Herr Professor Kopiez, Sie sind Experte für Fan-Gesang. Freuen Sie sich auf die Euro?

Reinhard Kopiez: Ehrlich gesagt, nein. Wenn man die Gesangs-Vielfalt aus den europäischen Ligen kennt, dann sind Europameisterschaften immer eine kleine Enttäuschung. Das Repertoire in den Stadien ist sehr bescheiden.

Wieso?

Man ist nicht eingesungen.

Eingesungen?

Ja, diese Repertoires muss man üben. Die Fans von Spitzenvereinen in der Bundesliga singen pro Spiel über 50 Lieder. Dazu kommen Klatschrhythmen und Kurzgesänge. Diese Menge ist eine grosse Herausforderung. Fan-Kurven sind keine Orte der Erholung.

An Spielen der Schweizer Nationalmannschaft werden maximal fünf verschiedene Lieder gesungen.

Da ist die Schweiz keine Ausnahme. Im Verhältnis zu den Ligen ist das Repertoire bei Länderspielen wohl etwa um den Faktor zehn geringer.

Irische Fans singen "Fields of Athenry" im Spiel gegen Spanien an der EM 2012

Irische Fans singen "Fields of Athenry" im Spiel gegen Spanien an der EM 2012

Ist mangelnde Übung der einzige Grund?

Nein, es gibt verschiedene Gründe. Das Publikum an Grossveranstaltungen ist grundsätzlich anders. Das sind Premium-Gäste, die sonst nicht oft ins Stadion gehen. Und dann gibt es da nur Sitzplätze und das führt zu Bequemlichkeit bei den Zuschauern.

Das Alkoholverbot in den Stadien hilft wohl auch nicht.

Die enthemmende Funktion des Alkohols fördert das Bedürfnis der Entindividualisierung in der Fan-Masse und damit den Gesang. Das ist klar.

Gibt es keine positiven Ausnahmen bei Fans von Nationalteams bezüglich Gesangsqualität?

Es gibt eine Ausnahme. Die Engländer. Die haben eine ganz andere Kultur. Eine andere Identifikation mit ihrem Team. Das ist unerreicht in Europa, auch was die Ausdauer betrifft. England kriegt den Pokal, das ist jetzt schon klar.

Das Aufgehen in der Masse hat auch negative Seiten. Es gibt rassistische und homophobe Fan-Gesänge

Um die Jahrtausendwende war das in Ostdeutschland ein grosses Problem. Mittlerweile ist es dank guter Fan-Arbeit in der Bundesliga praktisch verschwunden. Natürlich wird immer wieder versucht, die Schwachstellen des Gegners aufzudecken. Doch in der Regel geschieht dies humorvoll.

Wie entstehen Fan-Gesänge?

Die Grundlage liefert immer ein bekannter Song. Denn Fanlieder sind nur im Text neu. Vor ein paar Tagen habe ich in Liverpool ein gutes Beispiel gehört. Die Fans haben die Melodie von «Life is Life», einen dreissig Jahre alten Pop-Song, genommen und singen nun darüber (singt) «Jür-gen-Klopp (Anm. Trainer von Liverpool) Nana Na Nana». (Lacht.) Die Fans haben einen sehr guten Instinkt für Massentauglichkeit.

Auch Verbände und TV-Stationen versuchen es mit Massentauglichkeit bei ihren Euro-Hymnen. Dieses Jahr in Deutschland mit Herbert Grönemeyer, in der Schweiz mit Gustav. Wieso funktionieren diese Lieder in den Stadien nicht?

Weil das verordnete Lieder sind. Da sind die Fans sehr sensibel. Der Fan-Gesang ist die letzte nicht durchkommerzialisierte Bastion im Fussball. Ich kenne nur einen erfolgreichen Versuch von aussen, einen Fan-Song zu kreieren: «Three Lions» der britischen Band Lightning Seeds mit der berühmten Liedzeile «Football is coming home».

In der Schweiz gibt es mit «Bring en hei» ein weiteres Beispiel. Anderes Thema: Sie sind Musikexperte. Hat Fangesang musikalische Qualität?

Man darf es nicht mit Belcanto verwechseln. Die Stimmqualität dient der Funktion – und da sind wir bei Charles Darwin – dem Gegner einen Schrecken einzujagen. Es muss rau klingen. Wir haben mal das Experiment gemacht, Fan-Gesänge von einem Tenor einsingen zu lassen. Da wurde sehr schnell klar, dass das so nicht funktioniert.

Stimmt es, dass es schon in der Antike Fan-Lieder gab?

Nein. Bei den Wagenrennen, der Formel 1 der Antike, gab es Fan-Phänomene. Fahnen, Groupies und auch Sprechchöre. Zum Beispiel gab es «Roma Regina»-Rufe. Aber keine Gesänge.

Seit wann dann?

Stunde «Null» des Fan-Gesangs sind Gerry and the Pacemakers mit ihrer Hymne «You’ll never walk alone» von Anfang der 60er-Jahre. Von da an versahen die Fans in England Pop-Lieder mit eigenen Texten.

Haben Sie sich je mit der Schweiz befasst?

Leider nicht. Aber die Grundmechanismen unterscheiden sich nicht. Das Melodien-Repertoire speist sich zu einem ganz grossen Teil in allen Ländern aus Pop, Oper und Karneval.

Singen Sie in Stadien?

Wenn ich in einer Kurve stehe, natürlich. Auch ich liebe den kurzzeitigen Kontrollverlust in der Masse.

Das grosse Quiz zur Euro 2016

Vom 10. Juni bis 10. Juli findet in Frankreich die Fussball-EM statt und Europameister wird natürlich die Schweiz. Aber nur, wenn Sie alle Fragen richtig beantworten.

Zum Aufwärmen: Wer startet als Titelverteidiger in das Turnier?

Die Schweiz natürlich. Wer sonst?

HOLLAND! Aber Moment, sind die überhaupt dabei?

Die, die schon 2012 als Titelverteidiger starteten: Spanien.

Sommermärchen: Es ist Deutschland!

Apropos Holland: Es fehlen noch zwei weitere ehemalige Europameister in diesem Jahr. Welche?

Ich weiss es: Deutschland und Griechenland!

Griechenland stimmt. Aber es fehlt auch Dänemark.

Das ist einfach: Lichtenstein und San Marino!

Es fehlt nur Holland. Ohne Holland, fahren wir zur EM!

Die Schweiz ist 2016 dabei. Die wievielte Endrunden-Teilnahme ist es?

Wir waren immer dabei!

Hauptsache mehr als Österreich: Die sind zum zweiten Mal dabei. Wir zum dritten Mal!

2008 waren wir wie Österreich Gastgeber. Also ist es auch die zweite Teilnahme!

Nein, nein, nein: Es ist die vierte Teilnahme!

Der Schweizer Johan Vonlanthen hält einen EM-Rekord. Welchen?

Er ist jüngster Torschütze der EM-Geschichte!

Wer ist Johan Vonlanthen?

Das ist doch der Rot-Sünder, der 2004 bereits nach einer Minute vom Platz flog.

Er war öfter an einer EM als jeder andere Spieler.

Zwischenfrage: Wie heisst das Maskottchen der Euro 2016?

Das kleine Männchen heisst Sarkozy!

Nein, nein: Goalix heisst der Glückliche!

Super einfach: Es ist SUPER VICTOR!

Das ist eine Fangfrage: Es gibt kein Maskottchen.

Zurück zum Fussball: Es nehmen so viele Teams wie noch nie an dieser EM teil. Wie viele?

Schweiz, Österreich, Italien, Spanien... Ach was, ich schätze: 18!

16 wie schon vor vier Jahren.

Es sind 42, ganz sicher sind es 42. Das habe ich gelesen.

Nicht übertreiben. Die Rekord-Teilnehmerzahl lautet 24.

Haben Sie das Bild der letzten Frage genau angeschaut? Dann wissen Sie die Antwort: Welches sind die Gruppen-Gegner der Schweiz?

Dieses Quiz hat Bilder?

Das weiss ich auch so: Albanien, Rumänien und Frankreich!

Die Gegner werden erst noch ausgelost.

Holland... Ah nein, die sind ja nicht dabei! Also: Frankreich, Spanien und Deutschland!

Dieses wunderbare Tor wurde im EM-Final 1988 geschossen. Von wem?

Dieses Tor hätte ich auch gemacht: Ich wars!

Orange Trikots? Holland? Dann ist es Arjen Robben!

Endlich kommt Holland gut weg: Es ist Marco van Basten!

Spielte Messi dann schon? Das kann nur Messi!

Michel Platini hält mit 9 Toren den EM-Rekord. Welche Spieler haben 2016 die besten Chancen, den Rekord zu brechen?

Ibrahimović, wer sonst! Okay: Ronaldo kann es auch...

Das können nur Messi und Ronaldo!

Messi ist ja gar nicht dabei: Es sind Drmic und Seferovic!

Es sind sicher zwei Spanier. Wie heissen die schon wieder?

Platini schoss 9 Tore in einem Turnier. Wie viele Tore erzielten die Schweizer bei drei EM-Endrunden insgesamt?

Wir hatten schon immer ein Stürmerproblem: Es sind null!

Hallo?!? Türkyilmaz, Frei, Streller: Wir haben mindestens 15!

Noch sind es erst 11. Aber 2016 kommt ja erst!

Leider besiegt uns Platini im Alleingang: Es sind erst 5 Tore.

Jetzt wird es schwierig: Tor oder nicht Tor?

Spaniens Iker Casillas hält den Ball.

Alves haut den Ball ins Lattenkreuz!

Falsch: Alves haut den Ball AN die Latte!

Der Ball geht an die Unterkante der Latte und rein.

Italien wurde 1968 Europameister. Durch zwei Kuriositäten. Welche?

Den Halbfinal gewannen sie nach Münzwurf. Den Final im Wiederholungsspiel!

Ach was: In der Pause gab es Pasta und nach Spielschluss Rotwein.

Italien war Europameister?

Es war ganz anders: Italien spielte ohne Goalie und ohne Schienbeinschoner.

Und noch eine Kuriosität: Warum waren 1996 schottische Fans sauer auf Schweizer Fans?

Sie verloren beim gemeinsamen Fondue-Essen immer das Brot.

Die Schweizer Fans durften mit Kuhglocken ins Stadion. Dudelsäcke waren aber nicht erlaubt.

Die Schweizer schauten ihnen unter den Schottenrock!

Alles ist richtig!

Letzte Frage: Wie viele Fragen haben Sie richtig beantwortet?

Ich habe alles gewusst!

Ich habe nichts gewusst!

Ich habe mich freiwillig verklickt, damit die Schweiz nicht Europameister wird!

Jetzt weiss ich alles!

Europameister der Herzen

Sie sind an der EM der krasse Aussenseiter. Doch gerade dafür lieben Sie die Fans.

Velofan

Ja, die Tour de France findet ebenfalls im Juli statt. Dort schauen Sie zu.

Verlängerung

Zum Sieg nach 90 Minuten reicht es nicht. In der Verlängerung ist aber bei Ihnen noch alles möglich.

Penaltyschiessen

Den entscheidenden Penalty schiessen Sie an die Latte. Schade, denn das Spiel war gut.

Europameister

Wenn es der Schweiz nicht für den EM-Titel reicht, springen Sie ein und holen den Pokal!

Das grosse Quiz zur Euro 2016