Jugendliche Spielfreude
Er hats noch immer drauf: Paul McCartneys neues Album ist ein Mutmacher über den Atlantik

In der Corona-Isolation hat McCartney im Alleingang ein Album eingespielt. Das zu verdanken haben wir der Corona-Langeweile.

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Paul McCartney ist ein musikalischer Triebtäter.

Paul McCartney ist ein musikalischer Triebtäter.

dpa

Paul McCartney, der Mozart des klassischen Pop, muss niemandem mehr etwas beweisen. Andere haben sich längst zur Ruhe gesetzt, ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus. Nicht so «Macca», auch mit 78 Jahren kann er es nicht lassen und macht, was er am besten kann: Songs schreiben.

Eigentlich wollte er ja nur den Song «When Winter Comes» fertigstellen, den er in den 90er-Jahren noch mit Beatles-Produzent George Martin aufnahm und der nun als Soundtrack für einen Animationsfilm vorgesehen ist. Doch dann hat er im Studio einfach weiter gemacht – aus purer coronabedingter Langeweile. Ganz allein. Alle Instrumente hat er selbst eingespielt.

Lockdown wirkte inspirierend

McCartney ist ein Triebtäter. Ihm sei es zunächst gar nicht bewusst gewesen, dass da ein neues Album entstehen würde, sagte er in einem Interview mit dem «Rolling Stone». Aber die Isolation während des Lockdowns wirkte offenbar inspirierend. «Es ging darum, Musik für sich selbst zu machen, und nicht darum, Musik zu machen, die einen Job erfüllen muss», sagte er.

Es ist nicht das erste Album, das er im Alleingang aufgenommen hat. 1969 wollte er sich vom Frust der kriselnden Beatles ablenken und hat einen neuen Vierspur-Tonbandgerät der Schweizer Marke Studer getestet. Entstanden ist «McCartney», das Album, das das Ende der Fab 4 besiegelte. Zehn Jahre später folgte «McCartney II» nach dem Ende der Wings. «McCartney III» vervollständigt nun, genau 50 Jahre nach dem Aus der Beatles, die Solo-Trilogie.

Zunächst wird deutlich, dass der Zahn der Zeit auch an Paul McCartney nagt. Das Bubenhafte in seinem Gesang schwindet, die Stimme klingt brüchig und zittrig. Das macht der Vergleich mit «When Winter Comes» deutlich, das er vor mehr als 20 Jahren eingesungen hat. In den neuen Stücken rettet er sich oft in den Falsett wie in der charmanten Petitesse «The Kiss Of Venus» oder im epischen «Deep Deep Feeling». In der Klavierballade «Women And Wifes» singt er dagegen so tief wie selten zuvor.

Die Ideen scheinen ihm nicht auszugehen

Aber das ist unerheblich. Wichtig ist, mit welch unbändiger Spielfreude er an die Songs herangeht. Verspielt wie in jungen Tagen schüttelt er zum Beispiel in «Find My Way» kompositorische Gimmicks aus dem Ärmel. Die Ideen scheinen ihm nicht auszugehen. Meisterhaft ist auch, wie er sich im über achtminütigen «Deep Deep Feeling» die Zeit nimmt, mit den Formen zu experimentieren und die traditionelle Songstruktur lustvoll auseinanderzunehmen.

Raffinierte Harmoniefolgen prägen «Seize The Day», andere Stücke wie der Bluesrock-Stampfer «Lavatory Lil» machen einfach Spass. Der geniale Wurf fehlt zwar, doch der König der eleganten Melodien zeigt allen noch einmal den Meister. McCartney ist aber auch ein Mutmacher über den Atlantik und verdeutlicht, wozu 78-Jährige noch fähig sind.

Paul McCartney: McCartney III (Universal). Erscheint am 18. 12.