Down Syndrom

Einmal im Leben ein Wrestler sein: «The Peanut Butter Falcon» ist ein berührender Film

Magischer Realismus: Zak (Zachary Gottsagen in seiner ersten Kinorolle) hat einen starken Willen und entwickelt im Wrestling-Kampf ungeahnte Kräfte.

Magischer Realismus: Zak (Zachary Gottsagen in seiner ersten Kinorolle) hat einen starken Willen und entwickelt im Wrestling-Kampf ungeahnte Kräfte.

Zusammen ist man stark: «The Peanut Butter Falcon» ist ein wunderbarer Film über Freundschaft und Lebensträume mit Down Syndrom

Der eine, Zak, büxt aus dem Altersheim aus, um Profi-Wrestler zu werden. Zak ist 22 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Der andere, Tyler (Shia LaBeouf), flüchtet vor dem Zorn der Krabbenfischer, deren ganzes Equipment er gerade abgefackelt hat. Das Richmond County in North Carolina ist eine ärmliche Gegend, wo es nicht genug Fischgrund für alle gibt und keinen Ort für Menschen wie Zak.

Der Zufall will es, dass die beiden Flüchtigen zu Buddies werden im tragikomischen Roadmovie «The Peanut Butter Falcon». Von North Carolina aus geht’s der Küste von South Carolina und Georgia entlang Richtung Sonnenstaat Florida. Wie einst Huckleberry Finn und Tom Sawyer mit einem Floss den Mississippi, kehrt Tyler der Armut und kruden Lebensweise in seiner Heimat den Rücken. Die Chance auf einen Neuanfang sieht er aber erst in der Begegnung mit Zak. Dieser gibt ihm die Achtung vor sich selbst zurück.

Bad Boy mit Herz, das passt zu Shia LaBeouf

Menschlichkeit und Wärme, das ist es vor allem, was dieser Film ausstrahlt. «The Peanut Butter Falcon» ist ein kleiner Indiefilm, der die Herzen des Publikums im Nu erobert, auch wenn der Trailer schon viel vom gelobten Humor preisgibt.

Mark Twain ist eine Referenz, die im Debütfilm von Tyler Nilson und Michael Schwartz explizit angesprochen wird. So durchleben die beiden nach kurzer Angewöhnungszeit zahlreiche Abenteuer, eingebettet in eine zeitlose Südstaatenlandschaft, die eine ganz eigene Anziehungskraft zwischen Gefahr, Naturromantik, Melancholie und harter Realität erzeugt. Sie werden verfolgt von den Bad Guys und von der guten Betreuerin Eleanor (Dakota Johnson), die Zak wieder ins Heim zurückbringen soll, sich den beiden aber anschliesst. Tyler und Eleanor sind zwei verwundete Seelen, die beide einen geliebten Menschen verloren haben. Wie das Drehbuch das offenbart, ist nicht gerade sehr subtil. Auch nicht, dass Tyler und Eleanor ob dieses Gefühls des Verlusts trotz all der Differenzen wie füreinander geschaffen scheinen.

Der entscheidende Dialog im Film aber ist: «Ich habe das Down-Syndrom.»(Zak) – «Das ist mir scheissegal.» (Tyler). Was Tyler von Eleanor unterscheidet, ist, dass er Zak und seinen Traum ernst nimmt, so absurd er auch sein mag. Und er bevormundet ihn nicht. Zack Gottsagen spielt diesen Zak in seiner ersten Kinorolle ausdrucksstark und mit präzisem Timing. Dass die Möglichkeiten von Darstellern mit einer Behinderung begrenzt sein sollen, akzeptiert der ausgebildete Schauspieler und Tänzer, 34, nicht. Zusammen mit Shia LaBeouf ist er umwerfend.

Der 33-jährige «Transformers»-Star auf der anderen Seite wendet sich schon seit einigen Jahren stärker dem Independent-Film zu und hat in Andrea Arnolds «American Honey» eine ganz neue Seite von sich gezeigt. Einen Bad Boy mit gutem Herz, das viel Schmerz kennt, und der es nicht so mit Autoritäten hat, spielt er auch hier äusserst glaubhaft. Und Dakota Johnson? Nach durchschnittlichen Komödien und ihrem Auftritt in der «Fifty Shades of Grey»-Trilogie hatte sie diese Rolle dringend nötig. Sie könnte der Karriere der 30-Jährigen einen neuen Dreh geben.

Der amerikanische Traum hat Rost angesetzt

Eine wunderbare Nebenrolle hat der grossartige Bruce Dern: Als Zaks Mitbewohner im Altenheim verhilft er diesem zur Flucht und gibt ihm mit auf den Weg: «Freunde sind die Familie, die du dir aussuchst.» Ja, und warum können die drei eigentlich keine Familie sein? Wenn man es genau betrachtet, spricht gar nicht so viel dagegen.

Der Film beruft sich auf die amerikanische Erzähltradition, frischt sie auf und weist auf der menschlichen Ebene weit darüber hinaus. Er bemüht Klischees, entlarvt sie aber auch und zeigt die Realität dahinter; enthüllt, dass der amerikanische Traum Rost und Staub angesetzt hat. Zaks Held, der einst grosse Wrestling-Star «Salt Water Redneck», haust in einer heruntergekommenen Bude in der Pampa und organisiert gelegentlich ein paar Showkämpfe. Aber letztlich ist «The Peanut Butter Falcon» ein Märchen und verhehlt das auch nicht. Aber eines, das die Termini «gut und böse» in die richtigen Relationen stellt.

The Peanut Butter Falcon (USA 2019, 97 Min.), R: Tyler Nilson, Michael Schwartz, ab Donnerstag im Kino.

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