Malerei
Eine Winterreise der Gegenwart

El Frauenfelder und David Chieppo vertrauen auf die analogen Medien

Isabel Zürcher
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David Chieppo eignet sich seine Motive unter anderem aus der Kunst- und Kulturgeschichte an.

David Chieppo eignet sich seine Motive unter anderem aus der Kunst- und Kulturgeschichte an.

Verwundbar wirkt seine Welterkundung – und manchmal ist sie plötzlich voll von zärtlicher Ironie. David Chieppo, 1973 in New Haven, Connecticut geboren und seit 1998 in Zürich beheimatet, ist ein sensibler Beobachter. Er gewinnt seine Bilder aus dem Unterwegssein: Im Reisen, aber auch in täglichen Ansichten aus Zeitung, Internet oder Fernsehen fängt er seine Motive auf und nutzt sie als Vorlagen subjektiver Improvisationen. In handlichem Format mahnen die Porträts ans bildliche Protokoll von Angeklagten vor Gericht: Rasch hingeworfen, verspricht man sich aus Gesten und Haltung mehr als aus der Lesbarkeit der Gesichtszüge.

Und weil Unschärfe ihre Nachzeichnung bestimmt und der Beweggrund für die Wahl seiner Figuren ganz offen bleibt, haftet Chieppos Kunst ein leiser Verdacht an. Als wären da Fährten ausgelegt zu einem Leben, dessen Momentaufnahmen sich nie zu einem schlüssigen Bericht verdichten wollen. Die Betrachtung schwankt zwischen berührter Zuwendung und dem Respekt vor etwas Unheimlichem, das mit seinen Schatten alles Heile untermalt.

2008 hat Chieppo im Kunstmuseum Winterthur und vor drei Jahren in Solothurn mit Einzelausstellungen auf sich aufmerksam gemacht. Im Trudelhaus Baden treffen seine Bilder und Zeichnungen auf jene der 1979 in Zürich geborenen Malerin El Frauenfelder. Über alle drei Etagen des Altstadthauses entspinnt sich ein wortloser Dialog. Dabei haben die beiden Positionen stilistisch wenig miteinander zu tun. Was sie eint, ist eine Skepsis: Versichern Bilder unsere Wirklichkeit, oder müssen sie sich mit der Annäherungen begnügen?

Frauenfelder schürft an den Oberflächen des Sichtbaren. Ihre Malerei wurzelt in der Landschaft, deren Weite einen Sog ausübt: Ob South Dakota, Finnland oder ihr Wohnort Ossingen im Kanton Schaffhausen. Immer wieder fragt El Frauenfelder nach der Verlässlichkeit der Wahrnehmung anhand von Architekturansichten. Fast wie Stillleben muten ihre Bauten an. Menschenleer sind sie. Komponiert aus Flächen, welche die Lage von Wänden und Dächern, auch die materielle Differenz zwischen Himmel und Land im Ungewissen lassen. Scheunen, Bauernhöfe, Wohnhäuser oder eine Kaserne kristallisieren sich im gespachtelten Farbauftrag aus der Tiefe des Raums. Kulissen amerikanischer Roadmovies. Wobei die Membran zwischen dem Licht, das von Weite spricht, und dem Geheimnis privater Interieurs undurchlässig bleibt. Das Dokumentieren realer Liegenschaften operiert mit offenen Rändern. Es lotst den Blick entlang von Illusionen, sucht Erinnerungen ab, weckt Assoziationen.

Ansicht seelischer Zustände

Lorenz Schmid und Christian Greutmann haben die neue Ausstellung eingerichtet. Beide sind Mitglieder des Künstler- und Kuratorinnenteams, welches das Badener Altstadthaus mit einem aktuellen Programm lokaler und überregionaler Kunst beseelt. Sie hatten Zugang zu einem grosszügigen Fundus an Werken. Wie war auszuwählen? Hätte das eine oder andere Blatt von Chieppo in der Vereinzelung drastische Visionen wachgerufen, kann es in der Auslegeordnung konzentrierter Kabinette nicht weniger dringlich auch komische Abgründe öffnen. Und immer hält die kühle Raffinesse El Frauenfelders eine gelassene Antwort bereit: Im Licht ihrer Häuser ist Stille.

«Painting Desoulation» ist der Titel des leisen Duetts. Auf die Rechtschreibefehler seien sie schon hingewiesen worden, sagt Lorenz Schmid. Doch die Wortschöpfung von Chieppo ist genau so gewollt. Sie überlagert die Trostlosigkeit mit der Seele und traut dem Malen unbedingt zu, beides aufzunehmen. Zwar wirken die Liegenschaften Frauenfelders unbehaust. Zwar stimmt Chieppos Filterung realer Augenblicke nachdenklich.

Doch es gibt, wie zur Auflehnung und als Gegenentwurf, auch den Biss bittersüssen Humors. Der wird vor allem im untersten, abgetreppten Raum augenfällig: Übergrosse Kissen und Polster sind zu Knochen und zu einem Totenkopf geformt. Eigentlich laden sie zum Ruhen ein. Doch man ahnt: Auch wen man der Erinnerung ans Unausweichliche fröhlich trotzt und sich's gemütlich macht - Die Kunst wird am Zustand des Fragilen festhalten.

«Painting Desoulation», Trudelhaus
Baden, bis 23. April. Beide Künstler wurden mit dem Manor-Kunstpreis ausgezeichnet. Ihre Werke waren schon in mehreren Museen zu sehen.

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