"Le paradis“ heisst der Flecken an der französischen Grenze, wo die 27-jährige Schriftstellerin Elisa Shua Dusapin mit ihrem Lebensgefährten Romain Guélat lebt. Oft ist sie auch anderswo, unterwegs nach Genf, ihrem Zweitwohnsitz, oder auf Lesereisen in der Schweiz, in Frankreich, in Korea und weiteren Ländern.

Seit dem Erfolg ihres ersten Romans, "Hiver à Sokcho", lädt man sie regelmässig zu literarischen Veranstaltungen und in Schulen ein. Da zieht sie sich gerne auch zurück und sucht Ruhe, "au paradis". Nur zwei Bauernhäuser und zwei Wohnhäuser gibt es da, je etwa 800 Meter voneinander entfernt.

Auf der Hinfahrt überquert man die französische Grenze, aber die Häuser gehören noch zur Schweiz, zur Gemeinde Bure im Kanton Jura. Der abgelegene Ort sei ideal zum Schreiben, sagt die junge Autorin. Und die Grenzsituation entspreche ihrer Biografie und ihrem Selbstverständnis.

Aufmerksam auf jede Form möglicher Ausgrenzung

Elisa Shua Dusapin ist als Kind einer koreanischen Mutter und eines französischen Vaters in Sarlat, im Südwesten Frankreichs geboren, mit fünf Jahren in die Schweiz gekommen und erst mit 13 Jahren Schweizerin geworden.

Als sie sieben war, zog die Familie ins kleine Dorf Bressaucourt bei Pruntrut. Ein schwieriges Ankommen für sie wie für ihre Schwestern und Eltern. "Ich bin seither aufmerksam auf jede Form möglicher Ausgrenzung." Sie sah sich aber in der neuen Heimat bald gefördert und anerkannt. Und heute ist der Kanton Jura stolz auf seine Autorin. Diese liebt ihn für seine fortdauernde Bekräftigung seiner Selbstständigkeit und seine Offenheit gegenüber den französischen Nachbarn, ihren zweiten Landsleuten.

"Ich brauche Orte, an denen Sprachen und Kulturen sich mischen", sagt die Doppelbürgerin. Im vergangenen Jahr verbrachte sie sechs Monate als Writer in Residence in New York und erlebte ein grosses Glück. Zum ersten Mal sah sie sich nicht ständig mit der Frage nach ihrer Identität konfrontiert, denn Mehrfachzugehörigkeiten sind in dieser Metropole der Einwanderung aus aller Welt der Normalfall. "In New York schützt man sich nicht durch Vorurteile", sagt sie, "man geht aufeinander zu und kommuniziert statt zu urteilen." Eine Gegenwelt zu homogenen Gesellschaften wie derjenigen in Korea.

Dort spielt ihr Roman "Hiver à Sokcho". In der Strand- und Hafenstadt an der südkoreanischen Ostküste, nahe der Grenze zu Nordkorea, arbeitet eine junge Studentin in einer billigen Absteige. Sie sieht sich verpflichtet, bei ihrer Mutter, einer Fischverkäuferin, zu bleiben und fühlt sich zugleich fremd an diesem Ort. Von ihrem Vater weiss sie nur, dass er Franzose ist.

Ein französischer Gast, Comic-Autor auf der Suche nach neuen Sujets, weckt bei ihr gemischte Gefühle. Sieht sie in ihm eine Vaterfigur oder einen möglichen Geliebten? Der Roman überlässt die Antwort den Lesenden. Er entscheidet auch nicht, wie die Suche der Protagonistin nach ihrem Weg ausgehen wird. Die atmosphärisch starken Szenen und Bilder lassen Raum für mögliche Geschichten.

Der Romanerstling hat auch in Korea gleich so grosse Aufmerksamkeit gefunden, dass der koreanische Verleger der Autorin vorschlug, ihren nächsten Roman zuerst in der koreanischen Übersetzung herauszubringen, vor dem französischen Original. Unmöglich, sagt diese. Sie sieht sich als französischsprachige Autorin in der Nachfolge von Nathalie Sarraute und Marguerite Duras, auch wenn ihr die koreanische Herkunft mütterlicherseits lebenswichtig bleibt und sie jedes Jahr eine paar Wochen in Südkorea verbringt.

In ihrem zweiten Roman geht es um Koreanerinnen und Koreaner, die durch Flucht oder Verschleppung in Japan gelandet sind, dort als verachtete Minderheit ausgegrenzt werden und mit den Geldspielautomaten Pachinko ihr Leben fristen. "Les billes du Pachinko" lautet der Titel des Buches, das diesen Sommer herauskommt.

Im Nebeneinander von Sprachen und Künsten

Japan hat die Autorin dank ihrem Lebensgefährten Romain Guélat kennen und schätzen gelernt. Er ist Dokumentarfilmer und Produzent am Fernsehen der Suisse romande, Japan ist seine grosse Leidenschaft. In der Familie ihrer Mutter hat Japan als frühere Kolonialmacht Koreas jedoch nicht nur positive Spuren hinterlassen. Ihr Grossvater war Koreanischlehrer, hatte aber in seiner Jugend unter der Kolonialherrschaft Japans, die von 1910 bis 1945 dauerte, nur japanisch lesen und schreiben lernen dürfen.

In den 1970er Jahren zog er mit seiner Frau nach Trogen ins Pestalozzidorf, um ein Waisenhaus zu leiten. Von den Nachkommen der beiden lebt nun die eine Hälfte in der Deutschschweiz, die andere in der Suisse romande.

Wie eine Fortsetzung dieser Erfahrungen in der Familie mütterlicherseits erlebte Elisa Shua Dusapin deshalb das Nebeneinander von Deutsch und Französisch während ihres dreijährigen Studiums am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Und sie freut sich darauf, dass der Aufbau Verlag in Berlin im September 2018 "Ein Winter in Sokcho", die deutsche Übersetzung ihres Romanerstlings, herausbringt. Ihrem deutschen Übersetzer Andreas Jandl, der auch fürs Theater arbeitet, hat der Roman so sehr gefallen, dass er ihn für die Bühne bearbeiten und in Berlin zur Aufführung bringen wird.

Mit dem Theater hat Elisa Shua Dusapin als Autorin und als Schauspielerin schon einige Erfahrungen gemacht. 2014 hat sie als Assistentin und Schauspielerin in der Truppe "sturmfrei" mit Maya Boesch zusammengearbeitet.

Die Verbindung verschiedener Kunstsparten ist ihr ein Bedürfnis. Für eine musikalische Inszenierung der Klaviersuite "Children’s Corner" von Claude Debussy, die hundertzehn Jahre nach ihrer Uraufführung im Dezember 2018 zur Aufführung gelangt, hat sie den Text verfasst. Im Gymnasium belegte sie das Schwerpunktfach Musik, aber zum Geigenspiel, das sie mit fünf erlernte, kommt sie heute kaum mehr. Dafür hat sie mit dem Zeichnen und Aquarellieren die chinesische Kalligraphie entdeckt. Ihre Faszination für Tusche und Papier zeigt sich in "Hiver à Sokcho", wenn der Roman uns den französischen Comic-Autor beim Tuschzeichnen bildstark vor Augen führt.

Ihre Hauptleidenschaft aber bleibt die Literatur. Und dieser möchte sie auch als Wissenschaftlerin weiter nachgehen. Das Studium der französischen Literaturwissenschaft, das sie 2014 in Lausanne begann, musste sie nach dem Erfolg ihres Romanerstlings 2016 unterbrechen.

Dem Robert-Walser-Preis folgten weitere Auszeichnungen, zwei Monate war sie auf Promotionstour in Korea, vier Monate Gastautorin in Frankreich, sechs Monate in New York. Nach der Publikation des zweiten Romans, der bei diesen Aufenthalten entstand, möchte sie das Studium 2019 wieder aufnehmen. Es sei denn, erneute Erfolge mit ihrem zweiten Buch und der deutschen Übersetzung des ersten würden ihr wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Verfasser: Daniel Rothenbühler, sfd