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Fado zum Geburtstag: Mit 60 entdeckt Madonna die Melancholie

Madonna hat die Popmusik geprägt wie keine andere Frau und plant inzwischen ihr Alterswerk in Lissabon. Morgen wird sie 60 Jahre alt.

Kein Superlativ scheint überzogen, um diese Karriere zu beschreiben. Kaum ein Rekord, den Madonna – sie heisst übrigens wirklich so – nicht gebrochen hätte. In den USA stehen in Sachen Singlehits nur die Beatles noch vor ihr, laut dem Guinness-Buch der Rekorde hat sie mit über 300 Millionen verkauften Platten die weibliche Weltbestmarke inne. Ihre Konzerttickets erlösten bislang 1,4 Milliarden US-Dollar, das ist für Solokünstler(innen) unübertroffen. Die reichste Frau der Popgeschichte ist Madonna mit einem geschätzten Vermögen zwischen 600 und 800 Millionen Dollar natürlich auch.

Die Sexbombe

Dabei fängt diese einmalige Laufbahn kaum spektakulärer an als tausend andere auch. Madonna wächst in Bay City, einem Vorort von Detroit, auf. Der Vater ist Ingenieur in der Autoindustrie. Als die Mutter mit 30 Jahren an Brustkrebs stirbt, ist Madonna gerade fünf. 1978 zieht sie nach New York. Als Schülerin ist Madonna zäh, ehrgeizig und ausdauernd. Sie beisst sich durch. 1983 erscheint ihr Debütalbum «Madonna», und nur ein Jahr später kommt mit «Like a Virgin» jenes Album, mit dem sie durch die Decke geht. Schon damals reiben sich die Konservativen an ihr. Madonna wird Stilikone, Trendsetterin und Sexsymbol. Die Modemacher von Gucci bis Gaultier reissen sich um sie. 1986 veröffentlicht Madonna ihr vielleicht stärkstes Album, «True Blue». Plötzlich, mit 28, klingt sie nicht mehr wie ein Mädchen, sondern deutlich reifer: «Papa Don’t Preach» und das luftige, aber beliebte «La Isla Bonita».

Anfang der Neunziger dann verrennt sich Madonna erstmals ein wenig. Nach der Religion auf «Like a Prayer» knöpft sie sich den Geschlechtsverkehr vor, doch mit dem Album «Erotica» und dem quasi dazugehörigen Kaffeetischbuch «SEX» übertreibt sie. Die Sadomaso- und Fetischsex-Darstellungen verstören mehr, als dass sie anregen. Gleichzeitig macht sie auf explizite Art klar, dass sie sich nicht gesellschaftlich einzwängen lässt. «Wenn du in der Musikindustrie ein Mädchen bist, darfst du hübsch und sexy sein. Aber wehe, du bist smart und hast eine Meinung, die nicht dem Status quo entspricht.» Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Altersdiskriminierung seien allgegenwärtig in der Entertainmentbranche, so ihre Botschaft. Madonna hat für den Feminismus und die Gleichstellung Homosexueller wohl mehr erreicht als jede andere Popkünstlerin.

Das Vorbild

In den Neunzigern schafft es Madonna abermals, sich und ihre Musik neu zu definieren und neu zu erfinden. Mit Techno-Innovateur William Orbit produziert sie 1998 mit «Ray of Light» ein Album, das Popmelodien und Elektronik vermischt und klanglich total fasziniert. Nach der Jahrtausendwende setzt Madonna kaum noch musikalische Ausrufezeichen. Sie läuft den Trends nach und wird musikalisch immer durchschnittlicher. Durch exzessiven Sport wird ihre Figur zusehends drahtiger und ausgemergelter, richtig gesund sieht das nicht aus. Nichtsdestotrotz: Unzählige Künstlerinnen – Gwen Stefani, Taylor Swift, natürlich Lady Gaga – wären ohne Madonnas Einfluss gar nicht denkbar und demonstrieren nebenbei, dass Schockeffekte im Pop heute praktisch nicht mehr möglich sind und Anpassung die neue Rebellion ist.

Madonna selbst will Ende des Jahres ein neues Album veröffentlichen. Auch, weil sie von Donald Trump zutiefst angewidert ist, hat sie New York vor knapp zwei Jahren verlassen. Sie lebt aktuell in Lissabon, wo sie die fussballerischen Ambitionen ihres zwölfjährigen Sohnes David unterstützt und neue Lieder aufgenommen hat, die von der portugiesischen Melancholie- Folklore Fado beeinflusst sein sollen. Sollte das stimmen, darf man sich auf ein altmodisch-kitschig-schönes, Pardon, Alterswerk freuen.

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