Literatur

Eine skurrile Mordserie sucht Baden heim

Autor und Slam-Poet Simon Libsig. ASP

Autor und Slam-Poet Simon Libsig. ASP

Der neue Roman des Badener Autors Simon Libsig ist ein rasanter Krimi mit herrlich schrägen Figuren.

Kleine Entscheidungen können folgenschwere Auswirkungen haben. Mit ihnen verhält es sich wie mit einem Schneeball, der vom Gipfel eines Berges ins Rollen gebracht wird. Auf seinem Weg nimmt der kleine Ball mehr Schnee auf, wird immer grösser, reisst bald Bäume mit sich und steuert nun mit voller Geschwindigkeit auf das ahnungslose Dorf zu.

Ähnlich verhält es sich in Simon Libsigs neuem Roman «Der Velodieb, der unters Auto kam». Ein unscheinbarer Velodiebstahl bringt den übertragenen Schneeball ins Rollen und führt dazu, dass das ahnungslose Baden plötzlich von skurrilen Morden heimgesucht wird.

Alles beginnt damit, dass sich Frederik Dubois in eine verzweifelte Situation manövriert hat. Nach dem verpatzten Jurastudium hat er auch seinen Job schleifen lassen, sodass ihm bald das Geld ausgeht. Da sich Frederik nicht von Luft ernähren kann und die Schlummermutter ihn rausschmeisst, wenn er nicht bald die Miete aufbringt, kommt ihm der Job in der Schlosserei gelegen.

Doch just an seinem ersten Arbeitstag läuft er Gefahr, zu spät zu erscheinen. Frederik weiss, dass der Schlossermeister keine Verspätung duldet und ihn gleich wieder auf die Strasse setzen würde. Als er zu Fuss zur Arbeit rennt und seine Situation bereits ausweglos erscheint, sieht er auf der Schiefen Brücke das Velo. Es ist nicht abgeschlossen und Frederik ergreift seine Gelegenheit.

Zu diesem Zeitpunkt ahnen weder Frederik noch die Leser, dass durch dieses scheinbar harmlose Vergehen das Geheimnis eines Stadtrats gelüftet wird, dass Frederik sich verlieben wird und, dass sich bald ein Auftragskiller namens Bluthund auf den Weg nach Baden macht.

Ein eigenes «Schriib-Eggli»

«Der Velodieb, der unters Auto kam» ist nach «Leichtes Kribbeln» (2015) der zweite Roman von Simon Libsig. In seinen Grundzügen basiert der Inhalt des neuen Buches auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte des Autors, wie er gegenüber der «Aargauer Zeitung» sagt: «Ich habe die Kurzgeschichte ziemlich genau vor einem Jahr an Laurin Jäggi vom Librium-Verlag geschickt. An Lesungen habe ich dann gemerkt, dass die Geschichte beim Publikum gut ankam.»

Ursprünglich sei «Der Velodieb» als Fortsetzungsgeschichte geplant gewesen. Jede Woche sollte ein neues Kapitel im Schaufenster der Buchhandlung Librium in Baden aufgehängt werden, so Libsig. «Doch die Geschichte hatte mich so sehr reingezogen, dass sie stets grösser wurde.»

Entstanden ist die Kriminalgeschichte an verschiedenen Orten in Baden, an denen sich der Autor zum Schreiben zurückzieht. Etwa in der Stadtbibliothek oder im Café Himmel, wo er sein eigenes «Schriib-Eggli» habe: «Es ist ein Tisch, den andere Gäste sich wohl nicht als ersten aussuchen würden, aber für mich ist er perfekt, denn er steht etwas abseits neben dem WC», sagt Libsig und lacht.

Ein Cast aus schrägen Vögeln

Mit diesem Roman zementiert der Badener Autor sein erzählerisches Talent. In knackigen Kapiteln hält Libsig die Spannung über das ganze Buch hindurch aufrecht, sodass die einzelnen Seiten beim Lesen nur so vorbeifliegen.

Der Spoken-Word-Autor hat bereits mit Poetry Slams bewiesen, dass er über eine scharfe Beobachtungsgabe verfügt und sie lässt ihn auch dieses Mal nicht im Stich. Libsig hat ein besonderes Flair für absurde Situationen und die Leser werden sich an einigen Stellen dabei ertappen, wie sie laut auflachen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seine Heimatstadt mit herrlich schrägen Vögeln bevölkert, die ebenso gut aus einem Film der Coen-Brüder stammen könnten: die nymphomanische Schlummermutter Wiesendangen; Hauenstein, der grummelige Schlossermeister mit weichem Kern; ein Auftragsmörder mit Blutphobie; Wenger, Stadtpolizist und Schnapsnase im Dienst, ebenso wie alle Gäste des versifften Rathauskellers.

Am Ende bleibt ein Wermutstropfen: dass alles so schnell endet und man das Buch bereits zu Ende gelesen hat.

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