Interview

Erstmals hinter statt vor der Kamera: Moritz Bleibtreu hat mit uns über sein Regie-Debüt «Cortex» gesprochen

War mit seinem Erstling als Regisseur am Zürcher Filmfestival: Moritz Bleibtreu.

War mit seinem Erstling als Regisseur am Zürcher Filmfestival: Moritz Bleibtreu.

In seinem Regie-Debüt «Cortex» nimmt uns Moritz Bleibtreu mit in eine Welt der Träume. Sie dient jedoch nur als Vehikel für die Story.

Wir haben den deutschen Filmstar (49) Ende September am Rande des Filmfestivals Zürich getroffen. Dort feierte sein Erstling als Regisseur, «Cortex», Premiere. Das Drehbuch ist sehr verworren. Wir bitten im Interview um etwas Klärung.

Ich glaube, ich träume. Ich sitze hier und spreche mit Moritz Bleibtreu.

Soll ich Sie kneifen?

Mit dem Träumen sind wir im Thema. Träumen Sie?

Wenn mich der Wecker weckt, ist alles mit einem Schlag weg. Wenn ich ausschlafen kann, dann erinnere ich mich schon an Phasen meiner Träume. Es ist allerdings nicht wahnsinnig viel.

Woran erinnern Sie sich?

Träume sind Wünsche oder Ängste, die etwas Verborgenes deutlich machen. Sie sind eine Zustandsbeschreibung der Seele und deshalb sehr privat und intim. Öffentlich würde ich deshalb nie darüber sprechen. Höchstens mit meinen engsten Vertrauten.

Sind es schöne Träume oder Albträume?

Beides. Wobei, wirkliche Albträume hatte ich schon lange nicht mehr. Als Kind hatte ich solche Träume, in denen man so richtig erschrickt.

Das stelle ich bei mir auch fest. Als Kind habe ich mehr und intensiver geträumt.

Die Frage ist: Träumt man wirklich weniger oder erinnert man sich einfach nicht mehr daran. Traumforscher würden wahrscheinlich sagen, dass man sich mit zunehmendem Alter an etwas gewöhnt und deshalb sofort vergisst.

Gibt es Rezepte gegen das Vergessen?

Ja, man kann ein Traumtagebuch führen. Das heisst: Wenn man aufwacht, muss man den Traum sofort aufschreiben. Das muss aber extrem schnell gehen. Du trainierst damit, zwischen Wach- und Traumzustand zu unterscheiden. Du lernst, dein Bewusstsein im Traum wahrzunehmen und den Traum zu steuern. Das erfordert langes und intensives Training. Meist mehrere Jahre.

Harte Arbeit.

Unbedingt. Wer aufwacht, möchte sich lieber nochmals umdrehen. Doch dann ist der Traum schon weg. Es erfordert Disziplin.

Woraus ergab sich die Idee?

Da gab es mehrere Impulse. Zunächst: Ich mag Verwirrspiele. Die klassische Krimiliteratur der 70er- und 80er-Jahre. Du wirst auf eine falsche Fährte gelockt, du denkst, du hast es, dabei liegst du ganz falsch. Und dann dachte ich mir: Man müsste mal einen nicht komischen Body­switch machen, einen Film mit psychologischem, dramatischem Körpertausch. Ich glaube, das gab es wirklich noch nie.

Dann stand die Traumthematik nicht am Anfang?

Nein, die Idee mit dem Traum ergab sich aus dem Bodyswitch. Wie wäre es, wenn jemand einen Bodyswitch im Traum erzählt. Wenn einer im Traum zu einem anderen wird, weil er zu viel von ihm geträumt hat.

Im Film wird «Inception» von Christopher Nolan zitiert. Weshalb?

Träume sind in der Film­geschichte ein Riesenthema. Wenn es darum geht, seinen Lieblingstraumfilm zu benennen, dann käme wohl niemand um «Inception» herum.

Ich glaube,das ist ein Film, der vielen Menschen den Zugang zum Träumen geöffnet hat. Für mich war das einer der besten Filme der letzten zehn Jahre.

Ist Bodyswitch das Hauptthema des Films?

Man hat von mir als Schauspieler ein gewisses Bild. Als Autor und Regisseur war es mir deshalb wichtig, einen Film zu machen, der mir entspricht. Er soll zeigen, welche Art Kino mir gefällt, welche Geschichten ich gern erzähle und was man künftig von mir als Regisseur erwarten kann. Für mich geht es in dem Film ums Loslassen. Wir können nie etwas Neues beginnen, wenn wir nicht loslassen.

Können Sie das noch näher erläutern?.

Warum fällt es uns so schwer, loszulassen? Wir können uns an alles gewöhnen, ohne dass wir es merken. Gewöhnung ist die grösste «bitch» von allen, denn zu oft merken wir gar nicht, an was wir uns da grad gewöhnt haben. Warum merken wir nicht, dass wir uns verändern. Wenn wir es merken würden, könnten wir ja vielleicht etwas dagegen tun. Und wenn du aufwachst und es merkst, ist es schon zu spät. Veränderung ist leider nichts, was wir aktiv bestimmen. Es passiert mit uns.

Im Film ist Bodyswitch die Lösung dieses Dilemmas. Für mich als Zuschauer ist das ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen.

Nein, der Film legt dir nahe, dass du das bist, was du vorgibst zu sein. Dass wir sehr vorsichtig sein müssen bei dem, was wir vorgeben zu sein. Die westliche, liberale Gesellschaft ist voll von Möglichkeiten, dich individuell zu entfalten.

Freiheit ist für Leute mit einem grossen Verantwortungsbewusstsein.Sie braucht Weitsicht. Nicht alle finden sich damit zurecht. Freiheit überfordert viele. Interessant ist ja, dass ich in Weltregionen, in denen nicht Freiheit das Leben bestimmt, sondern die Notwendigkeit, mehr lächelnde Gesichter sehe als in unserer ach so tollen Welt, wo du tun und machen kannst, was du willst. Das ist das grosse Paradox der freien Welt.

Sollte man sich «Cortex» zweimal anschauen?

Ich habe nicht absichtlich einen komplizierten Film gedreht. Aus meiner Sicht muss sich ein Film nicht zwingend aus sich selbst erschliessen. Ich mag Filme, wo man selber graben muss. Die ein Mysterium bleiben und Rätsel nicht auflösen. Aber versprochen: Mein nächster Film wird einfacher.

Hier geht's zum Trailer:

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