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Father John Misty: Unterhaltung aus jedem Furz

Father John Misty (bürgerlich: Joshua Tillman) schrieb auch Songs für Beyoncé und Lady Gaga.Andrew White/NYT/Laif

Father John Misty (bürgerlich: Joshua Tillman) schrieb auch Songs für Beyoncé und Lady Gaga.Andrew White/NYT/Laif

US-Sänger Father John Misty ist überzeugt, dass Virtual Reality auf Pornos mit Promis hinausläuft. Sein neues Album «Pure Comedy» ist ein sarkastischer Blick hinter die Fassaden der Unterhaltungsindustrie.

Joshua Tillman alias Father John Misty hat sich bereits vor seinem Auftritt bei «Saturday Night Live» die Schlagzeilen ausgemalt. Schliesslich wählte er für seinen bisher grössten TV-Moment genau den Song von seinem neuen Album «Pure Comedy», bei dem es gleich in der ersten Zeile zur Sache geht – mit Taylor Swift. Ja, genau, in dem Song hat jemand Sex mit dem Popsternchen – allerdings nur in der Virtual-RealitySimulation. Billige Knalleffekte, um Aufmerksamkeit zu erheischen? So einfach ist es bei Father John Misty selten.

Der Song mit Taylor Swift heisst «Total Entertainment Forever» und handelt von unserer Kultur des simulierten Spektakels, die aus jedem Furz – eben auch demjenigen von Father John Misty – eine riesige Unterhaltungsshow macht. Und während wir zu Hause sitzen, an unsere Geräte angeschlossen sind und geniessen, geht die Menschheit unter.

Wie beim Film «The Matrix», aber ohne Happy End. Tillman hat den Spiess also längst umgedreht, und ausserdem – wie er einem Interviewer zurückgibt – sei es sowieso verlogen, zu glauben, dass die VR-Technologie nicht bald auch für Sex mit Promis genutzt werde.

«Pure Comedy» ist das dritte Album, das Tillman als Father John Misty veröffentlicht, und es ist auch das politischste von ihnen. Der Titelsong, der auch schon als Anti-Trump-Song gelesen wurde, ist in Wahrheit eine sarkastische Abrechnung gleich mit der ganzen Menschheit.

Bei all dem Leid und Chaos, das die Menschen in ihrer Geschichte angerichtet haben, hilft es auch nicht, dass sie irgendwann ein allmächtiges Wesen erfunden haben, um dieser ganzen Horrorshow einen Sinn zu geben. «Ich hasse es, das zu sagen», schliesst Tillman den Song, «aber wir sind alles, was wir haben.»

Flucht vor Eltern und Religion

Tillman weiss, wovon er spricht, wenn es um Religion geht. Seine Eltern waren Mitglieder einer evangelikalen Sekte, bei der es sogar verboten war, einen US-Popmusiker wie Michael Bolton zu hören, weil er lange Haare hatte. Lange hörte Tillman ausschliesslich christliche Musik. Als junger Mann flüchtete der heute 35-Jährige von seiner Familie nach Seattle, wo er als Tellerwäscher arbeitete, und begann Songs zu schreiben.

Father John Misty - Hollywood Forever Cemetery Sings

Father John Misty - Hollywood Forever Cemetery Sings

Er spielte in verschiedenen Bands, unter anderem als Drummer bei den Indie-Folkern Fleet Foxes, und veröffentlichte unter seinem eigenen Namen einige Folk-Alben mit poetischen Texten. Dann kam eine Eingebung. Ausgelöst wurde sie natürlich nicht von einer höheren Macht, sondern von etwas, was in Tillmans Leben sowieso eine grosse Rolle spielt: psychedelische Drogen. Mit MikroDosen LSD hat Tillman etwa seine Depressionen therapiert. Er bietet gern auch mal einem Reporter LSD an, der ihn für ein Interview besucht.

Authentisch dank Humor

Tillman realisierte, dass seine Musik bisher überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte, obwohl er sie unter seinem eigenen Künstlernamen veröffentlichte. Der Ernst, mit dem er sie sang, erschien ihm plötzlich lächerlich. Der Witz seines absurden Künstlernamens besteht gerade darin, dass die Songs auf den entsprechenden Alben im Gegensatz dazu entwaffnend persönlich sind.

Der Spass, den er an diesem Kontrast habe, sage viel mehr über ihn aus als sein eigener Name, sagt Tillman. Authentizität durch absurden Humor: Das ist die Grundformel von Father John Misty.

Wie das funktioniert, zeigte sich bereits auf seinem Meisterwerk «I Love You, Honeybear» (2015), das von seiner Liebe zur Fotografin Emma Elizabeth Tillman handelt, mit der er seit 2013 verheiratet ist. Obwohl es ihm dabei offensichtlich todernst war, ist auch dieses Album durchtränkt von bitterem Sarkasmus: «Wir sind nackt, werden high auf der Matratze / während der globale Markt zusammenbricht». Das Herzstück von «Pure Comedy» nun ist die dreizehnminütige, biografische Folk-Ballade «Leaving LA», in der Tillman sich unter anderem, über seine eigenen musikalischen Fähigkeiten lustig macht.

Das wiederum ist auch Ironie. Das wissen nicht nur Lady Gaga und Beyoncé, für die Tillman als Songwriter gearbeitet hat. Man hört es auch wieder in jeder Faser seines neuen Werks, das Tillman mit einer kleinen Studioband vollständig analog aufgenommen hat.

Meistens steht eine akustische Gitarre oder ein Klavier im Zentrum dieser flamboyant vorgetragenen Balladen und Folk-Rock-Nummern, die mit dezenter Elektronik und ausgiebigen, wunderschön arrangierten Streichersätzen ausgeschmückt sind. Wenn die Menschheit schon untergeht, dann wenigstens mit hedonistischem Bombast.

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