TV-Kritik

Eine chaotische Show mit zahmer Jury

Die Jury: DJ Bobo, Christa Rigozzi und Roman Kilchsberger.

Die Jury: DJ Bobo, Christa Rigozzi und Roman Kilchsberger.

Die erste Runde der «grössten Schweizer Talente» auf SF ging am Wochenende über die Bühne. Die grosse Unterhaltungskiste entpuppte sich als harmlose Show mit zahlreichen Werbeunterbrüchen. Scharfe Kommentare kamen nur vom Publikum.

Was erwartet man von einer Fernsehshow, die die «grössten Schweizer Talente» verspricht? In der ersten Vorrunde ist zumindest von DJ Bobo noch Selbstironisches zu hören. Denn worauf man sich wohl am meisten gefreut hatte, waren nicht Talente, sondern jene anderen, die die Jury zu bissigen Kommentaren provozierten. Das merkte man auch an den aggressiven Reaktionen der Zuschauer in der Maag Halle bei schlechten Performances. Roman Kilchsperger, der eigentlich den Part des «Bösen» zu übernehmen hätte, zeigte sich zahm. Da war Bobo seiner Rolle als «harter, aber kompetenter» Juror am besten nachgekommen und hat Ersterem den Rang als Witzbold abgelaufen. Christa Rigozzi nahm eine seltsame Mittelstellung ein zwischen «nett» und «kompetent», was nicht immer gelang.

Roter Faden? Fehlanzeige

Gespannt war man auch auf die Moderation, vor allem auf Anna Maier. Viel sagen lässt sich nicht, Sven Epiney und Maier waren am präsentesten bei den Werbeansagen. Dass sie durch die Show geführt hätten, was in der Regel Aufgabe der Moderation ist, davon kann keine Rede sein. Aber das lag nicht an ihnen, sondern am schwächsten Teil der Sendung: dem chaotischen Aufbau. Roter Faden? Fehlanzeige. Stattdessen ein Durcheinander von Porträts, den schlimmsten Zweisekundenauftritten und Jurydiskussionen. Das liess die Show, gelinde gesagt, zeitweise langweilig werden.

Glanzlichter gab es trotzdem. Zwei junge Sängerinnen, die vom Publikum in der Maag Halle frenetischen Applaus ernteten. Die Besprechung durch die Jury nahm sich dann hymnisch aus. Auch die Richter sind froh, wenn zur Abwechslung etwas geboten wird. Den lustigsten Part übernahmen Die drei Tenöre, die dank Skischuhen und -bindungen eigentlich unmögliche Posen einnahmen. Kilchsperger hatte recht mit dem Spruch – seinem vielleicht bösesten des Abends – dass der Auftritt halb so gut gelungen wäre, wenn es keine Pannen gegeben hätte. Witzig auch, wie die Jury dann selbst in die Skischuhe stieg und zu Playback hin und her schwankte.

Auch Profis fehlten nicht

Wie immer fehlten auch professionelle Aufführungen nicht. Zwei Akrobatinnen zeigten Beindruckendes, keine Frage. Aber es kann ja nicht darum gehen, professionelle Darbietungen auszuzeichnen. Käme Cecilia Bartoli in die Maag Halle und schmetterte eine Kastratenarie hin, dann müsste sie gewinnen, auch gegen die gute Leistung einer Trommelgruppe, die eingängige Rhythmen mit Plastikkübeln und -fässern, Konfitürendeckeln und Mülltonnen spielten.

Alles in allem eine gelungene Show? Sagen wir eine, die unserer Zeit angepasst ist. Schnell, unzusammenhängend, lustig und langweilig, aber vor allem – inszeniert.

Eine strenge Dramaturgie unterlaufen dagegen die Kandidaten der Show. Wer es von den mehr als 1400 Künstlern in die ersten acht Sendungen und somit vor die Jury Christa Rigozzi, Roman Kilchsperger und DJ Bobo schaffte, musste beim Schweizer Fernsehen (SRF) einen knallharten Vertrag unterzeichnen: «Obwohl ich bereits rausgeflogen bin, musste ich einen knapp zehnseitigen Vertrag unterschreiben», sagt eine Innerschweizer Soul-Sängerin. «Nun bin ich noch bis drei Monate nach dem Finale an diese Vereinbarung gebunden und für alle weiteren Projekte gesperrt.»

Knebelverträge üblich

Die Zeitung «Der Sonntag» hatte Einblick in den Vertrag und darin steht, dass weder die Kandidatin selber noch ihre Familie oder die Verwandten ohne vorherige Zustimmung des Schweizer Fernsehens mit der Presse über den Auftritt reden oder beispielsweise auf Facebook oder Twitter darüber schreiben dürfen. «Ohne diesen Vertrag darf man nicht mitmachen, und darum hatte ich das unterschrieben, auch wenn es total übertrieben ist. Ich darf ja nun meinen Auftritt nicht einmal auf Youtube stellen, um Werbung für mich zu machen, da müsste ich schon mit einer Klage rechnen», sagt die junge Künstlerin.

Beim Schweizer Fernsehen wehrt man sich: Der Vertrag sei eine branchenübliche Teilnehmervereinbarung, die allen Kandidaten vor der Teilnahme an den Jury-Aufzeichnungen vorgelegt wurde, sagt SRF-Sprecher Martin Reichlin.

Es werde darin lediglich sichergestellt, dass die Informationshoheit im Rahmen der SRF-Show «Die grössten Schweizer Talente» bei Schweizer Radio und Fernsehen liege. Reichlin: «Die Teilnehmer dürfen demzufolge auf Facebook oder im privaten Umfeld über ihren Auftritt informieren, sofern SRF diese Informationen bereits veröffentlicht oder die Auftritte ausgestrahlt hat.»

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