Europa, das klang einmal wie ein grosses Versprechen – ehe ständig die Krise im Unterton mitschwang. Federico Italiano und Jan Wagner erinnern mit ihrer Anthologie «Grand Tour» an den lyrischen Zauber des Kontinents, der schon seinen Namen einer mythologischen Schönheit verdankt. In dem von ihnen im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgegebenen Band versammeln sie Gedichte von Hunderten Lyrikerinnen und Lyrikern aus 49 Ländern; viele davon zum ersten Mal in deutscher Übersetzung.

Ihren imaginären «Reisen durch die junge Lyrik Europas», die sie auf fast sechshundert Buchseiten gebündelt in sieben grenzüberschreitenden Routen, die kreuz und quer von Polen nach Wales, von Georgien nach Italien oder von der Schweiz direkt nach Rumänien führen, lassen sie derzeit eine reale Lesereise folgen, auf der sie ihr Projekt mit jeweils wechselnden Dichtern präsentieren. Belgrad, Lemberg, Rom, Danzig sind einige der zwölf Stationen dieser Tournee, die im März in Frankfurt am Main ihren Anfang nahm und Ende September 2020 in Kopenhagen enden soll.

Halt in Leukerbad

Am 29. Juni legen sie auf dem Internationalen Literaturfestival in Leukerbad einen Zwischenstopp ein. Petr Borkovec (Tschechien), Claire Genoux (Schweiz), Frances Leviston (Schottland) und Aleš Šteger (Slowenien) werden dort aus ihren Werken lesen.

Vom «Wall schmächtiger Eichen, / erstickt von namenlosem Gesträuch» (aus Borkovecs «Auf Befehl des Herrschers verfasstes Gedicht») liesse sich ein assoziativer Bogen spannen über Levistons «Höhlenperle, die wuchs in rostroter Mulde, / einem Kinderfussabdruck, memoriert im Matsch» (aus «Grotten») und Genoux’ «Süsse Erde»: «Erzähl noch mal / wer ich gewesen bin / die Geschichte des Vornamens / die ersten Sätze / die Stürze in die Blumen / und das Fest am achten Geburtstag / erklär noch mal / so wie eine süsse Erde / das alte Windherz in den Kindheitstannen / und wieso der Tod». Bis hin schliesslich zu Štegers «Mutter unser»: «Mutter unser, / Die du bist in Körpern, / Zerstörung sei dein Name / (...)».

Märchenhaft und unheilvoll

Es könnte nach Heimatboden riechen, was zwischen diesen Versen zerrieben wird, mal märchenhaft duftend, dann unheilvoll dünstend, nach europäischem Erinnerungsmorast. Es liesse sich jedoch auch ungleich universeller lesen und individueller zugleich. Europäisch sind die in «Grand Tour» versammelten Gedichte in erster Linie aufgrund ihrer Herkunft.

Hätte das den Herausgebern genügt, es wäre ein grossartiges Projekt geworden: eine Anthologie europäischer Gegenwartslyrik, die ihresgleichen sucht. Ein aufwendig zusammengetragenes, sorgsam ausgewähltes, überwältigend umfangreiches und vielstimmiges Zeitdokument in der Tradition von Hans Magnus Enzensbergers «Museum der modernen Poesie». Ähnlich wie bei Enzensberger werden die Gedichte neben der deutschen Übersetzung stets auch im Original abgedruckt.

«Grand Tour» aber möchte mehr sein als ein Museum. Lebendiger, dynamischer, aktueller. Im Vorwort heisst es, die «gegenwärtigen Ängste, Hoffnungen, Erwartungen, Spannungen Europas» könnten «wie unter einem Brennglas sichtbar werden». Das «Europa der Lyrik» soll für «Austausch» und «Vielseitigkeit» stehen und muss als Gegenmodell zu einer «politischen Realität» herhalten, in der «die Vielfalt in Verruf gerät, die Grenzen erneut sichtbar werden, nach Trennung geradezu verlangt wird (...)».

Ein gewaltiger Anspruch, mit dem «Grand Tour» schnell wieder an Grenzen stösst. So verweist der Buchtitel auf die klassischen Bildungsreisen des europäischen Adels, gleichzeitig, so betonen die beiden Herausgeber, sei der Band jedoch «keinesfalls für eine privilegierte Oberschicht gedacht». Wieso aber wählen sie dann diesen Titel? Wieso formulieren sie ihre Einleitung im gehoben akademischen Duktus? Warum finden strassenlyrische Formen wie Slam-Poetry oder Rap keinen Platz?

Erinnerungen an Umberto Eco

Immerhin, dass ihre Auswahl auch von subjektiven Vorlieben geleitet wurde, räumen Italiano und Wagner ein. Ihr Hang zu erzählender Lyrik dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass sich narrative Gedichte leichter übersetzen lassen als sprachspielerische. Gegen das «Klischee», Gedichte verlören durch eine Übersetzung, verwahren sie sich. Stattdessen heben sie lieber den Zugewinn hervor und erinnern an Umberto Eco, der die Übersetzung einst als «Sprache Europas» adelte.

In «Grand Tour» allerdings ist die Sprache Europas deutsch. Die klein gedruckten Originale werden buchstäblich zu Randnotizen degradiert. Ein dezidiert europäisches Projekt hätte nicht Gedichte aus 46 Sprachen ins Deutsche übersetzen lassen, sondern jedes Gedicht in 46 Sprachen.

Auch die Reiserouten im «Zickzackkurs» erweisen sich als inkonsequent. Wenn sich die Herausgeber schon derart brachial von Landkarte und Realität verabschieden, wieso steuern sie dann Nationalstaaten als Haltepunkte an? Wieso springen sie nicht gleich von Stadt zu Stadt? Und warum sprechen sie überhaupt noch von einer Reise, wenn es ihnen auf das Unterwegs gar nicht mehr ankommt?

Und zuletzt: Geht es tatsächlich um den Austausch zwischen den Menschen in Europa, wenn partout eine Altersgrenze gezogen werden muss? Wieso statt durch die «junge Lyrik» nicht einfach durch die zeitgenössische reisen? Weshalb sollen sich im lyrischen Europa Jung und Alt nicht begegnen?

Die Grenze zwischen den Generationen ziehen Italiano (Jahrgang 1976) und Wagner (1971) entlang des historisch bedeutsamen Jahres 1968. Bei Publikationen liesse sich das inhaltlich rechtfertigen, bei Menschen wirkt es fadenscheinig. Für die Übersetzerinnen und Übersetzer gilt dieses Stichjahr ohnehin nicht. Und die meisten im Band vertretenen Lyrikerinnen und Lyriker sind so richtig jung dann auch wieder nicht. Der Portugiese Daniel Faria ist schon seit zwanzig Jahren tot. Gerade mal acht von 427 Dichterinnen und Dichtern sind jünger als dreissig. Die meisten wurden vor 1980 geboren.

«Jung» spielt kaum eine Rolle

Auch die in Leukerbad vertretenen Autorinnen und Autoren sind alle schon über 35 und im Schnitt 45 Jahre alt. Wenn sie aber auf die Bühne treten und aus ihren Werken lesen, spielt das Marketingattribut «jung» ohnehin kaum noch eine Rolle. Dann darf man ihnen als Persönlichkeiten begegnen. Mehr als ein paar Schlaglichter werden sie auf das lyrische Schaffen Europas kaum werfen. Dafür aber rücken die umständlich funktionalisierten Worte endlich wieder selbst ins Zentrum. Befreit vom Ballast einer übergestülpten Symbolik könnte das dann eine wunderbare Veranstaltung werden. Oder, um es mit dem ersten Vers aus Levistons «Scandinavia» zu sagen: «I think I could be happy there, north of fame, in light».

24. Internationales Literaturfestival Leukerbad 28.–30. Juni.