist und Dichter legt einen grossen Band mit literarischen und kritischen Randbemerkungen vor.

An eine breitere Öffentlichkeit gelangt Felix Philipp Ingold in letzter Zeit vor allem als Autor von Zeitungsessays – oder müsste man die Texte schon Polemiken nennen? Der emeritierte Schweizer Slawistikprofessor und Dichter macht es dabei selten unter einer kollektiven Watsche gegen den gesamten gegenwärtigen Literaturbetrieb. Der Inszenierungszwang der jungen Dichter, die Kurzlebigkeit der Moden, die Oberflächlichkeit der Sprache, der Verfall der guten alten philologischen Tugenden: all das lässt ihn zu kritischer Hochform auflaufen.

Einige der Argumente im fast 600 Seiten starken Band «Endnoten» kommen dem Zeitungsleser bekannt vor. Ingold kritisiert etwa eine übertriebene Aktualitätsorientierung der gegenwärtigen Schriftstellergeneration. Nur noch auf das Was komme es heutzutage an, nicht auf das Wie. «Die meisten publizierten Texte, selbst die ausgezeichneten, sind ihrer sprachlichen Qualität nach unbedarft, formal nachlässig gefertigt, viel mehr von der Gebrauchssprache geprägt als von literarischen Normen.»

Ingolds Helden sind Lukrez, Demokrit, Montaigne

Als Kenner der Literaturgeschichte sieht sich Ingold stilistisch von einem Mangel an Unverkennbarkeit und Originalität beelendet. Gefragt sei heute nur noch «die gleichmacherische Stromlinienform, die weitgehend ungebrochen die Ding- und Alltagswelt durchzieht, ohne merklichen Widerstand zu bieten oder zu schaffen.» Doch auf einzelne Autoren oder Texte mag Ingold nicht eingehen, und so bleiben die Rundumschläge vollkommen im Pauschalen.

Den Verdacht, dass er nicht allzu viel Zeit darauf verschwendet, seine Polemiken mit entsprechenden Lektüren zu überprüfen, erhärtet er selbst. Aufs Alter hin verenge er seine kostbare Aufmerksamkeit immer mehr auf das Allerhochwertigste – das sind die Klassiker aller Epochen und Genres. Ingolds grösste Helden sind Demokrit, Lukrez, Augustinus, Boetius, Montaigne und Pascal. Die Autoren der letzten Jahrzehnte müssen dagegen damit rechnen, in Ingolds Mülltonne zu landen. Für den Bibliophilen ein Tabubruch: «Die überbordende Verlagsproduktion einerseits, andererseits das ernüchternde Wiederlesen so mancher Erfolgstitel von früher macht’s mir inzwischen leicht, das Wegwerftabu mehr und mehr aufzuweichen.»

Ingolds grösste Faszination scheint indessen einer Gilde von Autoren zu gelten, die «mehrheitlich in Marginalien schreiben», wie Lichtenberg, Leopardi, Artaud, Cioran oder Ludwig Hohl. Ob sich Ingold selbst auch hier einordnen würde, mit seinem Buch, in dem neben literarischen Notaten auch Traumprotokolle und Kindheitserinnerungen stehen? Ist Ingold lesenswert? Die Frage scheint ihn selber zu spalten. Einerseits lese er sich selbst nur im Notfall und schon gar nicht öffentlich. Andererseits laufe alles darauf hinaus, dass Ingold «irgendwann der einzige adäquate Leser meiner Texte» sein werde. Bei sich selbst könne er noch viel lernen und entdecken.

Noch ist es aber nicht soweit, und Ingolds Texte werden weiter verlegt, wenn auch im seinerseits marginalen Ritter-Verlag. Tatsächlich ist «Endnoten» mit Gewinn und Vergnügen zu lesen. Der 77-Jährige geniesst es, nichts zu müssen und alles zu dürfen. Und so weidet er stets da, wo die Grasbüschel fett sind – und macht aufs Schönste vor, wie man sie am besten abweidet: Mit lupenartigem «Close Reading», mit Wiederlektüre, und mit einem Gespür für produktive Missverständnisse. Denn womöglich ist ja sogar das Nichtverstehen «eine spezifische Spielart des Verstehens».

Felix Philipp Ingold Endnoten. Ritter Verlag, 568 S.

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Autor

Hansruedi Kugler

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