Jazz

«Exil kann uns alle eines Tages treffen»

Elina Duni hat eine eigene Stimme – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Elina Duni hat eine eigene Stimme – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Elina Duni ist eine der ausgezeichnetsten Sängerinnen der Schweiz. Auch wenn sie nicht mehr klingen will «wie Elina Duni».

Für gewöhnlich haben Musiker Auftritte. Aber «für gewöhnlich» ist eine Liga, in der Elina Duni nicht antritt. Die Jazz-Sängerin lässt die Menschen viel mehr eintreten – in ihre fabelhafte Welt. Ein wenig erinnert diese an jene von Amélie, weil hier mit ebensolcher Liebe gesammelt wird (nur sind es hier Lieder statt Automatenfotos), ebenso einzigartig gelebt wird und ebenso viel Zauber verströmt.

Etwas trennt jedoch die beiden fabelhaften Welten. Denn Elina Dunis Welt ist eine weitläufige: Mit Wurzeln und einer halben Kindheit im albanischen Tirana, mit darauf folgenden Statio- nen zunächst als «arme Albanerin» in Luzern, als Schülerin im internationalen Genf sowie als Jazz-Studentin in Bern, wo Elina Duni sich zur Sängerin ausbilden liess, Schweizerdeutsch lernte («Ich bin eine von wenigen Welschschweizern, die Schweizerdeutsch sprechen.») und als junge Frau ihre alte Heimat neu entdeckte. Indem sie auf Anraten des Pianisten-Kollegen Colin Vallon albanische Lieder zu sin- gen begann.

Singender Balkan

«Ich habe erst beim Singen gemerkt, wie sehr diese Musik Teil von mir ist», sagt die Sängerin heute. Dass dieser Teil von ihr, eingebettet und verbunden mit jazzigen Harmonien, gleichsam die Schweiz aufhorchen liess, hätte die damals 20-Jährige nicht erwartet. Vielleicht lag es daran, dass der Balkan für einmal singen durfte, statt wie bei Goran Bregovic oder vielen weitverbreiteten Brassbands ein wildes Tanzbein zu schwingen.

Vielleicht lag es aber vor allem an der warmen und klaren Schönheit in Dunis Gesang, wie man sie selten zu hören kriegt. Und daran, dass ihre Musik nicht nur aussergewöhnlich schön ist, sondern auch aussergewöhnlich eigen. «Das ist wahrscheinlich der Jazz in mir», erklärt die 36-Jährige. «Im Jazz sucht man immer nach dem persönlichen Ausdruck.»

Bei ihr war dieser von Anfang an begleitet von Erfolg. Die Medien übertrafen sich gegenseitig mit Lob, die «NZZ am Sonntag» sprach von einem «Wunder», es folgten Preise und Auszeichnungen. Bereits sein drittes Album «Matanë Malit» spielte das Elina Duni Quartet beim Prestigelabel ECM ein – wohlgemerkt mit Songs ausschliesslich auf Albanisch, genauso wie auf Nummer vier, «Dallëndyshe».

Eine gemeinsame Reise

Ist es keine Schwierigkeit, in einer Sprache zu singen, die ein Grossteil ihres Publikums nicht versteht? «Eine Schwierigkeit schon», meint die Sängerin. «Aber eine interessante. Bei englischen Songs hören die Menschen nicht immer aufmerksam zu. Doch sobald ich einen Song übersetze, haben alle schon ein Bild im Kopf und können sich stärker auf die Sonorität und die Musik einlassen.» Es sei das einfachste Mittel, die Zuhörer mitzunehmen auf eine gemeinsame Reise.

Elf Jahre bestand «ihr» Elina Duni Quartet (mit Colin Vallon, Patrice Moret und Norbert Pfammatter). Nun reizt es die Sängerin, neue Wege zu gehen. «Das Wichtigste ist Ehrlichkeit», erklärt Duni. Wenn sie sich darauf beschränke, «wie Elina Duni» zu singen, «dann würde aus mir ein Plakat meiner selbst». Sie habe nun das Bedürfnis, sich musikalisch zu öffnen. Darum erkundet die 36-Jährige neuerdings auch italienische, portugiesische und französische Songs, Schweizer Lieder, und begibt sich musikalisch ausserhalb von Europa mit arabischen Songs.

Wegzugehen geht alle an

«Partir» heisst dazupassend eines ihrer neuen Programme, in welchem elf Arten des Weggehens besungen werden. Das habe viel mit ihrer Biografie zu tun. «Aber auch sehr viel damit, was heutzutage auf der Welt passiert», erklärt die Sängerin. Denn: «Exil ist etwas Universelles. Jeder Staat ist durch Exil zu dem geworden, was er heute ist. Und andererseits kann es uns allen passieren, dass wir eines Tages weggehen müssen von dem, was wir lieben.»

Umso mehr ist die Sängerin alarmiert von den erstarkenden nationalistischen Tendenzen in Europa: «Ich verstehe nicht, dass Menschen, die das Exil erlebt haben, nationalistisch sein können. Schliesslich hat damals jemand für sie die Tür geöffnet.»

       Gegen solche Tendenzen singt sie an – nicht mit expliziten Botschaften, denn diese würden nicht zur fabelhaften Welt der Elina Duni passen. Aber indem sie neun Sprachen, vier Himmelsrichtungen und Dutzende Lebenswelten zu einem Programm verbindet. Kommenden Freitag in Wettingen geschieht das erst noch im Dialog mit der Barocksopranistin Maria Cristina Kiehr und Musik aus dem Barock.

Bürgerin der Welt

«Ich fühle mich als Bürgerin der Welt – und etwas davon soll im Konzert auf das Publikum übergehen», wünscht sich Elina Duni. Die junge Frau ist überzeugt, dass Musik etwas bewirken kann: «Es ist meine Aufgabe als Künstlerin gegenüber der Gesellschaft, in Erinnerung zu rufen, dass all das Gute, das wir heute erleben, auch das, wohin wir es heute gebracht haben, auf menschlicher Solidarität beruht. Nicht auf Abschotten.»

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