Literatur

Es Proscht mit Orangschina!

Der Solothurner Autor Ernst Burren ist als Zuhörer gross geworden. Die elterliche Gaststube hat ihn die Sprache gelehrt, aus der er heute Literatur macht – zuletzt mit dem «Chlaueputzer».Hanspeter Bàrtschi

Der Solothurner Autor Ernst Burren ist als Zuhörer gross geworden. Die elterliche Gaststube hat ihn die Sprache gelehrt, aus der er heute Literatur macht – zuletzt mit dem «Chlaueputzer».Hanspeter Bàrtschi

Ernst Burren, der leise Mann aus dem solothurnischen Oberdorf, der mit bewundernswerter Regelmässigkeit literarische Preziosen in Mundart vorlegt, gehört zu den diesjährigen Gewinnern des Schweizer Literaturpreises.

In Burrens Literatur reden die Protagonisten meist selbst. Unkommentiert von einer allwissenden Erzählstimme, geben sich seine Figuren vor allem durch ihre jeweilige Redeweise zu erkennen. Manche sind bitter, manche sind böse, andere schwatzhaft, wieder andere zögerlich. In Burrens Werk tauchen Dorfbewohner auf, die sich beinahe um Kopf und Kragen reden, und solche, die kaum den Mund aufbringen. Doch es gibt etwas, das die verschiedenen Burren-Figuren gemeinsam haben. Sie klingen jederzeit echt. Diese ungekünstelte Melodie der Literatursprache, die nur erreicht, wer sich seiner eigenen Sprache sehr sicher ist, darf als Burrens grösste Stärke bezeichnet werden.

Der Autor, der am Fuss des Weissensteins aufgewachsen ist, weiss immer sehr genau, wovon er erzählt, aber vor allem weiss er, wie es zu klingen hat. Als Sohn von Wirtsleuten hat er die Bedeutung mündlicher Kommunikation von Kindsbeinen an miterlebt. Burren ist gleichsam als Zuhörer gross geworden. Zu Hause, in der elterlichen Gaststube, hat er die Redeweisen aufgesogen, die er später mit scheinbarer Leichtigkeit in Literatur verwandeln sollte. Rhythmuswechsel, Pausen, Verdoppelungen, Ellipsen, Auslassungen, alles, was die mündliche Sprache ausmacht und die jeweils Sprechenden charakterisiert, setzt Burren gekonnt als Stilmittel ein.

Burrens Arbeit an der Sprache haftet nichts Geschliffenes an

Was dabei entsteht, ist eine Literatur, die den Eindruck vermittelt, sie sei leicht erzählt. Die Raffinesse dieser Literatur liegt in der scheinbaren Natürlichkeit der Sprache. Es ist eine Sprache, die so tut, als wäre sie locker dahingeredet. Dabei musste sie sehr präzis und kunstvoll erarbeitet werden. Oder anders gesagt, Burren schleift so lange an der Sprache, bis ihr nichts Geschliffenes mehr anzumerken ist.

Ernst Burren gehört zu einer Generation von Autoren, denen es vor über vierzig Jahren gelang, die Literatur in mundartlicher Umgangssprache von Pathos und Patina zu befreien. Seine literarische Sprachwahl war für ihn selbst immer eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht hat ihm sein konsequentes Festhalten an seiner Oberdorfer Mundart eine internationale Karriere verbaut. Dafür hat Burren mit seinem Werk den Boden geebnet für eine Literatursprache, an deren Existenzberechtigung heute in der Schweiz niemand mehr zweifelt.

Burrens Texte sind geschrieben, als hätte er einfach zugehört

Seit seinem Debüt «Derfür und derwider» aus dem Jahr 1970 hat Ernst Burren fast dreissig Bücher geschrieben. Die meisten davon waren Sammlungen von Geschichten. Sein neustes Werk, «Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina», für das er nun den mit 25 000 Franken dotierten Schweizer Literaturpreis erhält, ist ein Roman.

Genau wie bei seinen Kurztexten lässt der Autor die Figuren ihre eigenen Geschichten erzählen. Diesmal sind es allerdings Geschichten, die sich gegenseitig spiegeln, die aufeinander verweisen und dadurch zusammen ein Ganzes ergeben. Auf uns Leser wirkt diese Erzählweise, als hätte der Autor seine Charaktere einfach reden lassen, ohne sich in ihre Rede einzumischen. Fast könnte der Eindruck entstehen, nicht er selbst, sondern seine Geschöpfe hätten das Heft in der Hand.

Sechs Stimmen begegnen sich in je vier Monologen

Der Kleinbauer Fridu, seine Frau Bethli, deren gemeinsamer Sohn Pöili, Pöilis Sohn Reto, Bethlis Nichte Erika und der Nachbar Turi, das sind die sechs Figuren, die in diesem Roman abwechslungsweise zu Wort kommen. Sie führen keine Dialoge. Jede der sechs Stimmen redet monologisch. Die Monologe wechseln sich in der immer gleichen Reihenfolge ab, bis jede Figur vier Mal aufgetreten ist. Der Autor selbst bezeichnet diese strenge Struktur mit einem Augenzwinkern als verbaler «Boxkampf über vier Runden».

Uns Lesern bleibt die dankbare Aufgabe, diese sechs subjektiven Stimmen zu einem schlüssigen Ganzen zu verbinden. Das gelingt spielend, denn Burren tut zwar, als seien seine Erzähler autonom, aber er führt sie gekonnt an langen Fäden. Dabei lässt uns die Geschichte nie kalt. Gefühle wie Beklemmung und Sorge wechseln sich ab mit Mitgefühl angesichts der Hilflosigkeit, mit der die Figuren versuchen, die Wirklichkeit redend zurechtzurücken.

Meisterhaft zeigt sich Burrens Stil zum Beispiel dort, wo er Bauer Fridu erzählen lässt, dass dieser von seinen Sohn Pöili weniger hält als von seinem Enkel Reto und dann fast beiläufig anfügt: «dass mir ne scho lang bim erbe / uf e pflichtteil hei gsetzt han em nit gseit / das gseht är de no glii gnue»

Es genügt vollauf, das Buch zu lesen, um zu verstehen, dass «Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina» ein Roman ist, der beinahe alles beinhaltet, was grosse Literatur ausmacht. So unprätentiös die Geschichte erzählt wird, so tief bleibt sie haften. Nichts daran ist an den Haaren herbeigezogen, nichts ist Attitüde. Der Roman ist ein beeindruckender Ausdruck menschlicher Unzulänglichkeit, erzählt in einem durchweg natürlichen Sprachflow. Er beleuchtet einen kleinen Ausschnitt einer dem sozialen Wandel ausgesetzten, ländlichen Welt, der jede Idylle abhandengekommen ist. Wie bei aller geglückten Literatur weist bei diesem Schriftsteller das Kleine und das Konkrete auf das Grosse und das Allgemeine.

Man möchte Ernst Burren mit einem vollen Glas Orangschina zuprosten. Ein Prost auf seinen Roman und ein weiteres Prost auf diesen hochverdienten Preis.

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