Musik
Faber, Hunger, Brandao: Die Lockdown-Supergroup will die Liebe wieder ins Zentrum rücken

Das Trio Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao beschäftigt sich auf der gemeinsamen Platte mit der Liebe – in all ihren Facetten.

Michael Graber
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Fast schon ein bisschen eine Lockdown-Supergroup: Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao (von links).

Fast schon ein bisschen eine Lockdown-Supergroup: Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao (von links).

Nadia Tarra

In Zeiten von «Abstand halten» haben Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao ein Plädoyer für mehr Nähe vertont. 12 Songs umfasst das Album «Ich liebe dich» der Lockdown-Supergroup. Gestrandet im Frühsommer in Zürich, machten die Drei die Not zur Tugend und musizierten zusammen. «Faber und ich hatten eine Anfrage für ein kleines Radio-Konzert und haben Sophie gefragt, ob sie auch mitmachen will. Sie wollte», sagt Brandao.

So wurde in der Küche der gemeinsamen Wohnung von Faber und Brandao Musik gemacht. Mit dabei hatte Hunger einen Song. Einen über die Liebe. «Ich wollte jemandem sagen, wie gerne ich ihn habe. Und das ging fast besser in einem Lied. Darum dieser Song», so Hunger. «Möged d’Alpe sich geniere, möged d’Ratte ois regiere, mögd ich mini Stimm verlüre, es wär ganz schlimm und doch wärs glich– ich liebe dich», singt sie darin. Es ist die eindringliche Botschaft, dass die Welt in Flammen stehen kann, und die Liebe am Ende doch stärker ist.

Beim gemeinsamen Musizieren in der Küche merkte das Trio, dass da mehr ist. Dass da mehr möglich wäre. Aus dem scheuen Abtasten entstand die Lust auf mehr. «Es hat einfach unglaublich gestimmt», sagt Faber, «wie wir miteinander sprechen, wir uns gemeinsam ergänzen und wie wir uns gegenseitig pushten.» Aus dem Lockdown-Flirt wurde ein Sommer-­Gschmusi.

Es geht um die Liebe, auch um die Liebe zum Rausch

Während einer Woche arbeiteten die drei in der Roten Fabrik in Zürich, schrieben Lieder, kniffelten an Melodien – und am Ende waren da drei gemeinsame Konzertabende. Sie liessen etwas entstehen und wachsen. Vorgaben gab es eigentlich keine. «Ausser dass wir auf Schweizerdeutsch singen», sagt Sophie Hunger. Aber kann man auf Schweizerdeutsch tatsächlich über die Liebe singen? Schweizerdeutsch kann vieles, aber lieben? «Auf jeden Fall», sagt Brandao.

Und Hunger sekundiert: «Cool ist doch, dass verglichen mit der englischsprachigen Musik noch nicht so viel gemacht wurde. So kann man die Sprache, wie man über die Liebe singen will, selbst gestalten.» Alle Songs drehen sich um die Liebe. Mal die Liebe zu einem Menschen, mal zu einer Stadt, mal zum Rausch. Hunger sagt:

Die Liebe soll wieder ins Zentrum rücken.

Faber, Hunger und Brandao sitzen auf einem Sofa in einem geschlossenen Zürcher Club. Draussen sammelt sich eine Teenagergruppe, und es scheppern irgendwelche Töne aus Handylautsprecher. Nein, sagt Faber, es habe eigentlich keinen Moment des Zweifelns gegeben bei diesem Projekt. «Am Anfang war ich ganz kurz skeptisch, ob das mit den drei Stimmen funktioniere. Dann haben wir es ausprobiert und gemerkt, dass es ganz gut passt.» Brandao: «Wir haben alle völlig unterschiedliche Stimmen. Das ergänzt sich bestens.» Hunger: «Voll.»

Die Nähe zwischen den drei Musikern ist auf der Platte hörbar.

Die Nähe zwischen den drei Musikern ist auf der Platte hörbar.

Nadia Tarra

Für die meisten Songs auf der Platte weist das Trio nur einen von ihnen als Schreiber und Komponist aus. «Es gibt aber kein Lied, bei dem die Intentionen der anderen nicht eingeflossen sind», sagt Brandao. Sie schrieben die Lieder nicht nur zusammen, sondern spielten sie auch zusammen.

Mal packte Faber den Bass, Brandao sass ans Schlagzeug und Hunger ans Klavier. «Wir sind vielleicht nicht die Besten an diesen Instrumenten, aber es war uns klar, dass wir niemanden dazuholen wollten», sagt Hunger. «Es wäre falsch gewesen», sagt Faber.

Ein bisschen wie die erste gemeinsame Wohnung

Auch hier ist es ein bisschen wie bei Frischverliebten: Man gibt sich Mühe und will sich immer nur von der besten Seite präsentieren. Das Album ist dann aber ein bisschen wie die erste gemeinsame Wohnung. Jeder bringt seine Möbel mit, und man muss schauen, dass alles zusammenpasst und nichts im Weg rumsteht. Jeder der drei Musiker bringt seinen eigenen Stil mit. Das hört man auch auf der Platte.

«Mega Happy» ist ein typischer Faber-­Song, «Dr Hunger wird schlimmer» klingt nach der Berner Weltenbummlerin Hunger, und «Wäge dem» könnte sich auch auf Dino Brandaos noch unveröffentlichtem Debütalbum wiederfinden. Und trotz all der persönlich gefärbten Lieder wird aus diesen drei einzelnen Stimmen auf «Ich liebe dich» über weite Strecken eine neue, eigene Stimme. Die Songs sind sparsam instrumentiert. Zu Gitarre, Klavier, Bass, Schlagzeug gesellen sich da und dort ein paar Streicher. Das klingt manchmal pathetisch, aber nie überladen.

Das Album bringt etwas Nähe zurück

Aufgenommen wurde die Platte in nur sechs Tagen in Südfrankreich. «Wir haben immer gesagt, dass wir alle Aufnahmen sofort vernichten würden, wenn es nur für einen von uns nicht gepasst hätte», sagt Hunger. Bei den Aufnahmen hat das Trio allerdings auch die Unterschiede festgestellt: Während Faber am liebsten alles in einem Take macht, kann Brandao nicht genug pröbeln und herumschrauben. «Wir mussten dich fast etwas bremsen», lacht Hunger. «Einmal bist du sogar extra früher aufgestanden und hast heimlich mit dem Tontechniker weitergearbeitet», sagt Faber. Und Brandao lächelt ein zufriedenes Lächeln.

Im unglaublich schönen Schlussstück «Derfi di hebe» singen alle drei zusammen. Über die Nähe. «Chasch der vorstelle, was es tuet, wemmer sech nie meh ganz nöch chunt» singt Brandao mit seiner hellen Stimme. Solche Gedanken gehen derzeit wohl vielen von uns durch den Kopf. Und gerade darum ist dieses Album so richtig und wichtig. Es bringt etwas Nähe zurück.

Aufgenommen wurde die Platte in wenigen Tagen in Südfrankreich.

Aufgenommen wurde die Platte in wenigen Tagen in Südfrankreich.

Jeremiah

Parallel zum Interviewtermin informiert Bundesrat Berset über weitere Einschränkungen, auch solche in der Kultur. Hungers Manager zeigt ihr nach dem Gespräch die News. Sie zuckt mit den Schultern. «Wenn es einmal regnet, dann regnet es», sagt sie. Es dauert wohl noch ein Weilchen mit dem «Abstand halten». Mit «Ich liebe dich» fällt das aber immerhin etwas leichter. Dieses Album entschädigt für all die verpassten Umarmungen und weckt die Hoffnung auf all jene, die da bald kommen werden.

Liebsch mi? Lovesongs auf Schweizerdeutsch haben es schwer

Es ist ganz grundsätzlich logisch: Je besser man den Text versteht, desto strenger bewertet man ihn. Und wenn wir bei einem Thema keinen Spass verstehen und keine schlechten Wortspiele tolerieren, dann ist das die Liebe. Mundartmusik erlebte in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Boom, Bands wie Hecht und Künstler wie Trauffer füllen das Hallenstadion und auch in den Proberäumen wird vermehrt so gesungen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Gleichzeitig ist die Anzahl an passablen schweizerdeutschen Liebessongs, die in den letzten Jahren erschienen sind, eher überschaubar. An den Hochzeiten laufen immer noch die Evergreens «Ewigi Liebi» von Mash, «Ängu» von Florian Ast und merkwürdigerweise auch oft «I schänke dir mis Härz», das bei genauerem Hinhören ja eben gar kein Liebeslied ist.

Wie es eben auch gehen könnte, zeigt ­Stereo Luchs in «Sie Seit». Der Zürcher Mundart-Dancehall-Pionier spielt locker mit der Sprache und erzählt die Geschichte von einer Affäre, die sich zur Beziehung auswachsen könnte. «Erobere easy, jetzt chämt de muetigi Teil / Sie frögt, bisch für e Zuekunft bereit», singt er. Gar Körperlichkeit bringt Steff La Cheffe in «Badmeister». «I wott di, i wott di, Numä für mi, numä für mi», rappt die Bernerin, um im treibenden Flow zu erzählen, was sie alles mit dem Objekt ihrer Begierde anstellen würde. Klassische Liebessongs-Euphorie servieren Hecht in «Heicho». Es hat mit «Und mir sind gar ned fürenand gebore / Aber lahn eus fürenander stärbe» einen tollen Mitsingrefrain. Die dunklere und gedämpftere Variante der Liedaussage packt Tinguely dä Chnächt in «Einä». Er beschreibt sich selbst als verlorene und langsam zerbrechende Seele, bis ebendieser eine Mensch kommt. Der Zürcher Rapper präsentiert die Liebe als Erlösung. Viel wahrer kann man eigentlich gar nicht über dieses Gefühl erzählen. (mg)