Fernsehen interaktiv

Einmal Regisseur und Richter sein – der Spielfilm «Terror» machts möglich

Angeklagt: Kampfpilot Lars Koch (Florian David Fitz) hat ein entführtes Flugzeug abgeschossen, um 70000 Fussballfans zu retten. Ist er ein Held oder ein Mörder? SRF

Angeklagt: Kampfpilot Lars Koch (Florian David Fitz) hat ein entführtes Flugzeug abgeschossen, um 70000 Fussballfans zu retten. Ist er ein Held oder ein Mörder? SRF

Mörder oder Held? Beim Spielfilm «Terror», der heute Montag ausgestrahlt wird, entscheidet das nicht der Regisseur des Films. Viel mehr sind es die TV-Zuschauer, die über das Schicksal der Fernsehfigur richten.

Darf man Hunderte Menschen töten, um Zehntausende zu retten? Das ist die zentrale Frage des Fernsehfilms «Terror», der heute um 20.15 Uhr auf den Sendern SRF zwei, ARD und ORF 1 zeitgleich ausgestrahlt wird. Der Clou: Nicht der Film wird diese Frage beantworten – sondern wir Zuschauer. Der Film macht uns zu Richter und Regisseur zugleich.

«Terror» spielt in einem Gerichtssaal. Auf der Anklagebank sitzt der Kampfpilot Lars Koch (gespielt von Florian David Fitz). Er hat über dem Grossraum München eine entführte Passagiermaschine abgeschossen. Die Anklage lautet auf Mord: Alle 164 Menschen an Bord sind ums Leben gekommen. Der Entführer, ein islamistischer Terrorist, hatte das Flugzeug in die mit 70'000 Menschen vollbesetzte Allianz Arena stürzen lassen wollen.

Ist Major Koch ein Mörder oder ein Held? Das sollen bei diesem fiktiven Fall die Fernsehzuschauer entscheiden. Am Ende des Films stimmen wir per Telefon oder im Internet entweder für die Verurteilung des fiktiven Kampfpiloten oder für dessen Freispruch.

Der offizielle Filmtrailer zu «Terror – Ihr Urteil»

Der offizielle Filmtrailer zu «Terror – Ihr Urteil»

Gefilmt wurden beide Varianten, eingespielt wird nur jene mit mehr Stimmen. Anschliessend diskutiert SRF-Moderator Jonas Projer zusammen mit Gästen und Experten in einer «Arena Spezial»-Sendung über das Ergebnis – und darüber, wie die Schweiz auf ein vergleichbares Szenario vorbereitet wäre.

Idee ist nicht neu

Was uns erwartet, ist also ein gross angelegter interaktiver Fernsehabend. Ein Blick ins Fernseharchiv verrät: Diese Idee ist nicht ganz neu. Bereits 1987 lief mit «Wer erschoss Boro?» ein interaktiver Fernsehkrimi im trinationalen Fernsehprogramm. Die damals miträtselnden Zuschauer schickten ihre Tipps per Postkarte ein. Aufgelöst wurde der Fall im Fernsehen dann – im Gegensatz zu «Terror» – erst einige Tage später.

«Wir sehen das Projekt in der Tradition von berühmten Debattensendungen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren», erzählt Dominik Stroppel. Er ist der bei SRF für «Terror» zuständige Projektleiter und nennt Referenzsendungen wie «Telebühne», «Telearena» und «Limit», in denen damals filmische Einspieler ebenfalls als Anstoss zu Mega-Diskussionen gedient hatten.

Es ging um Themen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Einbürgerungen, Drogen, Sexualität, Atomstrom. Nicht selten kochten Emotionen hoch. Auch der Diskussionsnährboden in «Terror» ist ein fruchtbarer, denn das Gedankenexperiment ist durchaus komplex. Nach deutschem Strafrecht müsste Major Koch eigentlich zwingend verurteilt werden.

Sinngemäss heisst es darin nämlich: Ein Leben darf nicht gegen ein anderes Leben aufgewogen werden. 70'000 Leben haben nicht mehr Wert als 164 Leben. Kommt hinzu, dass der Kampfpilot den direkten Befehl seiner Vorgesetzten – nämlich nicht zu schiessen – missachtet hat.

Bauch gegen Kopf

Andererseits präsentiert uns der Film diesen Major Koch als wohlbesonnenen Menschen. Als Musterschüler gar, als einwandfreien Charakter, der einem moralischen Imperativ gefolgt ist. Und sich in einer ausweglosen Situation für das «kleinere Übel» entschieden hat. Nun, darf er das? Kopf und Gesetz sagen: nein. Doch das Bauchgefühl – und vielleicht auch ein lebenslanger Konsum von Heldenmythen – dürften widersprechen.

Über das Resultat lässt sich spekulieren. Das Publikum musste dieselbe Frage schon einmal beantworten – im Theater. Der Fernsehfilm geht auf ein Bühnenstück des Autors und Juristen Ferdinand von Schirach zurück. «Nach dem Theaterstück kam es in Deutschland überwiegend zu Freisprüchen», erzählt SRF-Projektleiter Stroppel – und ergänzt: «In der Schweiz auch, sogar noch deutlicher als in Deutschland.»

Nun, vor dem Fernseher wird heute Abend ein ganz anderes – und grösseres – Publikum sitzen als damals im Theater. Durchaus denkbar, dass sich die Resultate unterscheiden. Oder noch spannender: Dass wir Schweizer zu einem anderen Verdikt kommen als die deutschen oder österreichischen Fernsehzuschauer.

Sprich: Dass es beispielsweise auf ORF 1 zu einer Verurteilung kommt, während auf SRF zwei zum Schluss des Films die Szene des Freispruchs eingespielt wird. «Unterschiedliche Abstimmungsresultate wären natürlich eine spannende Diskussionsgrundlage», hält Stroppel fest. In einer Konferenzschaltung zwischen den drei Sendern sollen die Ergebnisse miteinander verglichen werden.

Ein Format mit Zukunft?

Kommt es bald regelmässig zu derartigen Fernsehevents? Interaktive Formate wie «Terror» sind für traditionelle Fernsehsender ein interessantes Format. Denn in Zeiten von Streamingangeboten und Video-on-demand bewegen sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer fortlaufend weg vom linearen Fernsehen.

Interaktive Formate verleihen festen Sendezeiten dagegen wieder Attraktivität. Dominik Stroppel findet: «Interaktivität ist ein guter Grund, ein Programm dann zu schauen, wenn es ursprünglich ausgestrahlt wird – weil man nur dann selber Einfluss nehmen kann.»

Einmal Richter spielen – direkt vom bequemen Sofa aus: warum nicht? Dass die Tragweite des Abstimmungsresultats über den fiktiven Fall sinnvoll eingeordnet wird, liegt dann in der Verantwortung von Moderator Jonas Projer und den Experten im «Arena»-Studio. Wir sind gespannt.

Terror Heute 20.15 Uhr auf SRF zwei. Davor und danach: «Arena Spezial».

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