Architektur

Eine Siedlung im Aargau ist der Urtyp des Terrassenhauses

Gilt als Urtyp des Terrassenhauses. Die Mühlehalde von Hans Ulrich Scherer 1965 in Umiken bei Brugg gebaut. Alex Spichale

Gilt als Urtyp des Terrassenhauses. Die Mühlehalde von Hans Ulrich Scherer 1965 in Umiken bei Brugg gebaut. Alex Spichale

Die Terrassensiedlung Mühlehalde in Brugg war ein Wurf und setzte vor 50 Jahren Massstäbe. Die Idee der am Hang übereinandergestapelten Häuser war damals brandneu.

Der Jurasüdfuss sollte vom Aargau bis nach Biel mit Terrassenhäusern bedeckt sein und in den Ebenen sollten Hochhäuser den zukünftigen Bewohnern der Schweiz Wohnraum bieten. Was wie eine aktuelle Absichtserklärung von Politikern klingt, war schon vor über fünfzig Jahren die Vision des jungen Architekten Hans Ulrich Scherer. Mit seiner «Vision Brugg 2000» schreckte er damals die Menschen nicht nur im Aargau auf. Und erntete für Ideen wie der Schiffbarmachung der Aare oder einer riesigen Aarebrücke mehr Häme als Zustimmung.

Aber immerhin, einen Anfang konnte er zwischen 1963 und 1966 verwirklichen: die Terrassensiedlung Mühlehalde in Umiken. Drei mal drei «Rebhäuschen» aus Beton stapelte er im ehemaligen Rebberg, der als unüberbaubar galt, erkerartig übereinander. Jedem dieser Wohnbereiche legte er eine langgezogene Terrasse zur Seite, hinter der er die Schlaf- und Arbeitszimmer aneinanderreihte. Die Bewohner sollten von Aussicht, Licht und Sonne profitieren, aber trotzdem geborgene Wohnbereiche finden.

Eine zweite Etappe konnte Scherer 1966 noch einleiten, Etappe drei und vier – alle demselben Grundtypus verpflichtet und doch spielerisch abgewandelt – realisierte das Brugger Architekturbüro Metron in den 1970er-Jahren im Sinne des Erfinders. Dies nachdem sich Scherer 1966 entmutigt mit nur 34 Jahren das Leben genommen hatte.

Dreidimensionales Denken

Die Idee der am Hang übereinandergestapelten Häuser war damals brandneu. In Bern hatte in den 1950er-Jahren erst das Atelier 5 mit seiner Siedlung Halen etwas Ähnliches realisiert. Davon angespornt auch Stucky und Meuli in Zug und Scherer selber in Klingnau.

Roher Beton, grosse und wohlproportionierte dunkle Sprossenfenster, Kupferabdeckungen und viel Grün zwischen den Häusern und auf den Terrassen prägen das Bild der Mühlehalde bis heute.

Mit dem brutalen Beton gleiche die Siedlung eher einer Seilbahnstation als Wohnhäusern wurde kritisiert. Mit der Seilbahn hatten die Gegner tatsächlich nicht ganz unrecht. Scherer entwarf für die Erschliessung einen Schräglift, der eigentlich eine langsame Seilbahn ist – und lediglich an drei Stationen hält. Von da an heisst es für die Bewohner, ein oder zwei steile Treppen hoch oder hinunter bis zur Wohnungstüre.

Auch rechtlich waren Knacknüsse zu lösen: Das System der Stockwerkeigentümerschaft war damals noch inexistent. Jeder habe ein Grundstück und ein Haus, aber man wisse nicht, wo das eine anfange und das andere aufhöre, wurde damals kritisiert.

Heute noch gut

Scherers Mühlehalde gilt nicht nur in Architekturkreisen als Pionier- und Vorzeigeprojekt. Von den Häusern schwärmen auch die Bewohnerinnen und Bewohner; zum Teil sind es noch dieselben wie vor fünfzig Jahren. Wer die Siedlung betritt, ist überrascht von der raffinierten Verschränkung von Gemeinschaftsterrassen, Gängen und Vorgärten. Die Wohnungen sind grosszügig, die Grundrisse so originell wie praktisch, der Innenausbau mit den vielen ausgeklügelten Details oft original erhalten. Heller Klinkerboden, dunkles Holz, unterschiedlich hohe Decken und das raffinierte Spiel von Fenster- und Wandteilen überzeugen – und genügen auch heutigen Ansprüchen an modernes Wohnen.

Hätte Scherer heute Freude, wenn er den Sonnenhang über Brugg sehen würde? Da ist kein Plätzchen mehr frei. Terrassenhaus reiht sich an Terrassenhaus. Alle architektonischen Lösungen würden ihm wohl nicht behagen – und zu Recht würde er wohl fragen, wo denn die Gemeinschaftsräume einer Siedlung seien, wo die geborgenen Rückzugswinkel in den Wohnungen hinter den riesigen Glasfassaden? Und warum so wenig Grün Schatten und Wohlbehagen spende?

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