Kultur

Farbe über Farbe über Farbe über Farbe

Adrian Meyer, «Blossom» von 2019. zvg

Adrian Meyer, «Blossom» von 2019. zvg

Der Architekt und emeritierte Professor Adrian Meyer zeigt in der Galerie 94 in Baden seine abstrakten Farbkompositionen. Damit überrascht er viele.

Zwei Dinge gaben an der Vernissage von Adrian Meyer am meisten zu reden. Erstens die Tatsache, dass der gestandene Badener Architekt und emeritierte Professor auch malt. Und zweitens der Titel seiner Ausstellung in der Galerie 94 in Baden: «The Myth of Fingerprints». Angeregt davon suchten die Besucherinnen und Besucher auf den Bildtafeln nach Fingerabdrücken, fragten sich, ob diese farbigen Abstraktionen mit ihrer quirligen Erscheinung tatsächlich mit den Fingern gezogen, getupft, gepünktelt, überlagert und strukturiert seien. Dieses Mutmassen überraschte wiederum Adrian Meyer, der lachend erklärte, den Titel habe er einem Song von Paul Simon entnommen. Einem für ihn wichtigen Musiker und einem Stück, dessen Rhythmus ihm entspreche.

Polyrhythmische Strukturen

Wer sich den Song – erschienen 1986 auf dem Album «Graceland» – anhört, wird die Polyrhythmik mit dem antreibenden Samba im Untergrund und den darüber gelegten, schnellen Drums eine Verwandtschaft zu Adrian Meyers Malereien finden. Auch sie sind geschichtet und überlagert. Grundstrukturen – auseinderdriftende Strahlenbündel, parallel gelagerte Brauen oder Wellenlinien – zeigen sich aus der Ferne. Von nahe überwiegen die obersten Schichten: kleinteilige Tupfen und Striche. Übergeordneten Ordnungsstrukturen verweigern sich die Gemälde, abgesehen von den Werken, über die Meyer mit einem Rechen zarte Wellen eingeritzt hat.

Geschichtete Farbereignisse

Hauptthema von Meyers Acrylmalerei ist die Farbe, das Zusammenspiel von Tönen und Klängen zu einem Farbkörper, zu einem Farbereignis. Basis für Meyers aktuelle Arbeiten wie für seine Aquarelle, die er vor Jahrzehnten ausgestellt hat, ist der abstrakte Expressionismus, wie ihn die Amerikaner der Nachkriegszeit in die Kunstgeschichte hievten.

Zentral ist die Frage, was passiert im Auge der Betrachterin und was im Raum. Er nutzt den Effekt, dass neben- und übereinanderliegende Farbtupfer sich im Auge und im Hirn zu etwas Neuem, zu einem Ganzen verbinden. Auch dass sich Strukturen durch Licht und Schatten verändern und ihre Wirkung auf Raum und Betrachter nie ganz fassbar ist. Das ist Adrian Meyer wichtig, nicht zu erzählen, wie oder mit welchen Instrumenten er genau arbeitet.

Adrian Meyer: The Myth of Fingerprints. Galerie 94, Baden, bis 30. November. Artist Talk: Sa, 2. 11., 15 Uhr.

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