Literatur

Eine deprimierende Familiengeschichte: «Ich lebe nicht mehr in der Nähe der Hölle»

Dragica Rajcic: Stationen eines gequälten Daseins.

Dragica Rajcic: Stationen eines gequälten Daseins.

Dragica Rajcic schreibt im Roman «Liebe um Liebe» eine kroatische Familiengeschichte als Roman fort. Eine Buchbesprechung.

«Liebe um Liebe» ist ein deprimierendes Buch. Der Leser folgt der Erzählerin Ana Jagoda auf einer Erinnerungsreise durch ein schmerzensreiches Leben. Ana wuchs im kommunistischen Kroatien auf, aus dem sie während der Jugoslawienkriege flüchten musste.

Doch schwerwiegender als die kriegsbedingte Flucht belasteten sie ihre Fluchten im privaten Bereich. Vom Vater war sie schlimm verprügelt worden. Aus der Herkunftsfamilie flüchtete sie Hals über Kopf in eine frühe Ehe mit einem Säufer und Prügler. Aus der Ehe flüchtete sie zunächst in ein Frauenhaus, später in eine Klinik.

Anas Geschichte wird Lesern von Rajcics Gedichtband «Buch vom Glück» (2004) sowie von ihrem Theaterstück Glück, das letztes Jahr in Buchform erschien, bekannt vorkommen. Das «Glück» führte in jenen Texten ebenso in die Irre, wie im vorliegenden: Es ist der Name von Anas kroatischem Heimatdorf, der Stätte ihres Unglücks.

Wie viel ihrer eigenen Biografie Dragica Rajcic in die Geschichte von Ana Jagoda gesteckt hat, kann dahingestellt bleiben. Feststeht, dass auch sie, 1959, in einem kroatischen Dorf bei Split geboren wurde und sich dem Leben schon früh literarisch schreibend anzunähern begann.

Eine brüchige Annäherung an das sprachlose Unglück

Der kurze Roman, den die Geschichte von Ana und Igor aus Glück nun ausfüllt, macht es dem Publikum nicht leichter als die bisherigen Publikationen. Erinnerungen, Träume, Imaginationen und Reflexionen wechseln sich ab und erlauben keine erschöpfende, objektive Rekonstruktion der Geschehnisse.

Der tastende, brüchige Charakter der literarischen Annäherung an das sprachlose Unglück bestimmt nicht bloss die Form des Romans, sondern reflektiert auch seine Thematik. Geschrieben aus Sicht der Protagonistin im mittleren Alter, blickt Ana zurück auf die Stationen ihres gequälten Daseins als Tochter und Ehefrau, als Missbrauchsopfer eines Priesters, als Teenager, der sich zur Abtreibung gezwungen sieht.

Dennoch gibt sie sich nicht bloss einem anklagenden Rundumschlag hin, sondern versucht auch, den anderen Figuren eine Stimme zu geben. So wird deutlich, dass die Täter selber Opfer sind. Die körperliche und psychische Gewalt, die sie ausübten, hatten sie selber erlitten; die Traumata sind die Hauptstücke im Familienerbe.

Dennoch bleibt es Anas Perspektive, welche den Imaginationsraum dieses familiengeschichtlichen Rückblicks prägt. Dies nicht zuletzt durch einen eigenständigen poetischen Ausdruckswillen, der sich auch opake Metaphern und ins Offene weisende Assoziationen erlaubt.

Und ist der Leser erst einmal an den schockierenden Ernst der Thematik gewöhnt, wird der Blick frei für finstere Formen von Humor: «Gedemütigte Frauen nehmen gerne die Weltschuld auf sich. Gedemütigte Männer nehmen nur eine Kalaschnikow.»

Die Heldin lässt sich ihren Lebenswillen nicht brechen

Nicht nur Requisiten wie das russische Schnellfeuergewehr erinnern den Leser stets an den südslawischen Hintergrund der Geschichte. Rajcic, die seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt und auf Deutsch schreibt, macht keinen Hehl aus ihrem Ringen mit der Fremdsprache, dem immer wieder syntaktische und stilistische Eigenheiten entspringen.

Eine Form von Mehrsprachigkeit entsteht ausserdem dadurch, dass der Text mit kroatischen Vokabeln durchzogen ist, die nur teils übersetzt und teils wohl schwer wiederzugeben sind. «Liebe um Liebe» bleibt bis zum Schluss ein trauriges Buch. Doch es ist nicht das Dokument eines Ruins, sondern Zeugnis grosser Resilienz und unbezwungenen Lebenswillens.

Diese Kräfte verbinden sich mit einer zuweilen sentenzenhaften Schönheit des Ausdrucks und Gedankens. «Ich lebe nicht mehr in der Nähe der Hölle. Sie ist weit weg, wenn die Sonne scheint, wenn die Stimmen der Vögel sich melden. Es ist ein Glückstag, weil es Mittag, Abend gibt.»

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