Blickt man zurück auf unruhige Zeiten, überwiegt die Nabelschau. Auch jetzt, beim Rückblick auf fünfzig Jahre «1968». Der Rückblick ist reichlich eurozentristisch. Von 68 wurden auch Leute anderswo geprägt, Leute in der sogenannten Dritten Welt. Etwa Sergio Ramírez in Nicaragua.

Da hiess «politisch engagiert» immer sofort auch Lebensgefahr. Auf der Seite des Establishments stand ein blutrünstiger Diktator. Dann kam die Revolution 1979, und Ramírez gestaltete die Politik an erster Stelle mit. Heute sagt er, er sei völlig desillusioniert. Jetzt bekommt Sergio Ramírez die wichtigste Auszeichnung der spanisch-sprachigen Welt, den Cervantespreis – überreicht von Spaniens König Felipe VI.

Wir trafen den 75-Jährigen in seinem Haus in Managua. Ramírez kam mit gewisser Mühe auf uns zu. Er nahm Platz auf einer harten Bank, nicht im tiefen Garten-Fauteuil, weil das seinem angeschlagenen gesundheitlichen Zustand offenbar weniger abträglich war.

Don Sergio, wie früh zeigt sich der Niedergang von politischen Bewegungen? Gab es in den ersten Jahren der Macht Anzeichen, dass die Sandinistische Revolution falsch lief?

Sergio Ramírez: Eine Vielzahl von politischen Bewegungen krankt an ihrer frühen und starken Ideologisierung. In Nicaragua kamen früh kubanische Berater ins Land. Das hatte nicht nur einen Aufbau des politischen Systems nach Modell Kuba zur Folge, sondern es installierte sich auch eine Sozialkontrolle, die sich hierzulande noch überhaupt nicht verflüchtigt hat. Die Leute fürchten sich genauso wie früher vor dieser Kontrolle. Das äussert sich im weit verbreiteten Schweigen zu politischen Fragen.

Wann spürten Sie, damals Mitglied der Regierungs-Junta, dass sich ein ideologischer Schatten über die Sandinistische Bewegung zu legen begann?

Die Hoffnung war immer da, dass am Ende ein etwas anderes, deutlich demokratischeres System stehen würde. Diese Hoffnung wurde laufend auf später verschoben, weil zuerst die Revolution oder das Land verteidigt werden musste gegen die Aggression von aussen, im sogenannten Contra-Krieg, der von den USA unterstützt wurde. Das schien noch mehr Kontrolle zu rechtfertigen; wer bewegte sich wohin, traf sich wo und mit wem und so weiter. Das gab Leuten Auftrieb wie jenem Polit-Kommissar, der Sie damals im Auge hatte (die Episode siehe Spalte rechts).

Für die Nötigung, sich politisch festzulegen in einem binären System gab es ein Sprichwort in Nicaragua: Neutrale oder Leute des sogenannten Dritten Wegs seien «weder Maissaft noch Limonade». Gilt das heute noch?

Die Wahl ist denkbar klein geworden unter der Herrschaft von Daniel Ortega und seiner Frau, Rosario Murillo. Nachdem die Sandinisten 1990 abgewählt worden waren, keimte im Zug des einsetzenden Friedensprozesses neuerlich die Hoffnung auf demokratischen Pluralismus auf. Ohne den Contra-Krieg hätten sich die Sandinisten möglicherweise auch als flexibler erwiesen. Das Parlament wäre stärker gewesen, die Gemeindebehörden besser durchmischt.

Sechzehn Jahre später, 2006, kam Daniel Ortega wieder an die Macht und installiert sich seither sozusagen auf Lebenszeit. Der Grund für seine Wahl damals war nicht zuletzt die Anfälligkeit aller für Selbstbereicherung und Korruption inklusive Sandinisten.

Die Abstimmungsniederlage von 1990 hatte für Daniel Ortega traumatischen Charakter und verwandelte sich in die Obsession, diese Erfahrung nie mehr zu machen. Das ist schlecht für das Land und hat mich dann auch bewogen, Position gegen Ortega zu beziehen, mit anderen einstigen Exponenten der Revolutionsregierung. Gegenwärtig sehe ich keinen Ausweg. Es ist freilich keine nur nicaraguanische Spezialität, wenn sich Regierungschefs, einmal gewählt, dann lebenslang an der Macht halten wollen. Wir kennen dieses Problem auch aus Honduras, von rechts. Dann in Venezuela, Bolivien ... Es ist ziemlich einfältig, sich mit Gewalt an der Macht halten zu wollen, gegen die Verfassung, die dann einfach geändert wird. Das ist zum einen einem traditionellen Caudillismus zuzuschreiben, zum anderen einem traditionellen Kapitalismus. Was wir heute haben in Zentralamerika, ist jedoch ein dunkler Kapitalismus, vermischt mit Geldwäscherei, Drogenhandel. Das zieht Kreise und beeinflusst das politische Leben mehr und mehr.

Reden wir vom Cervantes-Preis, Don Sergio: Hat diese Auszeichnung möglicherweise auch eine politische Komponente?

Die Leute hier reagierten enthusiastisch, mit viel Freude ...

Auch Daniel Ortega?

Die Regierung schwieg sich aus. Das ist nichts als natürlich. Die regierungstreuen Medien ignorierten die Nachricht. In Kuba hingegen teilte das staatliche Organ, die «Granma», den Entscheid mit. Das ist schon etwas komisch. Für ein kleines Land wie Nicaragua, unabhängig davon, wer ausgezeichnet wird, ist ein solcher Preis schon von Bedeutung.

Sie waren längere Zeit in Deutschland und pflegen bis heute enge Kontakte dahin. Zwischen 1973 und 1975 waren Sie Stipendiat in Westberlin. Irritierte Sie ab 1979 nicht etwas die schwärmerische, weitgehend unkritische Haltung der europäischen, namentlich der deutschen Intellektuellen für die Revolution?

Das Image, das die Revolution damals verkaufte, war das Bild der mexikanischen Revolution von Pancho Villa und das von Simón Bolívar. Es wurde mitgeprägt von Zügen nationaler Befreiungskriege. Dieses Bild ist sehr wirkungsvoll, in der ganzen Welt. Zumal es immer auch Elemente hatte vom Kampf David gegen Goliath.

Wenn Sie zurückblicken auf jene Zeit, begonnen 1975 bis zur Zeit Ihrer Vize-Präsidentschaft, wenn Sie vor allem den Gegensatz bedenken zwischen politischen Ideen oder Träumen und dem politischen Alltag, diesem pragmatischen Eiertanz ohne Ende: Werten Sie dann alle diese Jahre als ... sagen wir: Entwicklung realer Notwendigkeit? Oder als ein Scheitern, als Desillusion?

Sicher als grosse Enttäuschung. Dieser ganze Prozess hatte so viele Menschenleben gekostet und viele Opfer. Um im Gleichen zu verharren? Und in anderen Dingen gar mehr als im Gleichen. Das ist sehr frustrierend. Ich gehöre einer Generation an, deren politische Zeit vorbei ist. Jetzt wären andere dran. Aber ich sehe keinerlei Anzeichen, dass neue Leute bereit wären, sich mit den politischen Fragen heute auseinanderzusetzen. Es scheint geradezu, als würden wir in einem betäubten Land leben.

So drastisch?

Die heutige Regierung Ortega vermittelt keine ideologischen Inhalte mehr. Das kann ein Nachteil und ein Vorteil sein. Sie tut das aber mit einem seltsamen Gesinnungsgemisch. Der Kampf gegen den Imperialismus, für soziale Gerechtigkeit gab den Leuten da einen ganz anderen Stoff. Heute vernebelt das Gemisch aus vielerlei – Sozialismus, Katholizismus, Esoterik – einen recht rabiaten Kapitalismus. Siebzig Prozent der Leute in Nicaragua leben nach wie vor von «informellen Tätigkeiten», sprich: Sie sind eigentlich ohne Arbeit. Vierzig Prozent müssen mit zwei Dollar pro Tag auskommen. Seit 2006 ist Daniel Ortega wieder an der Macht. In dieser Zeit war er nicht in der Lage, eine Änderung herbeizuführen, die nicht bloss kosmetischer Natur wäre: ein neues Stadion, einige Parks, die «Bäume des Lebens» aus Metall ...

Die Jugend regt sich nicht? Wenn man bedenkt, dass die Revolution damals von der Jugend getragen worden war ...

Organisiert ist hier nur die Sandinistische Jugend. Die anderen versammeln sich zu Tausenden unter riesigen Leinwänden im Park, um Barcelona gegen Milan Fussball spielen zu sehen, gesponsert von einer Bierfirma. Das hat alles keine Dauer und verdirbt bloss die Jugend.

In Europa ist das nicht anders.

Ja, die halbe Welt wirkt heute wie eingeschläfert. Und das Zukunftsträchtigste liegt brach, die Erziehung.

Der ehemalige nicaraguanische Vizepräsident Sergio Ramírez und «Nordwestschweiz»-Autor Max Dohner.

Der ehemalige nicaraguanische Vizepräsident Sergio Ramírez und «Nordwestschweiz»-Autor Max Dohner.